VO Vorbereitung – nicht überarbeitet – bitte nicht zitieren, zum Lesen und Nachdenken

Literaturverzeichnis

Said, Edward W. 1997. Die Welt, der Text und der Kritiker.Frankfurt am Main: Fischer.

—. 1997. Götter die keine sind. Der Ort des Intellektuellen.Berlin: Berlin Verlag.

—. 1994. Kultur und Imperialismus. Einbildungskraft und Politik im Zeitalter der Macht.Frankfurt am Main: Fischer.

—. 2009. Orientalismus.Frankfurt am Main: Fischer.

 

Die intellektuelle Tätigkeit nach Edward W. Said. (Said 1997)

1994 „Representations of the Intellectual“, es ist die schriftliche Form einer Ausgabe der Reith Lectures, der BBC.

Edward W. Said stellt eine Frage: Wo liegt der Ort des Intellektuellen? Inhalt des folgenden Texts von Said sind Überlegungen zur Aufgabe, zu den Pflichten eines intellektuellen Lebens. Wenn der Titel, zumindest in seiner deutschen Übersetzung, auch anders verstanden werden kann: Wo liegt der Ort des Intellektuellen? Wo passiert intellektuelles Tun, nicht wer ist die Intellektuelle, sondern wann hat sie stattgefunden, diese Tätigkeit.

Said schreibt:

 „So etwas wie einen privaten Intellektuellen gibt es nicht; von dem Augenblick an, wo man etwas niederschreibt und veröffentlicht, tritt man an die Öffentlichkeit.“ (Said 1997) S.18

Öffentlichkeit. Said formuliert:

„Meine These lautet, daß Intellektuelle Individuen sind, denen die Kunst des Repräsentierens gegeben ist (…)“ (Said 1997) S.18

Intellektuelles Tun bewegt sich folglich zwischen Bereichen und ist allerdings ebenso an sich mächtig, es trägt die Macht sich veröffentlichen zu können. Es bedeutet die Position Einmischungen platzieren zu können. Die Möglichkeit des Rückzugs – ins reine Denken – ist nicht gegeben, da das Produzieren nicht ohne Produzierende und deren Verstrickungen gedacht werden kann.

Zitat Said:

„Oder läßt sich die Rolle des Intellektuellen mit mehr Recht als die eines Dissidenten begreifen? Niemals Solidarität vor Kritik – so lautet die kurze Antwort.“ (Said 1997) S.39

Knapp: Aufgabe ist es zwar solidarisch zu sein, allerdings niemals zu sehr. Götter ablehnen. Aufgabe ist es Konkretes im Allgemeinen zu denken, Kritiken selbstkritisch neuzudenken.

Intellektuelles Tun erfordert damit nach Said die Leistung nicht ganz im Eigenen zu sein, sich distanzieren zu können. Said erwartet von Intellektuellen sich im Exil zu befinden.

Exil bedeutet das Leben fern von der Heimat, die jedoch durch beständige Information und Anbindung allzeit präsent ist. Exil möchte Said konkret verstehen, seiner eigenen Biographie entsprechend, aber auch metaphorisch. Exil bedeutet in jedem Fall die Ferne zu Privilegien und Macht – wenn auch bereits angesprochen wurde, dass eine gewisse Mächtigkeit – sich veröffentlichen zu können – gegeben sein muss. Exil bedeutet beständiges Bewegen, bedeutet ein Leben fern von Gemütlichkeiten und Gewohnheiten.

Es ist der vielschichtige Blick, den das Exil erlaubt. Es wird möglich das Gegenwärtige nicht nur im Kontext der, im Moment, für einen bestehenden Situation zu sehen, sondern ebenso vor dem Hintergrund einer anderen Form des Lebens. Die Fähigkeit eine solche Distanz im Denken einführen zu können erlaubt es die Dinge nicht nur so zu sehen wie sie sind, sondern auch in ihrer Entstehungsgeschichte, so Said.

Wovon sollen Intellektuelle leben?

Die Alternative eröffnet sich für Said nicht zwischen totaler Rebellion oder völliger Ruhe. Intellektuelle können Berufe ausführen, verdienen vermutlich oft schreibend oder denkend ihr Geld, sollen allerdings in ihrem intellektuellen Tun Amateur*Innen bleiben, um den drei Zwängen des Professionalismus zu entgehen, die Said mit: Spezialisierung, Expertenwissen und unvermeidliche Annäherung an Macht und Autorität – benennt.

Auch fordert Said Intellektuelle auf beständig die Wahrheit zu sagen. Wahrheit? Vielleicht wäre es richtiger so zu formulieren: Said fordert ein, dass es im Konkreten, in bestimmten Situationen immer wieder Dinge gibt, die wirklich so waren, die passiert sind.

Allerdings bedeutet ihm das Suchen nach Wahrheit an eben jenen Theorien, Thesen, Weltbildern und Begrifflichkeiten zu nagen, die uns vermeintlich allgemeine Aufklärung versprechen.

Die Wahrheit sagen, bedeutet das Besondere, das in der Zeit passiert, sichtbar zu machen, um es Theorien gegenüberzustellen, die beanspruchen, durch die Autorität einer bestimmten Methode beispielsweise, allgemeine Wahrheiten aussagen zu können.

Said wendet sich an Gramsci, der schreibt:

„Alle Menschen sind Intellektuelle, könnte man (…) sagen: aber nicht alle Menschen haben in der Gesellschaft die Funktion von Intellektuellen.“ (9)

Said beschreibt Gramsci als einen der sowohl als Lebender als auch als Denkender seine Thesen zu verfolgen wusste. Er war Organisator der Arbeiterbewegung in Italien, Journalist und Theoretiker. Gramsci wusste so Said um die Verbindung von Analyse, dem Beschreiben allgemeiner gesellschaftlicher Veränderung, sowie um die Wichtigkeit einer aktuellen Bewegung, die Veränderung einfordert.

Gramsci unterscheidet die Intellektuellen in zwei Kategorien. In traditionelle Intellektuelle und organische Intellektuelle. Die einen sind beispielsweise die Lehrer und Priester, sie führen über Generationen hinweg die gleiche Tätigkeit aus, die anderen sind an Unternehmen, an Klassen gebunden, sie Denken für jemanden und um eines Zwecks willen.

