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Edward W. Said „Die Welt, der Text und der Kritiker“ Frankfurt am Main, Fischer Verlag, 1997

Wir gehen in den letzten Block unserer Vorlesung, der der Kritik gewidmet ist. Das Programm unseres heutigen Termins gibt das Buch „Die Welt, der Text und der Kritiker“ von Edward W. Said.

Said bespricht an diesem Ort Literaturkritik, die er aber weit über den Text hinaus und mit dem Leben verstrickt denkt. Literaturkritik muss mit Said zu einer Textgattung werden, die zwar mit der Literatur, mit dem Text beginnt, sich allerdings dann weit über diesen hinaus erstreckt, eine kritische Lebenshaltung wird.

Ich werde mit dem Schluss einsteigen, den Said mit dem Titel: Die religiöse Wende der Kritik, überschreibt.

Said kommt an diesem Ort auf Vico zurück der zwei Arten von Wissen unterscheidet.

Said schreibt:

„Wissen heißt Machen, sagt Vico, und das bedeutet, die Menschen wissen nur, was sie gemacht haben, nämlich das Geschichtliche, das Gesellschaftliche und das Säkulare. Die historia sacra hingegen ist von Gott gemacht, deshalb kann man sie nicht wirklich kennen. Allerdings war Vico sich sehr wohl bewußt, daß in einer von Priestern beherrschten Epoche wie der seinigen Gott respektiert und öffentlich gefeiert werden mußte.“ (294)

Said spricht vor dem Hintergrund dieser Unterteilung zwischen einem Wissen, das menschlich ist und einem Wissen, das man nicht kennen kann, göttlichem Wissen, von einer merkwürdigen Vermischung in der Gegenwart.

Er schreibt:

„In unserer Zeit hat sich ein seltsamer Wandel vollzogen: Die säkulare Welt – insbesondere die menschliche Arbeit, die in die Produktion literarischer Texte eingeht – erweist sich weder als vollkommen menschlich noch als mit menschlichen Begriffen vollkommen faßbar.“ (294)

Was meint Said mit dieser gespenstischen Beschreibung?

Said meint nicht den Irrationalismus in der Welt, oder radikale Vereinfachungen. Er beobachtet, dass der Verweis auf Göttliches, Esoterisches und Verborgenes in der Literatur zugenommen hat.

Eine Form, des Ausdrucks dieser neuen Suche nach dem Ungreifbaren sind nach Said grobe Verallgemeinerungen, wie er sie uns in Orientalismus beschreiben hat.

Said schreibt:

„Wie ich bereits sagte, spielen überdimensionale Verallgemeinerungen wie der Orient, der Islam, der Kommunismus oder der Terrorismus eine merklich wachsende Rolle im manichäischen Theologisieren des »Anderen«, und dieses Anwachsen ist ein Zeichen dafür, wie stark der religiöse Diskurs jenen Diskurs beeinflußt, der zur säkularen, geschichtlichen Welt gehört.“ (294)

Diese kreierten Einheiten können damit den Ort des Ungreifbaren und Religiösen und eine Unterscheidung zwischen uns und einem ungreifbaren oder theologisierten Anderen einführen.

Zusätzlich beobachtet Said auch eine Haltung von wie er schreibt ehemalig militanten säkularen Denkern, die neue Hoffnung in die Religion als Trostspender für den Menschen legen.

Said schreibt abschließend:

„Am deprimierendsten ist es, die Annäherung von erklärten Neokonservativen und religiös orientierten Kritikern zu beobachten; für beide ist die Privatheit des gesellschaftlichen Lebens wie des kulturellen Diskurses durch den Glauben an die quasigöttlichen Segnungen des Marktes gewähreistet. Mit ihrem Rückzug auf sich selbst weigert sich die Kritik vielleicht unwissentlich, vielleicht aber auch wissentlich, ihre Affiliationen zur Kenntnis zu nehmen, über die sie mit der politischen Welt, der sie dienen, verbunden ist. Einst ein Intellektueller, wird der moderne Kritiker zu einem Kleriker im schlimmsten Sinne des Wortes. Die wichtigste Frage, die Kritiker einander zu stellen haben, ist meiner Ansicht nach, wie ihr Diskurs insgesamt wieder zu einem wirklich säkularen Unternehmen werden kann.“ (296)

Said weist erstens darauf hin, dass Kritiker sich gegenseitig Fragen nach sich selbst zu stellen haben. Kritiker ist man folglich nicht alleine, sondern das einander Befragen nach dem Denken, macht die kritische Tätigkeit aus.

Zweitens stellt sich die Frage, wie ein neues säkulares, kritisches Unternehmen entstehen kann. Oder mit anderen Worten:

Wie wird es dem Denken möglich aus seiner Unterwürfigkeit zu entfliehen, in die es sich durch die Abhängigkeit vom Markt begeben hat, wie wird es möglich die Abhängigkeit von herrschenden Institutionen des Sprechens in Frage zu stellen.

Oder noch einmal anderes formuliert:

Wie ist eine zeitgenössische Form des Denkens möglich, das sich nicht unterwirft und Allgemeinheit meidet.

Ich springe zur Einleitung, die Said „Weltzugewandte Kritik“ nennt.

Said beginnt sein Buch mit dem Hinweis darauf, dass sich die Kritik von ihren Bedingungen entfernt hat, die er mit dem Bild der Arbeit bezeichnet, oder die man die Voraussetzungen des Schreibens nennen könnte.

Es hat sich ein Gelehrtentum entwickelt, so Said, das von Textualität spricht, die nicht von jemandem und an einem Ort vollbracht wird, sondern sozusagen da ist, interpretiert werden kann.

Und Said möchte im Folgenden die Literaturkritik, dazu aufrufen, zwei entstandene Versionen ihrer selbst abzulehnen. Er merkt an, dass weder die Untermauerung des Gegebenen, noch ein Rückzug in die Weltfremdheit Möglichkeiten sind, die die Kritik wahrnehmen kann.

Said möchte sich folglich mit den Orten der Produktion beschäftigen, mit Kulturen der Hervorbringung.

Er formuliert erneut eine Definition von Kultur aus, wie er sie im Folgenden verstehen möchte.

Zitat:

„Im vorliegenden Buch verwende ich das Wort Kultur, um eine Umgebung, einen Prozeß und eine Hegemonie zu bezeichnen, worin Individuen mit ihren privaten Lebensverhältnissen und ihrer Arbeit eingebettet sind, kontrolliert von einem Überbau über sich und einer ganzen Reihe methodologischer Einstellungen unter sich. Kultur ist der Bereich, in dem sich die Spannweite der Bedeutungen und Vorstellungen feststellen läßt, wie sie von den Ausdrücken »zu einem« oder »an einen Ort gehören«, »an einem Ort zu Hause sein« vermittelt werden.“ (17)

„Zweitens steckt in der Vorstellung von Kultur als dem Besitzen eines Besitzes noch eine interessante Dimension: nämlich die Macht der Kultur, kraft ihrer erhabenen oder überlegenen Stellung zu autorisieren, zu dominieren, zu legitimieren, zu degradieren, zu verbieten und zu bestätigen. Kurz gesagt: Kultur ist eine und vielleicht die wichtigste Macht, die sowohl innerhalb wie außerhalb ihres Bereichs für eine nachhaltige Differenzierung sorgt.“ (179)

Wir treffen an dieser Stelle die Kultur wieder, wie Said sie in „Kultur und Imperialismus“ beschreibt. Als die Lebensumstände in die wir eingeübt sind einerseits und andererseits als Machtmaschine, die Unterschiede vermag zu etablieren.

Kultur wird für Said damit zu einem Wertesystem, das alle Lebensbereiche durchzieht. Kultur etabliert die geltende Form von Normalität.

Und wie früher Kultur sich auf einen Kanon des Wissens beziehen konnte, so ist sie heute in ihren Standards unsichtbar. Die Kultur zeigt sich gegenwärtig als das Natürliche, als das was als objektiv oder real erscheint.

Kultur vermag es damit eine Unterteilung zwischen oben und unten vornehmen. Sie benennt jene, die zum Kreis jener gehören, die die Kultur inne haben, die damit eine Heimat haben und den Ausgegrenzten, die nicht eingeübt sind in die herrschenden Normen, von unten in eine Gesellschaft einsteigen können, um zu lernen oder Ausgeschlossene bleiben.

Wenn die Kultur mit einer Gesellschaft, einem Staat zusammenfällt, so ist jede kulturelle Handlung eine Bestätigung dieses Staates, dieser Gesellschaft.

Diese Form von Kultur bringt immer Widerstand, der sich zumeist aus dem ausgeschlossenen Bereichen des Lebens nährt, so Said.

Womit mit Said der Schritt hin gemacht werden kann, zu dem was er ein kritisches Bewusstsein nennt. Nach dem Vorangegangenen wird sichtbar, dass es sich um ein Bewusstsein handeln muss, dass zwar im gesellschaftlichen und kulturellen verankert sein muss, sich aber auch vermag in Peripherien, wenn man so sagen möchte, zurückzuziehen.

Said schreibt:

„Um es noch einmal zu wiederholen: Das kritische Bewußtsein ist ein Teil seiner realen gesellschaftlichen Welt und konkret des Körpers, dem es innewohnt, keineswegs jedoch eine Flucht aus dem einen oder dem anderen.“ (27)

Said führt an dieser Stelle die beiden Begriffe Filiation und Affiliation ein. Filiation möchte er als die ursprünglichen Verwandtschaftsverhältnisse verstehen, Affiliation bezeichnet angenommene Verwandtschaftsverhältnisse.

Said beschreibt die in Freund sich verdichtende Furcht vor und Problematik des Zeugens von Kindern.

Diese Geschichte der Darstellung der Schwierigkeiten von Verwandtschaft, durch die Entfremdung des Menschen, der selbst sein Kind verdinglicht als ein Produkt seiner Arbeit, wie Said mit Lukács schreibt, bringt nicht nur das Problem der Fortpflanzung des Menschen mit sich, sondern auch ein anderes.

Nach Said wird in der Moderne die Frage nach alternativen Verwandtschaftsstrukturen dringend, die die Bindungen innerhalb einer Familie ersetzen können.

Said schreibt:

„Was ich hier beschreibe, ist der Übergang von einer verfehlten Idee oder Möglichkeit der Filiation zu einer Art Ersatzordnung, in der Männer und Frauen in eine neue Art von Beziehung zueinander treten, die ich zwar Affiliation genannt habe, die aber auch ein neues System ist, sei es eine Partei, eine Institution, eine Kultur, eine Überzeugung oder gar eine Weltanschauung.“ (31)

Diese neuen Verwandtschaftsstrukturen können »Die Partei« sein, sie können die Kollegen innerhalb des eigenen Forschungsgebiets sein. Es können internationale Gesellschaften sein, die sich unter einem Projekt zusammenschließen.

Die Frage stellt sich nun, warum Said uns mit diesen Überlegungen konfrontiert.

Said möchte beispielsweise die Universität, die Orte der Wissensproduktion als familienähnliche Strukturen beschreiben. Die Besonderheit dieser Strukturen liegt nun wie jene der Familie darin, dass sie hierarchische Systeme sind in denen die immer neuen Väter Wissen und Macht an ihre Söhne übertragen.

In diesem System konnte ein Kanon des Wissens entstehen, der sich als das Wissen dieser neuen Gemeinschaft oder Familie verstehen konnte, sie als System reproduzierte.

Said merkt nun an, dass gegenwärtig, also zur Zeit seines Schreibens zum ersten Mal in der Geschichte eine Situation entstanden ist, die es nicht mehr erlaubt nur eine Gemeinschaft und Form des Zusammenlebens weiterzugeben.

Durch weltweite Kommunikation und immer hörbarer werdende Anmerkungen, werden Formen des Wissens und der Affiliation, wie Said sagen würde, sichtbar, die den an den Universitäten herrschenden europäischen Kanon in Frage stellen.

Dieser Einwand wird auch immer wieder unter dem Motto formuliert, sich gegen einen Kanon der alten weißen Männer zu wehren.

Said formuliert die Problematik dieser neuen gewählten Familienstrukturen so:

„Der Prozeß der Repräsentation, durch den Filiation sich in der affiliativen Struktur reproduziert und angibt, was zu uns gehört (wie wir unsererseits zur Familie unserer Sprachen und Traditionen gehören), verstärkt das Bekannte auf Kosten dessen, was man kennenlernen könnte.“ (36)

Said kommt damit darauf zurück, dass die Wissenschaften zum Teil weniger als Formen des Suchens nach Wahrheit zu beschreiben sind, sondern mehr als Methoden der Wahrheitsproduktion, die keine Risiko eingehen möchten.

Als Risiko ist in diesem Kontext bereits das Lesen und verarbeiten von unangemessenen Texten zu verstehen.

Diese Frage nach der Angemessenheit von Wissen begegnet uns in der Philosophie besonders oft und wird sichtbar am Beginn eines jeden Werkes, das seinen Platz in der Philosophie finden möchte.

Es bleiben im Schreiben von Philosophie sozusagen zwei Möglichkeiten offen, um zu beginnen, die ersten wäre anzugeben welcher Methode man folgen möchte, welchem Philosophen man sich anschließen möchte.

Die zweite Möglichkeit ist eine eigene Definition von Philosophie an den Beginn des Textes zu stellen, die ihre Gültigkeit allerdings erst durch die angeführten Referenzen erhält.

Passiert keines von beidem wird der Text nicht als philosophisch ins Fach der Philosophie aufgenommen, darf sozusagen nicht Familienmitglied sein.

Said nennt einen zweiten Einwand gegen die beschriebenen Formen der Affiliation:

„Zum zweiten kritisiere ich die Annahme, beim Studium der Literatur komme es vor allem auf solche Beziehungen an, die (wie ich feststellte) auf Repräsentation beruhen, und es müßten die Spuren anderer Beziehungen, die sich in literarischen Strukturen finden und die im wesentlichen auf Erwerb und Aneignung beruhen, außer Acht gelassen werden.“ (36)

Said verweist an dieser Stelle auf Raymond Williams, der in „The Country and the City“ englische Landhausgedichte untersucht. Er möchte in dieser Studie zeigen, was nicht repräsentiert, was nicht unmittelbar sichtbar wird in den Beschreibungen der Gärten und der gepflegten Schönheit.

Williams verweist mit diesen Gedichten auf die Arbeit und die Ausbeutung, die das Repräsentierte haben möglich werden lassen.

Said schreibt, dass Williams den begangenen Diebstahl nicht offen anspricht und es dennoch schafft all diese Informationen zu vermitteln. Möglich wird dies nach Said durch das Sichtbarmachen eines Ethos, das es vermag die Beziehungen zu verdinglichen, also als schöne Gärten zu beschreiben, und die Gärten/Dinge in dieser Art von ihrem sozialen Gehalt zu befreien.

Said geht es um eben jenes Ethos, das die Aufgabe des Kritikers wird.

Er schreibt:

„Alles, was ich hier gesagt habe, ergibt sich aus dem Echo, das wir zwischen den Worten »Filiation« und »Affiliation« hören. Ich habe gewissermaßen zu zeigen versucht, daß Filiation – wie sie sich durch die Kunst und die kritischen Theorien entwickelt hat, die die Moderne auf vielfältige Weise hervorbrachte – Affiliation entstehen läßt. Affiliation wird zu einer Repräsentationsform der filiativen Prozesse, wie sie sich in der Natur finden, obwohl Affiliation für gültig erklärte, nicht biologische, sondern soziale und kulturelle Formen annimmt.“ (37)

In der Kritik der natürlichen Formen der Fortpflanzung entsteht eine neue Form der Fortpflanzung, die sich über kulturelle und soziale Kategorien legitimiert, sie wird in diesem Sinne selbst von der Kritik hervorgebracht und gleichzeitig muss ihr mit einer neuen Form von Kritik begegnet werden.

Said warnt die Kritik folglich mit seinen Beschreibungen davor selbst neue Formen des Ausschlusses hervorzubringen.

Für gegenwärtige Kritiker möchte Said nun zwei Wege vorschlagen.

Einerseits den für Said unmöglichen Weg, der Kritiker wird zum Komplizen dieses Musters und Legitimiert sozusagen die Machtübergabe.

Diesen ersten Weg könnte man als die Erstellung einer kritischen Theorie beschreiben, von einer Theorie, die sozusagen Kritik garantiert.

Den zweiten Weg beschreibt Said so:

„Die zweite Alternative besteht für den Kritiker darin, den Unterschied zwischen instinkthafter Filiation und sozialer Affiliation zu erkennen und zu zeigen, wie Affiliation gelegentlich Filiation reproduziert und gelegentlich ihre eigenen Formen schafft.“ (38)

Said stellt den Kritiker damit in ein Feld zwischen zwei Formen der Machtausübung. Die eine Form nennt er die filiative und sie kann als die Form bezeichnet werden, die die Zwänge der Herkunft zusammenfasst. Die andere Form nennt Said die affiliative und sie bezeichnet die Zwänge jenes Systems, das sich Denkende aneignen, aus Willen und Überzeugung.

Kritik, so stellt Said schon zu Beginn seines Buches damit in der Raum, bedeutet sich von keinem der Zwänge vereinnahmen zu lassen.

Es geht Said um eine weltzugewandte Kritik, die es mit profanen und lokalen Situationen zu tun hat, sich gegen hermetische Systeme wendet.

Kritik, so Said, ist immer eine oppositionelle Angelegenheit.

Nächster Punkt, ich nenne ihn:

Welche Interpretation ist möglich?

Said schreibt:

„Ich will jetzt einige Faktoren untersuchen, durch die Texte ihrer Interpretation Beschränkungen auferlegen, oder, um es metaphorisch auszudrücken: ich will zeigen, wie die Nähe des Weltkörpers zum Textkörper Leser dazu zwingt, beide in Betracht zu ziehen. Neuerdings hat die Theorie der Kritik zu Unrecht betont, der Interpretation seien keine Grenzen gesetzt; da jedes Verstehen ein Mißverstehen sei, könne keine Auslegung besser sein als irgendeine andere, und folglich seien alle Auslegungen – potentiell unendlich viele – letztlich gleichermaßen Fehlinterpretationen.“ (58)

Dieser Auffassung der Unendlichkeit von Interpretation erlaubt nach Said nur eine Ansichtsart, die den Text befreit von seinem Umfeld sehen möchte. Denn es ist eben seine Einbettung in Welt, die die Möglichkeiten der Interpretation festlegt, so Said.

Es ist die Situation in der ein Text aktualisiert wird, die eine gewisse Breite von möglichen Interpretationen zulässt.

Und in diesem Sinne argumentiert Said, dass jeder exklusive Begriff von Text, wie er schreibt, den Willen zur Macht außer Acht lässt, der einen Text in einer bestimmten Situation, in einer bestimmten Interpretation hervortreten läßt.

Said beschreibt Texte durch zwei Arten der Affiliation bestimmt, die es vermag den Interpretationsrahmen festzulegen.

Er schreibt:

„Die erste Art der Affiliation liegt in der Relation des Essays zu dem Text oder dem Anlaß, von dem er handeln soll. Wie kam es zur Wahl gerade dieses Textes? Wie erschließt der Essay diesen Text? Wie definiert er letztlich seine Relation zum Text und zum Anlaß, von dem er handelt. Die zweite Art der Affiliation liegt in der Intention des Essays, einen bestimmten Zugang zu finden (und der Intention des Publikums, die vom Essay vorausgesetzt oder vielleicht durch ihn geschaffen wird).“ (73)

Said beschreibt uns folglich zwei Fluchtpunkte von Texten, die abseits ihres Körpers liegen. Erstens, stellt er die Frage nach dem Grund, die Frage warum sich Schreibende für ein spezielles Thema entschieden haben.

Zweitens, beschreibt Said, dass ein jeder Text, hat er sein Thema gefunden, bemüht ist Zugang zur Leserschaft zur Institution zu finden. Abseits vom Thema versucht der Text sich als zu einem Ort zugehörig zu zeigen. Oder anders formuliert, die Autoren stellen sich in Beziehung zu anderen Autoren und den Lesern.

Drittens muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden, dass Said den Essay als die kritische Form des Schreibens bezeichnet, da er kurz und spontan ist könnte man sagen, einer weltlichen Situation antwortet und damit in den Worten Saids, die Möglichkeit hat weltzugewandte Kritik zu betreiben.

Said möchte den Essay mit Lukács beschreiben.

Zitat Said:

„Der Kritiker hat sich besonders dem Essay verschrieben, dessen Metaphysik Georg Lukács im ersten Kapitel von Die Seele und die Formenskizziert hat. Dort erläutert Lukács, daß der Essay aufgrund seiner Form die Vereinigung der noch keimhaften Seele mit der prägenden materiellen Form nicht nur zuläßt, sondern tatsächlich verkörpert. Essays befassen sich mit den Relationen zwischen Dingen, mit Werten und Begriffen, kurz: mit Sinn. Während die Dichtung in Bildern spricht, verzichtet der Essay auf Bilder; in diesem Verzicht stimmt der Essay idealerweise mit dem Platonismus und der Mystik überein.“ (74-75)

Dem Essay so schreibt Said weiter fehlt damit eine innere Geschlossenheit. Der Essay unterscheidet sich von der Dichtung, die versucht Bilder zu erzeugen und findet seine Bestimmung, seine Form darin in die Wirklichkeit zu treten.

Der Essay zeichnet sich folglich dadurch aus in Bezug und in der Wirklichkeit zu stehen, die Form gibt dem Autor damit die Möglichkeit Lebensfragen zu stellen und sie in künstlerischen Ausdruck zu verwandeln, sowie in der Auseinandersetzung mit Gegenständen der Kunst, einem Text, einem Gemälde, einem Musikstück.

Said versteht den Essay somit abseits der Wissenschaften oder wissenschaftlichen Philosophie und führt damit eine Form des Denkens oder der Philosophie ein, die sich mehr als Kunst, die versucht Kunst zu erfassen, denn als Methode verstehen möchte.

Und man könnte mit Said weiter formulieren, dass es diese Kunst ist, die sich abseits des methodischen Denkens positioniert, die in dieser Sonderstellung zur Kritik werden kann.

Said schreibt:

„Wilde hat das farbiger ausgedrückt: Die Kritik »behandelt das Kunstwerk einfach als Ausgangspunkt zu einer neuen Schöpfung«. Lukács faßt es vorsichtiger: Der Essayist »ist der reine Typus des Vorläufers«.“ (76)

In diesem Sinne kann noch einmal die Frage nach der Möglichkeit von Interpretation in der Kritik gestellt werden.

Kritiker werden an dieser Stelle als Essayisten verstanden und der Essay als eine Form die es erlaubt neue Gedanken und Formen in die Welt zu bringen.

Diese neuen Formen können aber nicht beliebig ausfallen, sondern entstehen im Kontakt mit der bestehenden Situation. Der Essay als Interpretation passiert zwischen den Verbindlichkeiten des Schreibens und Leben.

Der Versuch im Essay ist es etwas Neues dazu zu erfinden. Oder etwas Neues zu finden, das aufgrund von Routine oder Unachtsamkeit verborgen geblieben ist, wie Said mit Vico schreibt.

Ich komme noch einmal zur Frage nach der Interpretation zurück und man könnte mit Said nun sagen. Dass Interpretationen zuerst in einem sehr begrenzten Bereich möglich sind, die das Leben und die Methoden vorgeben.

Zweitens, wird Kritik möglich, wird etwas erfunden, dann entsteht ein Mehr, das über das Bekannte hinausreicht, Aussicht gibt auf neue Formen des Verstehens.

Dieses Mehr kann aber als eines Verstanden werden, das sich zuerst scheinbar als unrechtmäßig als ungenau oder unwissenschaftlich in den Text eingeschlichen hat.

Ich komme zum nächsten Punkt, mit der Überschrift:

Die Wiederholung

Said nimmt nun Giambattista Vico auf und seine Scienza nuova. Vico hat von 1668-1744 in Neapel gelebt.

Vico beschreibt, dass die Geschichte von Menschen gemacht wird, und zwar in Zyklen, diese Wiederholungen enthalten Muster zur Bewahrung des Menschengeschlechts.

Vico beschreibt, wie in einer scheinbaren Unordnung eine innere Kraft sichtbar wird.

Said schreibt:

„Aus jeder menschlichen Verrücktheit folgt etwas, das der unmittelbaren Intention des Menschen entgegenwirkt und vom Geist bestimmt zu sein scheint, dessen höchstes Ziel es ist, das Menschengeschlecht zu erhalten. Auf welche Weise? Indem er sicherstellt, daß die Menschheitsgeschichte sich nach einem bestimmten, festgelegten Ereignisablauf wiederholt und dadurch weitergeht. So folgt aus den sexuellen Beziehungen zwischen Männern und Frauen die Ehe, aus der Institution der Ehe folgen Städte, aus den Kämpfen der Plebejer folgen Gesetze; Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt kommen, verursachen Tyranneien; und die Tyrannei führt schließlich zur Kapitulation vor fremden Mächten. Mit diesem letzten Niedergang beginnt ein neuer Zyklus, der aus der völligen Degeneration und Verwilderung des Menschen entsteht.“ (134)

Geschichte passiert damit nach Vico durch das Entstehen von Institutionen, sie haben die Aufgabe die Menschheit sozusagen im Rahmen, in der Geschichte zu halten.

Die Institution trägt folglich was hier Geist genannt wird in sich, sie stellt die Wiederholung und Erhaltung sicher.

Vico beschreibt ein Grundprinzip, das Said aufnimmt. Dieses Prinzip lautet, dass das was den Menschen zum Menschen macht, das ist was er tut. Was der Mensch wissen kann, so Vico, ist das was er getan hat.

Said schreibt:

„Menschheitsgeschichte ist menschliche Wirklichkeit ist menschliches Handeln ist menschliches Wissen.“ (135)

Die Gelehrten sieht Vico in der Rolle das Wissen um die Verbindungen zwischen diesen Relationen zu finden.

Das Aufzeigen der Wiederholung wird für Vico nützlich und sinnvoll, weil sie es ermöglicht eine Geschichte zu denken, die ohne göttliche Eingriffe funktioniert.

Wiederholung vermag es damit den im Leben begegnenden Umständen Sinn zu geben.

Sie erlaubt eine gentile Geschichte der Menschheit, ein Wort das Vico einführt. Das Leben wird in dieser Geschichte sozusagen als eine Wiederholung der Fortpflanzung gedacht und nicht durch göttliches Eingreifen möglich.

In diesem Sinne wiederholen spätere Menschen die früheren, Geschichte ist damit dort, wo nichts verloren geht.

Vico möchte damit aber nicht sagen, dass die Übertragungen zwischen den Generationen von einem allgemeinen Gedächtnis gesteuert sind, sondern dieses Gedächtnis bereitet den Boden für die Fortpflanzung, macht sie möglich.

Diese Form der Wiederholung geht bei Vico mit der Differenz einher, die dem Kampf entspringt, beispielsweise dem zwischen Vater und Sohn. Die Differenz erzeugt Wiederholung der Sohn wird zum Vater, der neue Sohn tritt in den Kampf ein und fordert Veränderung.

Zwei Elemente beschreibt Said damit in Vico, die Differenz und die Wiederholung, die Wiederholung als das Konstante, das Allgemeine, die Differenz als das Originelle, das Revolutionäre.

Menschsein bedeutet in diesem Sinne sich herstellen. Und Said kommt mit Vico zurück für das Verständnis von Gesellschaft entlang familiärer Strukturen. Dem Herstellen entlang von Wiederholung und Differenz. Der Tradition und dem Aufbegehren der kommenden Tradition.

Said schreibt:

„Die Familienmetapher des Nachkommenerzeugens, erweitert auf alle menschlichen Tätigkeiten, nennt Vico poetisch; denn Menschen sind Menschen, weil sie, wie er sagt, etwas herstellen und weil sie in allererster Linie sich selbst produzieren. Herstellen ist Wiederholen, Wiederholen ist Wissen aufgrund des Herstellens. Das ist eine Genealogie des Wissens und des menschlichen Daseins.“ (141)

Für Said wird in diesem Zusammenhang wichtig, dass es Vico eben nicht nur darum geht zu zeigen, wie Fortpflanzung passiert, sondern, dass die Institutionalisierung der Fortpflanzung, die Ehe, es erlaubt die Fortpflanzung in unkontrollierter Weise zu untersagen, um das, was Said die Affiliation nennt, zu ermöglichen, sich dem Ort zuzuwenden an dem Differenz entstehen kann, die Rebellion, dem Ort wo etwas neues geschaffen wird.

Die Frage, die Said anschließend an Vico aufwirft ist die nach Wiederholung und Differenz. Die Frage danach, wie Wiederholung und Abweichung oder Vielfalt zueinanderkommen.

Said bezieht sich schlussendlich auf Marx, der in „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, eine Geschichte wiederholt und sie als Fälschung sichtbar werden lässt.

Er lässt den Sohn als Neffen sichtbar werden, stellt die Fälschungen zwischen dem was als natürlich behauptet wird dar und lässt in der Wiederholung der Geschichte, sie anders sich darstellen.

Und Said schreibt in diesem Zusammenhang:

„Format, Autorität und Macht des Originals werden bei jeder Wiederholung mehr und mehr zum Gegenstand der Verachtung des Historikers.“ (151)

Said nennt eine solche Wiederholung kritisches Bewusstsein, eine affiliative Wiederholung, die sich gegen jenes stellt, das scheinbar natürlich ist.

Dieser Vorgang verspricht eine Vervielfältigung der Probleme, mit jeder Wiederholung tritt neues Wissen in die Welt und in diesem Sinne entspricht die Produktion von Wissen, von Texten der Fortpflanzung, es wird immer mehr produziert und alles ist aufgehoben.

Nächster Punkt:

Über Originalität

Was ist Theorie, oder was ist Literaturtheorie? Ist die erste Frage die Said sich und uns stellt.

Theorie, so Said muss Offenheit pflegen.

„Schreiben [so Said] läßt sich als die Bühne verstehen, auf der methodisch das Zusammenspiel von Präsenz und Absenz stattfindet.“

Originalität wird damit nicht erzeugt, sondern das Schreiben vermag Originalität in dem Spiel von Präsenz und Absenz genauer auszudrücken, so Said.

Originalität muss sich in irgendeiner Form von der Wiederholung abgrenzen und so formuliert Said, dass Originalität Verlust bedeutet, den Verlust der Kontinuität.

Zitat:

„Daher ist die Originalität der Form im wahrsten Sinne ein Verlust, den der Kritiker mit seinem Schreiben zu vermitteln sucht.“ (163)

Womit Said zu einer Ansicht wechselt, die dem Kritiker beginnt mehr Originalität zuzusprechen als dem Schriftsteller, falls es möglich ist eins vom anderen zu unterscheiden.

Said möchte jedoch nicht die Kritik hervorheben, sondern einen speziellen Aspekt des Schreibens, den er in den Worten zusammenfasst, dass Originalität eben jene Arbeiten tragen, deren Schriftsteller es vermöchte auf die Sprache einzuwirken.

Ich komme zu zwei Auseinandersetzungen von Said die er „Verwirklichte und nicht verwirklichte Möglichkeiten gegenwärtiger Kritik“nennt, sowie „Kritik zwischen Kultur und System“.

Der Kritik wird an diesem Ort unter anderem in der Gegenüberstellung zwei ihrer bekanntesten Vertreter des 20. Jahrhunderts nachgespürt. Said stellt im Folgenden die Projekte von Jacques Derrida und Michel Foucault gegenüber, um endlich einen dritten Weg auszuformulieren, der an das bereits gesagte anschließen möchte.

Said möchte sich mit seiner Auseinandersetzung gegen eine Vorstellung wehren, die Kritik als eine Form von Textkritik versteht, die es methodisch vermag, die wirkliche Aussage eines Texts sozusagen hervorzubringen. Man könnte auch sagen, es geht ihm darum aufzuzeigen, das kritische Fachsprachen noch nicht Kritik sind.

Kurz gesagt, die Kritik wird als ein Feld des Schreibens gezeigt, das sich nicht methodisch oder eventuell multi-methodisch an ihr Thema wendet, um die These grob verkürzt darzustellen.

Es geht um eine Kultivierung der Unwissenheit. Said schreibt:

„Alle großen Kritiker, die heute schreiben, haben sich in kritische Instrumente verwandelt, als begännen sie ganz von vorn;“ (182)

Die Arbeit der Kritiker, die sich dieser Form zurechnen hat allerdings weniger mit Nichtwissen zu tun, als damit alles Wissen auf den Text anzuwenden, so Said.

Es werden fremde Materialien in textrelevante Dimensionen verwandelt.

Ihr Interesse gilt den Fragen, wie Sprache bedeutet, was Sprache bedeutet und in welcher Form sie bedeutet.

Dieser Feststellung bringt Said dazu die Frage nach dem Umfeld des Schreibens zu stellen und er wendet sich Derrida und Foucault zu.

Kritik zwischen Kultur und System

Said stellt ein Zusammenspiel zwischen Kritik und Krise fest und es sind eben Derrida und Foucault, die die wirkmächtigsten Antworten auf die Krise gefunden haben, so Said.

Er schreibt:

„Die Krise ist der modernen Kultur inhärent, und Kritik ist seit jeher eine Kunst und zugleich ein Gegenstand der Krise. Doch das Besondere an der heutigen Krise und den von ihr ausgelösten Reaktionen, die ich hier im Auge habe, ist, welch zentrale Bedeutung dem Problem der Erkenntnis zukommt, der Frage also, wiewir wissen, was wir wissen.“ (204)

Die gegenwärtige Kritik steht damit vor dem Problem, einer Krise des Denkens zu antworten, die mit der Verunsicherung des Vertrauens in die Produktion von Wissen beginnt.

Kritik im Sinne von Derrida und Foucault beansprucht nach Said eine antiorthodoxe Kritik zu sein. Es handelt sich damit bei der Kritik um eine neue Form von Wissen oder Philosophie, die sich der Themen annimmt, für die die Philosophie sich nicht mehr interessiert.

Sie wird zu einer Anti- oder Gegenphilosophie.

Zitat Said:

„Der Kernpunkt dieser Kritik ist das Problem der Sprache, ihre einzigartige und komplexe Seinsweise. Kritik hat heute die Aufgabe übernommen, eine Art von Denken zu schaffen, das, wie Foucault sagt, »in der Mächtigkeit seiner Arbeit gleichzeitig Wissen und Modifikation dessen ist, was es weiß, und Reflexion und Transformation der Seinsweise dessen, worüber es reflektiert.«“ (205-206)

Kritik kann folglich als eine neue Art des umfassenden Selbstzweifels verstanden werden, der nicht nur das Wissen selbst in Frage stellt, sondern gleichzeitig auch die bekannten Dinge einer Veränderung unterzieht.

Derrida und Foucault stellen sich in diesem Text als zwei verehrte Kritiker Saids vor, die jedoch einander kritisieren, um dann von Said kritisiert zu werden. Diese Form des Schreibens macht sich damit bereit, die eigenen Erkenntnisse immer als ungenügend anzusehen, der Bezug des Kritikers zu seinen Lehrern ist damit einer des nicht-völlig-Annehmens von Wissen.

Die Form von Respekt, die der Kritiker kennt, ist folglich die Kritik.

Said fasst Foucaults Kritik an Derrida so zusammen: Für Derrida erschöpfe sich der Text in dem was er dem Leser zu bieten hätte.

Derrida beschreibt den Text als eine wirkliche Situation, ein textuales Element ohne Basis in der Realität.

Für Foucault ist der Text wichtig weil ihm Macht innewohnt die Realitätsanspruch stellt.

Vor diesem Hintergrund kann Said sagen: „Die Kritik im Sinne Derridas führt uns in den Text hinein, die Foucaults hineinund hinaus.“ (206)

Gemeinsam ist den beiden nach Said, dass sie sichtbar werden lassen wollen, was im Text meistens unsichtbar bleibt.

Ihr gemeinsames Projekt beschreibt Said so:

„»Entdefinition« und Antireferenzialität sind die gemeinsamen Antworten auf das positivistische Ethos, das sowohl Derrida als auch Foucault verabscheuen.“ (208)

Das beschriebene Projekt der Kritik nimmt sich somit vor gegen die Begriffsbildung in der Philosophie und allgemein vorzugehen, oder, es gilt aufzuzeigen, dass die Begrifflichkeiten nicht bezeichnen was sie vorgeben zu bezeichnen.

Derridas These fasst Said so zusammen:

„Man müsse sich klar werden, daß beide Vorstellungen [als Vorstellungen sind philosophische Allgemeinbegriffe gemeint, sowie eine literaturkritische Totalperspektive] nicht von einer »äußeren« Macht gestützt werden, sondern von einer Fehlinterpretation von Texten. Und eine Fehlinterpretation von Texten wird durch die Texte selbst ermöglicht, in denen – zumindest in den besten – alle Bedeutungsmöglichkeiten in einem unentschiedenen Rohzustand vorhanden sind. Dieser Gedanke ist Derridas zentrale philosophische Idee, die seine angekündigte, aber nie durchgeführte Wissenschaft, die Grammatologie, ermöglicht hat.“ (232)

Mit Derrida geht es folglich darum die traditionellen Weisen des Verstehens von Texten abzulösen.

Mit Said kann an dieser Stelle grob und zusammenfassend formuliert werden, dass Derrida beispielsweise die Frage im Lesen hin lenken möchte zu jener, die sich fragt, warum es dem Autor möglich war in einer bestimmten Art zu schreiben und weg von der Frage nach der begrifflichen Bedeutung des Texts.

Derrida möchte damit Bedeutung Text inhärent auflösen, während Foucault, geschichtliche Studien ausarbeitet, die sichtbar werden lassen sollen, warum etwas zu einem bestimmten Zeitpunkt wie gesagt werden konnte, warum anderes unmöglich auszusagen wurde.

Said formuliert nun eine Kritik an beiden Ansätzen, die darauf hinausläuft, dass das Element von einander bekämpfenden Klassen und Widerstand in keinem der beiden Denkansätze seinen Platz findet.

Said schreibt zu Foucault:

„Kurz gesagt, Macht läßt sich weder mit einem Spinnennetz ohne Spinne vergleichen noch mit einem glatt funktionierenden Flußdiagramm; ein großer Teil der Macht steckt in solch einfachen Dingen wie den Beziehungen und Spannungen zwischen Herrschern und Beherrschten, Reichtum und Privilegien, Machtmonopolen und dem zentralen Staatsapparat.“ (257)

Foucault möchte vermeiden, dass Macht als einfache Herrschaft verstanden wird und eliminiert so fast die widerstreitenden Kräfte der Gesellschaft in seinem Denken, so Said.

Foucault beschäftigt sich nur mit Frankreich, und bemerkt dabei nach Said nicht, wie das was er als Diskurs beschreibt, europäisch ist und benutzt wird um Macht auf der ganzen Welt auszuüben, die sich als Herrschaft über andere zeigt.

So findet Said klare Parallelen zwischen dem Gefängnissystem von Foucault und dem Orientalismus. Wie andere von Foucault beschriebene Diskurse vermag der Orientalismus es Zeichen zu verwenden, aber diese Zeichen sagen mehr aus als sich selbst.

Dieses Mehr ist nach Said im Orientalismus die Unterscheidung zwischen uns und unseren Sprachen und ihnen, ihren Sprachen. Dieses Mehr enthält nach Said außerdem die Hierarchisierung, die es Europa erlauben kann den Rest der Welt zu beherrschen.

Said vermag nun das Mehr in diesem Diskurs genau zu benennen und es ist ein Mehr, das es vermag Unterdrückungssituationen zu legitimieren. Die Macht in dieser Ausformung bleibt damit nicht anonym sondern die Unterdrücker können klar benannt werden, wie man mit Said argumentieren könnte.

Was ist nun Kritik für Said?

Er schreibt:

„Ich kann mit einer optimistischeren Bemerkung schließen. Ich deutete an, daß Kritik eine kognitive Tätigkeit ist oder sein sollte und daß sie eine Form des Wissens ist. Ich würde jetzt sagen, wenn alles Wissen umstritten ist, wie Foucault zu zeigen suchte, dann muß auch Kritik als Tätigkeit und Wissen umstritten sein. Mir geht es darum, dem kritischen Diskurs etwas hinzuzufügen, das mehr ist als nur kontemplatives Engagement oder eine sensible und elaborierte Interpretationsmethode für grundsätzlich unbestimmte Texte.

(…)

Wenn Texte eine wirkungsvolle Form menschlicher Tätigkeit sind, dann müssen sie zu anderen Formen, wirkungsvollen, vielleicht sogar unterdrückenden und verdrängenden Formen menschlicher Tätigkeit in Beziehung gesetzt (nicht aber auf sie reduziert werden).“ (262)

Said sieht die Kritik in einem umkämpften kulturellen Raum. