Erweiterte Biographie, mit wem Sie es an dieser Stelle zu tun haben:

Selbstversuche, Texte über das eigene Leben, Fragen wie die nach dem eigentlichen Zeitpunkt der Geburt, wie Didier Eribon sie mit anderen stellt, fallen mir ein, wenn ich diesen Titel höre. Und im Geheimen wäre es auch eine Leidenschaft von mir, eben genau dieser Frage, nach dem von mir als merkwürdig empfundenen Selbst nachzugehen, Aufklärung über dieses »Problem« zu bekommen, das ich mein eigen nenne. Allerdings stellt sich mir heute eine andere Frage, die Frage nach der Suche nach einem Ort, der es erlaubt da-zu-sein, nach einer Stadt, die keine Ansprüche stellt, nach einer Stadt die keine Rollen verteilt, nach einer Stadt, die man immer verloren glaubt, in der man meint geboren zu sein. Ich stelle heute folglich nicht die Frage nach dem Zeitpunkt meiner Geburt, sondern nach dem Ort, der immer erfunden und trotzdem wirklicher ist als die anderen.

Ich bin in Ottensheim geboren. In Ottensheim geboren zu sein bedeutet an einem Ort auf die Welt gekommen zu sein, der scheinbar anspruchslos das neue Leben begrüßt, jedoch im zweiten Anlauf einen Katalog an Belehrungen, Vorschriften, unausgesprochenen Benimmregeln und zum Ausgleich das Versprechen großer Freiheit gibt. Ottensheim kann zur unbeugsamen Gemeinde werden, die zuletzt noch Widerstand leistet, Ottensheim ist aber auch ein Gefängnis, man kann nicht gehen.

Wenn Sie nun als Reisende die Donau in Wilhering überqueren, das Stift hinter sich lassen, sich den unterschiedlichen Fährmännern (manchmal auch Frauen) überlassen, die kein Geheimnis daraus machen, dass die Überfahrt zwar sicher beginnen wird jedoch der Ort der Ankunft möglicherweise nicht akzeptiert wird, man sich vielleicht entscheidet Sie an ein vorbeifahrendes Schiff abzugeben, oder Sie in Diskussionen über die Verhaltensweisen der Donau zu verstricken, dann eröffnet sich die Geographie Ottensheims vor Ihnen. Rechts die Bar, links die Pizzeria, geradeaus der Steilhang zur Kirche.

Als Kind habe ich mich für alle drei entschieden, keine Lokalität war mir fremd. Essen, Trinken und Beten, ich konnte den Wert aller drei Betätigungen in dieser, meiner verlorenen Stadt schätzen.

Das Ottensheim, in das ich geboren wurde gehörte dem Ritual. Die Frauen und Männer verstanden sich zu kleiden, sie hielten Salons ab, sie waren nicht meine Eltern. Meine Eltern waren die Kinder dieser ehrwürdigen Personen, sie waren wild und stark, sie sind es immer noch.

Ottensheim ist ein Ort an dem die Generation meiner Eltern sich ihre eigene Stadt gebaut hat, sie besetzten Wirtshäuser, Parkbänke und Donauauen. Wir besetzten das Plantschbecken, und zwar nackig.

Ich bin nie dahin gekommen die Parkbänke in Ottensheim zu besetzen, viele meiner Freunde haben es geschafft. Es ist die Suche nach meiner Bank, die mich seit dem andauernden Versuch Ottensheim zu verlassen, nicht ruhen lässt, diese Suche nach einem Ort an dem ich sein kann, für kurze Zeit, nach einer Bank, die mich auch immer wieder freigibt, nach einem Platz zum Ausruhen, ist mein Grund zu »arbeiten«.

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