Antonio Gramsci betont die Wichtigkeit einer speziellen Form von Pädagogik in der Bestrebung Herrschaftsverhältnisse zu verändern. Es geht ihm dabei nicht darum besonders wissende Lehrende auszubilden, sondern eben das Lehrer-Schüler Verhältnis als eines des Austauschs und sich gegenseitig Fortbildens zu denken. Veränderung betrifft damit nicht nur die/den Schüler, sondern bedeutet die Selbstveränderung der Lehrenden. In diesem Sinne muss eine Bewegung zur gesellschaftlichen Veränderung ihre eigenen Intellektuellen, die sie als Sprechende oder Lehrende akzeptieren kann hervorbringen. Die Lehrenden der bürgerlichen Tradition, die oben als traditionelle Intellektuelle bezeichnet wurden, brauchen, auf dem Weg zu einer anderen Gesellschaft einen Widerpart, der eben genau die Aufgabe wahrnehmen kann, einerseits zu lehren und zu informieren, sich aber andererseits von den Schülern verändern und belehren zu lassen.

Womit zurückgekommen werden kann zu dem Zitat, dass Said an den Anfang stellt. Prinzipiell ist jeder Mensch eine Intellektuelle, könnte zur Lehrenden werden in einem Moment, konkret ist es aber allerdings so, dass nicht jede diese Stellung in einer Gesellschaft wahrnimmt. In diesem Sinne gilt es für solche, die die Rolle der Intellektuellen spielen, zu einem Ort zu werden, der die Umstände einer Zeit auszusprechen und aufzuzeigen vermag. Die organischen Intellektuellen stehen folglich einer paradoxen Situation gegenüber, sie sind sozusagen Diener im Geist der Selbstermächtigung und das Ziel des Innehabens ihrer Sprechposition, muss sein eben diese Position zu entmachten. Die konkrete Aufgabe der Intellektuellen ist in diesem Zusammenhang die Systematisierung jener Kritik, die im Alltäglichen laut wird.

Nicht ganz zufällig kommen bei Gramsci die Intellektuellen an ihre Stellung, sie müssen sich dadurch auszeichnen schon etwas mehr Reflexionarbeit über gesellschaftliche Prozesse geleistet zu haben, oder man könnte vielleicht auch sagen, dass jene die die Orte des Intellektuellen beanspruchen, die Einsicht besitzen müssen, dass ihre Stellung keine Herrschaftsposition bedeutet.

Wer sind Intellektuelle? Zwei Textstellen Saids.

„Wenn man, von der Macht abgeschnitten, von einem unseligen Zustand Zeugnis ablegt, ist das keineswegs eine eintönige Angelegenheit. Es umfaßt, was Foucault einst eine unnachgiebige Gelehrsamkeit nannte, das Überprüfen verschiedenartigster Quellen, das Aufsuchen verschollener Dokumente, das Einfühlen in vergessene (oder fallengelassene) Geschichten. Es schließt einen Sinn für das Dramatische und das Aufrührerische ein, man muß aus den seltenen Gelegenheiten das Wort ergreifen zu können, eine große Affaire machen, die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich ziehen, man muß mit Witz und Sportsgeist den Gegener übertrumpfen.“ (142)

„Am allerwenigsten sollte ein Intellektueller sich dafür hergeben, seiner Zuhörerschaft Zufriedenheit zu vermitteln: der entscheidende Punkt ist, unbequem, widerborstig, ja lästig zu sein.“ (18)

Saids Orientalismus (Said, Orientalismus 2009)

Said, Edward W.: Orientalismus, Frankfurt am Main, Fischer Verlag, 2014

Zum Buch:

Orientalismus ist 1978 unter dem Titel „Orientalism“ erschienen. Der Text wurde in unterschiedlichste Sprachen übersetzt und hat Said eine gewisse Berühmtheit eingetragen. Das Buch wurde von unterschiedlichsten Gruppen vereinnahmt, Said für die jeweils eigenen Zwecke verwendet. Said betont allerdings immer wieder, dass es der Grund und die Aussage seines Buches ist, die Pflicht, Dinge immer wieder zu hinterfragen, einzufordern. Er möchte nicht fixiertes Wissen über eine Sache bereitstellen, sondern in die Offenheit und ins Nachdenken aufbrechen.

Der Orientalismus bedeutet für Said die Vereinnahmung und Konstruktion des »Orients«. Eine Einheit wird als zu Beherrschende erschaffen, um eine andere in ihrer Herrschaft als Kolonialmacht zu legitimieren (den Westen – ein Kampfbegriff selbst). Der Orientalismus soll in diesem Sinne nicht als eine Erfindungdes »Westens« beschrieben werden, sondern als Systematik, die einerseits die westliche Sicht auf den Orient bestimmt, sowie eine allgemeine Kultur, eine orientalische Kultur behauptet, diese im wiederholenden Sprechen ins Lebens bringt.

Wie ist es möglich eine Vormachtstellung zu erschaffen, die Beschreibungen legitimiert? Es ist die Behauptung von Objektivität, die Said als Machtinstrument eines Sprechens beschreibt, das sich selbst als westlich und herrschend festigen und erzählen möchte und dazu den zu beherrschenden Orient als Gegenteil fixiert, als nicht objektiven, politischen oder gar emotionalen Ort des Sprechens, als notwendig zu beherrschendes Areal.

„Hier möchte ich nun erörtern, auf welche Weise die liberale Übereinkunft, dass »wahre« Erkenntnisse grundsätzlich unpolitisch sind (und daher umgekehrt eindeutig politische Erkenntnisse nicht »wahr« sein können), die hochgradig, wiewohl nicht transparent organisierten politischen Bedingungen des Wissenserwerbs verschleiert.“(19)

Der Orientalismus ist ein Glaubensgebilde, dass in Wechselwirkung zwischen Autor(I)nnen als Individuuen, ihrer nationalen Ambitionen (bewusst oder unbewusst), ihrem Streben nach Anerkennung innerhalb eines »wissenschaftlichen oder künstlerischen Diskurses« erdacht und materialisiert wurde. Als Westen wollten sich verstehen England, Frankreich, die USA und auf Schriften von Autor(I)nnen aus diesen Regionen ist der Orientalismus gebaut.

Said schreibt:

 „(…) man sollte also den Orientalismus besser nicht als ein positives Denkmodell auffassen, sondern mehr als ein Denkverbot oder eine Denkhemmung.“ (55)

Eine Stunde der Geburt für den Orientalismus ist nach Said Napoleons Ägyptenfeldzug. Der durch Buchwissen vorbereitet wird und vom spezialisierten Forschungsinstitut unterstützt war, das mehr Wissen über Ägypten sein Eigen nannte, als es dem »Ägypter« als zugänglich glaubte.

„Zwar versuchen alle Autoren den Orient zu schildern, wichtiger ist jedoch, in welchem Maß die innere Struktur des jeweiligen Werkes eine umfassende Interpretationanstrebt. Meistens läuft diese nämlich, kaum überraschend, auf eine romantische Verklärung oder Revision des Orients hinaus, die ihn für die Gegenwart retten soll; das heißt, jede strukturierende Interpretation des Orients ist eine Art Wiederaufbau.“ (185)

Im Orientalismus begegnet man beständig dem Wunsch, einer Region ihre eigene Größe zurückzugeben, sie zu entwickeln, zurückzuentwickeln, zu einer alten Gesellschaft, die sie scheinbar gewesen sein mag.

Said kommt auf den Diskurs Foucaults zurück. Der Orientalismus entspricht dem von Foucault beschriebenen, so Said.

 „In ihrer Gesamtheit begründen dieses Wissen und diese Realität dann eine Tradition oder das, was Michel Foucault »Diskurs« genannt hat, dessen Materialität oder Gewicht in Wirklichkeit für die Texte verantwortlich ist, die aus ihm entstanden sind, und nicht die Originalität eines bestimmten Autors.“ (115)

Was erlaubt es den Autoren des Orientalismus, sich nun aber als objektive Persönlichkeiten darzustellen, als etwas objektivere Menschen?

Es ist oft der private Lebenswandel, der als Beweis eingebracht wird. Das Führen von Freundschaften mit Einheimischen sind Beweis, sie nehmen nie die ganze Person des Orientalisten ein, er bleibt Betrüger, ist nie voll und ganz Freund, immer zuerst Beobachter. Oder, der Orientalist meint sich zu beweisen in der Verweigerung von Körperlichkeit, in der Verweigerung von Heirat, im »Reinbleiben« für die Wissenschaften, für den Orientalismus. Eine Form von vermeintlicher Askese soll den Orientalisten zur Wahrheit befähigen.

Said möchte den Orientalismus beschreiben und gleichzeitig Beschreibungen, Theorien einer Perspektivierung unterziehen. So bekommt das Finden von Texten und Dokumenten für Said, eine sehr spezielle Bedeutung.

„Auch wenn man durchaus dazu neigen kann, solchen Thesen zuzustimmen – zumal der Islam, wie ich zu belegen versucht habe, im Westen grundsätzlichfalsch dargestellt wird –, liegt das eigentliche Problem darin, ob es überhaupt richtige Darstellungen von irgendetwas geben kann oder ob nicht alle Darstellungen als solche zuerst in die Sprache und dann in die Kultur, die Institutionen und das politische Ambiente des Darstellenden eingebunden sind. Wenn das zutrifft (wie ich meine), so müssen wir annehmen, dass Darstellungen eo ispso mit vielen anderen Dingen als der »Wahrheit«, die ihrerseits eine Darstellung ist, verbunden, verwoben und verknüpft sind. Methodologisch führt dies dazu, Darstellungen (oder Entstellungen – da bestehen allenfalls graduelle Unterschiede) auf ein gemeinsames Spielfeld abzubilden, dessen Rahmen nicht allein Thematisch festgelegt ist, sondern auch historisch, durch Denktraditionen und das betreffende Diskursuniversum. Dieses Feld kann kein einzelner Denker erzeugen, sondern er findet es vor und leistet seine individuellen Beiträge dazu, die auch im Fall außergewöhnlicher Genies Strategien sind, das Material darin neu anzuordnen; und auch wenn jemand ein verlorenes Manuskript wiederentdeckt, stellt er den so »gefundenen« Text in einen vorbereiteten Kontext, denn das ist die eigentliche Bedeutung des Findens.“ (312-313)

Die objektive Wahrheit als Instrument des Orientalismus:

In diesem Sinne wird nicht die Wahrheit des Beschriebenen – in den Texten des Orientalismus – zu Saids Thema, sondern der Stil des Schreibens, die Art und Weise, wie über den Orient gesprochen wird.

Er schreibt:

„Also muss man vor allem auf den Stil, die Redefiguren, das Szenario, die Erzählformen, die historischen und gesellschaftlichen Umstände achten und eben nichtauf die richtige oder originalgetreue Darstellung. Um das Prinzip der Offenlegung zu legitimieren, zieht man irgendeine Spielart der Binsenwahrheit heran, dass der Orient gewiss selbst für sich sprechen würde, wenn er nur könnte; da er dies aber nicht könne, müssten westliche Sachwalter ihm diese Aufgabe wohl oder übel abnehmen.“ (32)

Die vermeintliche Offenlegung kann nun als eine Verdoppelung des Orients verstanden werden, die eben nur so lange ihre Bedeutung behält, als ein Sprechen jener, die man als Orientalen bezeichnet, als unmöglich in eben diesem Diskurs gilt.

Die Verdoppelung des Orients durch den Orientalismus findet somit ihr Fundament im Akt der Gewalt das Sprechen der Besprochenen als unmöglich zu erklären.

Oder, um es wieder mit Foucault zu formulieren. Dem Sprechen der Besprochenen wird die Wahrheit abgesprochen, ihr Diskurs wird dem des Wahnsinns und der Emotion zugeteilt, nicht dem der Wahrheit.

Was will Said? Eine Zusammenfassung.

„Die methodologischen Defizite der Orientalistik lassen sich nicht damit erklären, dass der wahreOrient anders sei als alle Theorien über ihn oder dass die Orientalisten als Westler kein richtiges Gespür für sein innerstes Wesen hätten, denn beide Aussagen sind falsch. Ich behaupte nämlich weder, dass es so etwas wie einen echten oder wahren Orient (respektive Islam et cetera) gäbe, noch dass »Insider« ihn besser verstehen würden als »Außenstehende«, um diese Unterscheidung Robert K. Mertons aufzugreifen. Mir geht es im Gegenteil darum, dass »der Orient an sich« ein Konstrukt ist und dass die Vorstellung in höchstem Maße fraglich ist, es gebe dort Regionen mit indigenen, »völlig anderen« Einwohnern, die man auf der Grundlage einer religiösen, kulturellen oder ethnischen Essenz, die dieser Region eigen sei, definieren könne.“ (370)

Gegen den Okzidentalismus.

„Doch vor allem hoffe ich, gezeigt zu haben, dass man auf den Orientalismus nicht mit einem Okzidentalismus antworten darf. Denn gewiss würde es ehemalige »Orientalen« nicht freuen, dass sie als solche jetzt (höchst) wahrscheinlich ihrerseits neuen, von ihnen selbst geschaffenen »Orientalen« respektive »Okzidentalen« gegenüberstünden. Wenn die Erkenntnisse der Orientalistik einen Sinn haben, so den, daran zu gemahnen, wie sehr das Wissen, und zwar jedes Wissen, zur Erniedrigung verführt. Das gilt heute vielleicht mehr als je zuvor.“ (376)

Sechs Punkte zum Orientalismus nach Said:

Erstens, ist der Orientalismus eine Art Rahmen des Denkens. Man kann auch sagen ein Diskurs nach Foucault. Der Orientalismus legt fest welche Art von Aussagen über den Orient möglich sind.

Zweitens wird damit festgelegt wer sprechen darf. Verstanden als eine Art Diskursgesellschaft definiert der Orientalismus Sprechende – die Westler – und Zuhörende, die den Diskurs der Westler auswendig lernen können, möchten sie Teil der Gesellschaft sein. Die Positionen zwischen Zuhörern und Sprechern können aber nie vertauscht werden.

Drittens werden nicht nur Formen der Aussage bestimmt, sondern durch Wiederholung werden sozusagen wahre Aussagen festgelegt. In diesem Sinn kann der Orientalismus als ein ewiger Kommentar zu einem verlorenen Grundtext beschrieben werden.

Viertens konnten sich die Thesen des Orientalismus erhalten, weil er sich zur Zeit der Kolonialmächte verfestigte, sozusagen zu einer Zeit gewalttätiger Unterdrückungssituationen. Der Orientalismus konnte sich nicht deswegen halten weil es keinen Widerstand gegeben hätte, sondern weil die Kolonialmächte die Möglichkeit hatten Widerstand in den Bereich des wahnsinnigen Sprechens einzuordnen, diesem Sprechen und Tun keine Wahrheit zusprechen mussten.

Fünftens ist der Orientalismus eine enorme Form von Verallgemeinerung. Es werden unterschiedlichste Lebensformen unter Begriffen vereint, mit dem Ziel einfacher sprechen und herrschen zu können.

Sechstens und schlussendlich ist der Orientalismus ein Weg Herrschaft zu legitimieren unter der Vorgabe objektives Wissen sichtbar zu machen und in diesem Sinn zwingt er zu einer Reaktion der Wissenschaften. Die Frage wird laut, wie es möglich ist eigene Formen von Herrschaftswissen zu erkennen.

Ein paar Beschreibungen des Orientalismus von Said:

„Der Orient grenzt nicht nur an Europa, er barg auch seine größten, reichsten und ältesten Kolonien, ist die Quelle seiner Zivilisationen und Sprachen, sein kulturelles Gegenüber und eines seiner ausgeprägtesten und meistvariierten Bilder »des Anderen«. Überdies hat der Orient dazu beigetragen, Europa (oder den Westen) als sein Gegenbild, seine Gegenidee, Gegenpersönlichkeit und Gegenerfahrung zu definieren.“ (9-10)

Man könnte argumentieren schreibt Said „(…) dass gerade das nach innen oder außen wirksame Leitmotiv des Hegemonialen das Hauptmerkmal der europäischen Kultur bildet: die Vorstellung einer allen anderen Völkern und Kulturen überlegenen europäischen Identität. In dieses Bild passen auch die hegemonialen europäischen Vorstellungen vom Orient, die ihrerseits dessen Rückständigkeit und die eigene Überlegenheit bekräftigen, gewöhnlich ohne zu beobachten, dass ein unabhängiger oder skeptischer Beobachter die Sache ganz anders sehen könnte.“ (16)

 „Wenn es also zutrifft, dass geisteswissenschaftliche Erkenntnis niemals die persönlichen Lebensumstände ihres Urhebers ausblenden oder verleugnen können, so muss dies auch für einen Europäer oder Amerikaner gelten, der den Orient erforscht. Das heißt, er sieht den Orient in erster Linie mit den Augen eines Europäers oder Amerikaners und erst in zweiter Linie aus seiner individuellen Perspektive. Dabei ist die Nationalität auch kein bloßes Beiwerk, sondern schlägt sich in dem (zumindest vagen) Bewusstsein nieder, einer Macht mit eindeutigen Interessen und, wichtiger noch, einem Erdteil mit fast bis auf die Zeit Homers zurückgehendem historischem Engagement im Orient angehören.“ (20-21)

„Kurz, der Orientalismus hat als eine besondere Denkweise für den Umgang mit etwas Fremdem von seinen Anfängen bis heute eine bedauerliche Tendenz zur Schubladenbildung und Schwarzweißmalerei gezeigt; da diese Tendenz den Orientalismus im Ganzen prägt, was seine Theorie, seine Praxis und seine Werte angeht, gilt die Überlegenheit des Westens über den Osten wie selbstverständlich als eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache.“ (60)

Said zu Kultur und Imperialismus (Said, Kultur und Imperialismus. Einbildungskraft und Politik im Zeitalter der Macht. 1994)

Kultur und Imperialismus. Einbildungskraft und Politik im Zeitalter der Macht, 1993 in New York erschienen.

Am Beginn unserer heutigen Auseinandersetzungen soll ein Zitat von Said stehen, das die Sorge vor der Macht der Institution ausdrückt:

[Es] sind Wachsamkeit und Selbstkritik von hoher Bedeutung, weil jede oppositionelle Anstrengung Gefahr läuft, institutionalisiert zu werden, so wie Randständigkeit sich in Seperatismus verwandeln und Widerstand sich zum Dogma verhärten kann.“ (96)

Saids Kultur und Imperialismus ist ein Aufruf zur Achtsamkeit gegenüber Formen der Anerkennungsproduktion. Man könnte es so formulieren, wenn die erdachten Thesen zu populär werden, gilt es die eigenen Voraussetzungen zu überdenken. Die Frage der Philosophie darf damit nicht sein, wie werde ich mit meinem Denken erfolgreich? Im Gegenteil, mit Said könnte man sich eher fragen, warum bin ich so erfolgreich, welche Narrative bedient mein Denken?

Anschließend an seine Arbeit zu Orientalismus, wird Said auf das Verhältnis zwischen Kultur und Herrschaft aufmerksam, dem er in Kultur und Imperialismus nachgehen möchte.

Besonders beeindruckend am Beobachteten findet Said, dass die rhetorischen Figuren, in der Darstellung eines geheimnisvollen Ostens oder beispielsweise des chinesischen Geistes sich standhaft im Gespräch zu halten vermögen.

Zweitens möchte sich Said aber auch gegen die These wenden, dass ein aktiver westlicher Eindringling einem passiven Osten gegenübersteht und gestanden ist. Er merkt an, dass dem Kolonialisierung immer Widerstand entgegengeschlagen hat, und dass schlussendlich dieser Widerstand meistens vermochte sich durchzusetzen.

Said möchte sich im Folgenden genauer mit den Begriff »Kultur« beschäftigen, der in seinen Texten zentrale Bedeutung annimmt.

Said verwendet den »Begriff« Kultur in zwei Arten. Erstens als die Bezeichnung für Produkte, die in einem ästhetischen Bereich entstehen, der sich als autonom gegenüber dem Alltag versteht und zweitens beschreibt Said eine Dimension des Begriffs Kultur, die es ausmacht, das zu definieren was als das Beste und Besondere bezeichnet wird, das eine Gesellschaft hervorzubringen vermag.

Ich komme zur ersten Form Kultur zu denken nach Said, dieser schreibt:
„In dem Sinne wie ich es benutze, bedeutet das Wort »Kultur« insbesondere zweierlei. Erstens meint es jene Praktiken der Beschreibung, Kommunikation und Repräsentation, die relative Autonomie gegenüber dem ökonomischen, sozialen und politischen Sektor genießen und sich häufig in ästhetische Formen kleiden, die u.a. Vergnügen bereiten.“ (14)

In diesen Bereich fallen für Said die Geschichten und Sagen aus unterschiedlichen Regionen der Welt, aber auch Geschichtsschreibung und Soziologie. Man könnte also ausformulieren, alle jene Dinge, mit denen Mensch sich beschäftigt, wenn er gerade nicht für Nahrung und Wohnen arbeiten muss.

Welche Bedeutung umfasst die zweite Bedeutung von Kultur, Said schreibt:

„Zweitens bezeichnet Kultur – und auf beinahe unmerkliche Weise – ein Konzept der Verfeinerung und der Erhebung, das Reservoir jeder Gesellschaft »an Besten«, was je erkannt und gedacht worden ist, (…)

Man liest Dante und Shakespeare, um mit dem »Besten« Schritt zu halten, was gedacht und erkannt worden ist, und um sich selbst, die eigene Gesellschaft und Tradition im hellsten licht zu sehen. Mit der Zeit wird die Kultur, häufig militant, mit der Nation oder dem Staat assoziiert, nahezu immer mit einem gewissen Grad an Xenophobie. Kultur in diesem Sinne ist eine Quelle der Identität, (…)“ (15)

In dieser Bedeutung verwendet man das Wort Kultur, wenn man von der Rückkehr zur Tradition oder Kultur sprechen möchte.

Kultur in diesem Sinne beschreibt Said als Theater, in dem unterschiedliche Formen von Kräften aufeinandertreffen. Der Versuch ist es Kultur als wertvoll und besonders zu beschreiben, die eigene Kultur, die eigene Kunst, das was als Kunst definiert wurde.

Eine Kultur, die sich als Sammelort für das Beste oder die Besten erklärt, steht folglich gegenüber den anderen Besten und gegenüber dem, das als einfach oder notwendig bezeichnet wird.

Kultur ist eine Schutzzone, der es erlaubt ist, abseits von Politik und Welt im Allgemeinen zu leben.

Said möchte Kultur als Feld von Bestrebungen, die aufeinandertreffen, als dynamisches Werk denken.

Kultur ist damit nicht nur als in Veränderung zu denken, sondern als eine Form von Grenze.

Said schreibt in diesem Kontext:

Es geht folglich nicht darum mehr Verständnis für andere Kulturen aufzubringen, Kultur als offenes Konzept zu denken, sondern darum ein politisches System abzulehnen, dass Gruppen von Menschen in die Situation bringt vom Verständnis anderer abhängig zu sein.

Kultur und Imperialismus möchte ein Beitrag zu einer gemeinsamen Geschichte sein, die mitarbeiten will an einer Welt, die Widerstand gelten lässt, das Buch möchte in diesem Sinne Geschichten des Widerstands und seiner Verschleierung erzählen. Kultur und Imperialismus lässt die Verbindungen zwischen AutorInnen und dem Umstand Kulturkonkret sichtbar werden.

Wie schon in Orientalismus beschreibt Said das 19. Jahrhundert und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts vom britischen und französischen Imperium geprägt. Nach der Entkolonialisierung Mitte des 20. Jahrhunderts sieht Said die USA die Rolle der Herrschaft übernehmen.

Woran ist diese Rolle der USA zu erkennen?

Erstens nennt Said die Muster der Argumentation und Erklärung, die es vermögen Herrschaftsorte zu bezeichnen. Es sind immer die gleichen Sätze, die verwendet werden, um Herrschaft zu rechtfertigen, alle großen Imperien der Geschichte haben sie verwendet, so Said.

Diese Muster der Argumentation gehen einher mit dem Streben nach der Weltherrschaft.

Said schreibt:

„(…) immer erklingt dann das erschreckende stereotypische dementi, daß »wir« eine Ausnahme bilden, daß »wir« nicht beutehungrig und nicht drauf und dran sind, die Fehler früherer Machthaber zu wiederholen, ein Dementi, auf das dann alsbald die Wiederholung der alten Fehler folgt (…)“ (28)

Ein Imperium, das sich ausweiten möchte, ist folglich daran zu erkennen, dass es Schreckenstaten legitimiert aufgrund einer – man könnte sagen –Hausmeisteraufgabe, die man auf der ganzen Welt einnehmen müsse, um nicht die Unordnung siegen zu lassen, sowie im Gegenzug die gleichen Schreckenstaten – sind es nicht die eigenen – schwer verurteilt werden und als Gefahr für die Ordnung beschrieben werden.

Said kritisiert den offensichtlichen Imperialismus der Politik, sowie die Gestalt des Schreibenden, der dieser Form von Argumentation zur Seite tritt.

Ein weiteres Ziel des Lesens von Texten in Imperialismus und Kultur ist es damit sie in ihr Verhältnis zur herrschenden Politik zu stellen.

Ich komme mit Said zur Frage nach drei Begriffen, dem der Herrschaft, dem der Geographie und nochmals zur Kultur.

Die Vergangenheit ist die Legitimation der Gegenwart. Kann als kurzes Statement am Anfang stehen. Diese Aussage gilt allerdings mit Einschränkungen.

Said schreibt:

„Berufungen auf die Vergangenheit gehören zu den verbreitetsten Strategien der Deutung der Gegenwart. Was diese Berufungen belebt, ist nicht nur die Meinungsverschiedenheit in bezug auf das, was in der Vergangenheit geschah und was diese Vergangenheit war, sondern auch die Ungewißheit darüber, ob die Vergangenheit wirklich vergangen ist, vorbei und abgeschlossen, oder ob sie, vielleicht, weitergeht, wenn auch in ganz eigentümlichen Formen.“ (37)

Said wirft folglich zwei Fragen auf: Welche Vergangenheit ist es, auf die man sich beruft? Und. Ist die Vergangenheit, die als Referenzpunkt dienen soll vergangen oder eher ein Teil der Gegenwart, für die sie eine spezielle Rolle spielen kann?

Said formuliert den Versuch der geographischen Überprüfung der historischen Erfahrung, vor dem Hintergrund einer Welt, die nicht mehr in wirund siegeteilt werden kann, sowie es sich um eine Welt handelt, die besiedelt ist, es gibt keine unbewohnten Räume.

Said schreibt:

„So wie niemand von uns außerhalb der Geographie steht, so ist niemand von uns vollständig frei vom Kampf um die Geographie. Dieser Kampf ist komplex und lehrreich, weil er nicht nur um und mit Soldaten und Kanonen geführt wird, sondern auch um und mit Ideen, Formen, Bildern und Imaginationen.“ (41)

Die geographische Überprüfung der Geschichte, hat somit die Aufgabe nachzuschauen aus welchen Landschaften heraus geltende Erzählungen passieren. Welches Imaginäre ist anleitend, macht eine besondere Art von Geschichte möglich, ist die Frage.

Oder konkret: Zur Zeit des Kolonialismus wurden Geschichten im sogenannten Zentrum formuliert. Diesen Geschichten wurde Gültigkeit für die ganze Welt zugeschrieben. Die Geschichten von Orten der Unterdrückung, wurden in Sinne der Foucaultschen Unterscheidung zwischen Normalität und Wahnsinn, dem Wahnsinn zugeschrieben, wie Said argumentiert. Das wahnsinnige Sprechen wird von einer normalen Gesellschaft als eines beschrieben, das keinen Wahrheitswert in sich trägt.

In diesem Sinn würde eine Entkolonialisierung bedeutet, die Wertigkeiten der Geschichten wieder an die Dimension ihrer Orte der Entstehung anzupassen.

Imperialismus kann damit als die Möglichkeit verstanden werden Geschichten aufzuzwingen. Oder wie es Said auch anders formuliert:

„In dem Sinne, wie ich ihn gebrauchen werde, bezeichnet der Begriff »Imperialismus« die Praxis, die Theorie und die Verhaltensstile eines dominierenden großstädtischen Zentrums, das ein abgelegenes Territorium beherrscht (…)“ (44)

Womit ein weiterer Aspekt Saids geographischer Überprüfung angesprochen wird. Es gilt nachzuschauen, ob Erzählungen dem Zentrum oder der Peripherie zugerechnet werden, um eben diese Unterscheidung aufzuheben. Oder um es anders zu formulieren, das Zentrum zur Peripherie werden zu lassen. Ein Versuch in dieser Richtung ist es von der These auszugehen, dass die Erzählungen auch andere hätten sein können, ist es, dem Produzierten eine gewisse Zufälligkeit zuzuschreiben, die von der bestehenden Geographie gelenkt ist.

Den Kolonialismus versteht Said als eine Folgeerscheinung des Imperialismus. Kolonialismus bedeutet die konkrete Inbesitznahme von Land.

Der Imperialismus ist die Strategie, die es erlaubt ein Imperium zu erhalten, getragen werden muss er von einer Ideologie, die erklären kann, warum es gut ist, dass das Imperium besteht. Die Erstellung dieser Ideologie beschäftigt die Schreibenden.

In diesem Sinn erhebt Said keine Anklage an die Kunst und Literatur, sie soll in ihrer Funktion für oder gegen ein Imperium aufgezeigt werden.

Womit wir bei einem weiteren Begriff Saids angekommen sind, dem der Unreinheit.

Erstens, sei dazu angemerkt, dass nicht die These der Homogenität einer Kultur zu halten ist, sondern dass Kulturen mehr Fremdes und Anderes in sich tragen als sozusagen Eigentliches. Die Zeit des Kolonialismus hat das Bild von Indien und London verändert, sowie jenes von Algerien oder Frankreich. Keine der Kulturen kann scharf von der anderen getrennt werden.

Und dies ist nur ein Beispiel. Said bezieht sich auf den Historiker Hobsbawm, mit der These, dass jede klar umrissene Form von Herkunft oder Kultur eine bewusste Entscheidung zu Grunde liegt, die die Vielfalt dessen, das bestanden hat, negiert.

Diese Formen der Erfindung bestehen im Sinne des Imperiums und gegen das Imperium.

Aufgabe ist es nun, um mit Said zu sprechen, den kontrapunktischen Blick auf Erfahrungen zu werfen, verflochtene Geschichten zu erzählen und sich gegen eine Politik der Schuldzuweisungen und Feindseligkeiten zu stellen.

Said zeigt in diesem Punkt eine spezielle Form von Radikalität. Er stellt nicht die Frage nach der Gerechtigkeit, oder die Frage danach wie Schuld beglichen werden muss, sondern er fordert alle Beteiligten sozusagen auf Sammelbände von Geschichten zu erstellen, die es erlauben Wirklichkeit nachzulesen, um vor dem Umstand dieser Pluralität in eine neue Wirklichkeit aufzubrechen, die es vermag diesen Akt des Sammelns als ihre Grundlage zu verstehen.

Es geht folglich darum von dem was man als die Essenz der eigenen Erfahrung verstehen mag Abstand zu nehmen.

Ich komme zur Überschrift dieses Abschnitts zurück, drei Begriffe sollten thematisiert werden: Geographie, Herrschaft, Kultur

Geographie ist in diesem Sinne als Raum zu verstehen, der sich abseits von Landkarten eröffnet, als unreflektierte Heimat der Theorie oder Geschichte. Eine Kritik durch die Geographie bedeutet Erkenntnis oder Geschichten mit ihrer Herkunft zu konfrontieren, um so eine Kontextualisierung zu ermöglichen. Zweitens, Herrschaft wird einerseits möglich, wenn Ideologie als ein fixierter Bezug zur Wirklichkeit funktioniert. Herrschaft bedeutet in Rituale eingeübt zu sein, die man nicht mehr als solche erkennt. Andererseits, ist Herrschaft durch die Verneinung des eigenen Sprechens möglich, dann wenn man nicht glaubhaft Wahrheit aussprechen kann, weil man dem Bereich des Irrationalen zugerechnet wird.

In diesem Sinne sind im Imperialismus alle von Herrschaft betroffen, die einen unbemerkt, die anderen offensichtlich. Und schon in dieser Schreibweise wird sichtbar, dass Herrschaft es mit klar definierter Identität zu tun hat. Erst wenn es möglich ist ein Leben zu führen das weder der Definition des einen noch des anderen entspricht, wäre man mit den Worten Foucaults in der Situation nicht dermaßen regiert zu werden. An einem Ort, den die Kritik der fixierten Identitäten aufmacht.

DrittensKultur, man könnte sie als den oben erwähnten Sammelband von Geschichten verstehen. Produkte dieser Kultur wären Entwürfe für die Zukunft, die nicht dem Prinzip der Vereinheitlichung von Denken folgen, sondern die Vermehrung anstreben.

Saids Kritik (Said, Die Welt, der Text und der Kritiker 1997)

Said bespricht Literaturkritik, die er aber weit über den Text hinaus und mit dem Leben verstrickt denkt. Literaturkritik muss mit Said zu einer Textgattung werden, die zwar mit der Literatur, mit dem Text beginnt, sich allerdings dann weit über diesen hinaus erstreckt, eine kritische Lebenshaltung wird, zur Gesellschaftskritik wird.

Said weist erstens darauf hin, dass Kritiker sich gegenseitig Fragen nach sich selbst zu stellen haben. Kritiker ist man folglich nicht alleine, sondern das einander Befragen nach dem Denken, macht die kritische Tätigkeit aus.

Und mit Said, sowie anschließend an seine Thesen zum Intellektuellen wird die Frage wichtig, wie eine zeitgenössische Form des Denkens möglich ist, das sich nicht unterwirft und Allgemeinheit meidet.

Said beginnt sein Buch mit dem Hinweis darauf, dass sich die Kritik von ihren Bedingungen entfernt hat.

Said möchte im Folgenden die Literaturkritik, dazu aufrufen, zwei entstandene Versionen ihrer selbst abzulehnen. Weder die Untermauerung des Gegebenen, noch ein Rückzug in die Weltfremdheit sind Möglichkeiten, die die Kritik wahrnehmen kann.

Er formuliert erneut eine Definition von Kultur aus, wie er sie im Folgenden verstehen möchte.

Zitat:

„Im vorliegenden Buch verwende ich das Wort Kultur, um eine Umgebung, einen Prozeß und eine Hegemonie zu bezeichnen, worin Individuen mit ihren privaten Lebensverhältnissen und ihrer Arbeit eingebettet sind, kontrolliert von einem Überbau über sich und einer ganzen Reihe methodologischer Einstellungen unter sich. Kultur ist der Bereich, in dem sich die Spannweite der Bedeutungen und Vorstellungen feststellen läßt, wie sie von den Ausdrücken »zu einem« oder »an einen Ort gehören«, »an einem Ort zu Hause sein« vermittelt werden.“ (17)

„Zweitens steckt in der Vorstellung von Kultur als dem Besitzen eines Besitzes noch eine interessante Dimension: nämlich die Macht der Kultur, kraft ihrer erhabenen oder überlegenen Stellung zu autorisieren, zu dominieren, zu legitimieren, zu degradieren, zu verbieten und zu bestätigen. Kurz gesagt: Kultur ist eine und vielleicht die wichtigste Macht, die sowohl innerhalb wie außerhalb ihres Bereichs für eine nachhaltige Differenzierung sorgt.“ (179)

Wir treffen an dieser Stelle die Kultur wieder, wie Said sie in „Kultur und Imperialismus“ beschreibt, als die Lebensumstände in die wir eingeübt sind einerseits und andererseits als Machtmaschine, die Unterschiede vermag zu etablieren.

Kultur wird für Said damit zu einem Wertesystem, das alle Lebensbereiche durchzieht. Kultur etabliert die geltende Form von Normalität.

Und wie früher Kultur sich auf einen Kanon des Wissens beziehen konnte, so ist sie heute in ihren Standards unsichtbar. Die Kultur zeigt sich gegenwärtig als das Natürliche, als das was als objektiv oder real erscheint, so Said.

Kultur vermag es damit eine Unterteilung zwischen oben und unten vorzunehmen. Sie benennt jene, die zum Kreis derer gehören, die die Kultur innehaben, die damit eine Heimat haben und bezeichnet die Ausgegrenzten, die nicht eingeübt sind in die herrschenden Normen, von unten in eine Gesellschaft einsteigen können, um Ausgeschlossene bleiben.

Wenn die Kultur mit einer Gesellschaft, einem Staat zusammenfällt, so ist jede kulturelle Handlung eine Bestätigung dieses Staates, dieser Gesellschaft.

Diese Form von Kultur bringt immer Widerstand, der sich zumeist aus dem ausgeschlossenen Bereichen des Lebens nährt, so Said.

Said führt die Begriffe Filiationund Affiliationein. Filiation möchte er als die ursprünglichen Verwandtschaftsverhältnisse verstehen, Affiliation bezeichnet angenommene Verwandtschaftsverhältnisse.

Nach Said wird in der Moderne die Frage nach alternativen Verwandtschaftsstrukturen dringend, die die Bindungen innerhalb einer Familie ersetzen können. Die Familie und ihre Mechanismen werden in der Moderne suspekt, Freuds Arbeit zeigt dies in besonderer Weise, so Said.

Said schreibt:

„Was ich hier beschreibe, ist der Übergang von einer verfehlten Idee oder Möglichkeit der Filiation zu einer Art Ersatzordnung, in der Männer und Frauen in eine neue Art von Beziehung zueinander treten, die ich zwar Affiliation genannt habe, die aber auch ein neues System ist, sei es eine Partei, eine Institution, eine Kultur, eine Überzeugung oder gar eine Weltanschauung.“ (31)

Diese neuen Verwandtschaftsstrukturen können »Die Partei« sein, sie können die Kollegen innerhalb des eigenen Forschungsgebiets sein. Es können internationale Gesellschaften sein, die sich unter einem Projekt zusammenschließen.

Die Frage stellt sich nun, warum Said uns mit diesen Überlegungen konfrontiert.

Said möchte beispielsweise die Universität, die Orte der Wissensproduktion als familienähnliche Strukturen beschreiben. Die Besonderheit dieser Strukturen liegt nun wie jene der Familie darin, dass sie hierarchische Systeme sind in denen die immer neuen Väter Wissen und Macht an ihre Söhne übertragen.

In diesem System konnte ein Kanon des Wissens entstehen, der sich als das Wissen dieser neuen Gemeinschaft oder Familie verstehen konnte, sie als System reproduzierte.

Said formuliert die Problematik dieser neuen gewählten Familienstrukturen so:

„Der Prozeß der Repräsentation, durch den Filiation sich in der affiliativen Struktur reproduziert und angibt, was zu uns gehört (wie wir unsererseits zur Familie unserer Sprachen und Traditionen gehören), verstärkt das Bekannte auf Kosten dessen, was man kennenlernen könnte.“ (36)

Said kommt damit darauf zurück, dass die Wissenschaften zum Teil weniger als Formen des Suchens nach Wahrheit zu beschreiben sind, sondern mehr als Methoden der Wahrheitsproduktion, die keine Risiko eingehen möchte.

Als Risiko ist in diesem Kontext bereits das Lesen und verarbeiten von unangemessenen Texten zu verstehen.

In der Kritik der natürlichen Formen der Fortpflanzung entsteht damit eine neue Form der Fortpflanzung, die sich über kulturelle und soziale Kategorien legitimiert, sie wird in diesem Sinne selbst von der Kritik hervorgebracht und gleichzeitig muss ihr mit einer neuen Form von Kritik begegnet werden.

Said warnt die Kritik folglich mit seinen Beschreibungen davor selbst neue Formen des Ausschlusses hervorzubringen.

Für gegenwärtige Kritiker beschreibt Said zwei Wege.

Einerseits den für Said unmöglichen Weg, der Kritiker wird zum Komplizen dieses Musters und legitimiert sozusagen die Machtübergabe.

Diesen ersten Weg könnte man als die Erstellung einer kritischen Theorie beschreiben, von einer Theorie, die sozusagen Kritik garantiert.

Den zweiten Weg beschreibt Said so:

„Die zweite Alternative besteht für den Kritiker darin, den Unterschied zwischen instinkthafter Filiation und sozialer Affiliation zu erkennen und zu zeigen, wie Affiliation gelegentlich Filiation reproduziert und gelegentlich ihre eigenen Formen schafft.“ (38)

Said stellt den Kritiker damit in ein Feld zwischen zwei Formen der Machtausübung. Die eine Form nennt er die filiative und sie kann als die Form bezeichnet werden, die die Zwänge der Herkunft zusammenfasst. Die andere Form nennt Said die affiliative und sie bezeichnet die Zwänge jenes Systems, das sich Denkende aneignen, aus Willen und Überzeugung.

Kritik, so stellt Said schon zu Beginn seines Buches damit in der Raum, bedeutet sich von keinem der Zwänge vereinnahmen zu lassen.

Es geht Said um eine weltzugewandte Kritik, die es mit profanen und lokalen Situationen zu tun hat, sich gegen hermetische Systeme wendet.

Wie kann Text kritisch werde, wie kann interpretiert werden?

Said schreibt:

„Ich will jetzt einige Faktoren untersuchen, durch die Texte ihrer Interpretation Beschränkungen auferlegen, oder, um es metaphorisch auszudrücken: ich will zeigen, wie die Nähe des Weltkörpers zum Textkörper Leser dazu zwingt, beide in Betracht zu ziehen. Neuerdings hat die Theorie der Kritik zu Unrecht betont, der Interpretation seien keine Grenzen gesetzt; da jedes Verstehen ein Mißverstehen sei, könne keine Auslegung besser sein als irgendeine andere, und folglich seien alle Auslegungen – potentiell unendlich viele – letztlich gleichermaßen Fehlinterpretationen.“ (58)

Said wendet sich gegen die Vorstellung einer unendlichen Anzahl von Interpretationen, da diese Form des Lesens, es verlangen würde, einen Text unabhängig von seinem Entstehungskontext zu betrachten, der die Interpretationsmöglichkeiten festlegt, so Said.

Und in diesem Sinne argumentiert Said, dass jeder exklusive Begriff von Text, wie er schreibt, den Willen zur Macht außer Acht lässt, der einen Text in einer bestimmten Situation, in einer bestimmten Interpretation hervortreten lässt.

Said beschreibt Texte durch zwei Arten der Affiliation bestimmt, die es vermag den Interpretationsrahmen festzulegen.

Er schreibt:

„Die erste Art der Affiliation liegt in der Relation des Essays zu dem Text oder dem Anlaß, von dem er handeln soll. Wie kam es zur Wahl gerade dieses Textes? Wie erschließt der Essay diesen Text? Wie definiert er letztlich seine Relation zum Text und zum Anlaß, von dem er handelt. Die zweite Art der Affiliation liegt in der Intention des Essays, einen bestimmten Zugang zu finden (und der Intention des Publikums, die vom Essay vorausgesetzt oder vielleicht durch ihn geschaffen wird).“ (73)

Said beschreibt uns folglich zwei Fluchtpunkte von Texten, die abseits ihres Körpers liegen. Erstens, stellt er die Frage nach dem Grund, die Frage warum sich Schreibende für ein spezielles Thema entschieden haben.

Zweitens, beschreibt Said, dass ein jeder Text, hat er sein Thema gefunden, bemüht ist Zugang zur Leserschaft, zur Institution zu finden. Abseits vom Thema versucht der Text sich als zu einem Ort zugehörig zu zeigen. Oder anders formuliert, die Autoren stellen sich in Beziehung zu anderen Autoren und den Lesern.

Interpretationen sind damit in dem begrenzten Bereich möglich, den das Leben und die Methoden vorgeben.

Kritik ist damit Interpretation, die sich aus anderen Situationen ergibt als den üblichen. Kritisches Denken und Schreiben, beschäftigt sich mit der Situation, dem Grund und den Methoden seines Entstehens, um im Text den Verlust eines Ursprungs zu bezeichnen, der Wahrheit verspricht.

Kritik verortet sich nach Said, sie behautet nicht Wissen zu besitzen, sondern spricht aus einer besonderen Perspektive.

10 Punkte zu Saids Kritik:

  1. Said stellt neue Formen der Religiosität fest, die sich in sehr allgemeinen Begriffen ausdrücken.
  2. Soll Kritik damit selbst wieder zu einem säkularen Unternehmen werden, zu einem säkularen Denken beitragen.
  3. Stellt sich dem Denken so konkret die Frage, wie es seinen neuen Abhängigkeiten entkommen kann. Als Beispiel sei mit Said an dieser Stelle die Abhängigkeit vom Markt genannt.
  4. Ist Kritik damit eine Form von Denken, die sich nicht unterwirft und Verallgemeinerungen meidet.
  5. Möchte Said eine weltzugewandte Kritik ausformulieren.
  6. Stellt Said fest, dass Kulturen der Unterwerfung immer Widerstand hervorbringen. Die Aufgabe der Kritik ist es diesem Widerstand größtmögliche Sichtbarkeit zu verschaffen.
  7. Kritik bedeutet kein Verfallen in gewählte Familienstrukturen, auch wenn sich diese Strukturen als kritisch bezeichnen.
  8. Ist die Kritik, die sich nicht vereinnahmen lässt, abgeschlossenen Figuren gegenüber wachsam.
  9. Kann Kritik sich als die Wiederholung von Umständen zeigen. Jede Wiederholung bringt neue Zusammenhänge ein. Es entsteht überdeterminierte Geschichte.
  • Die zentrale Frage der Kritik oder Literaturkritik lautet mit Said: Wie bedeutet Sprache?

 

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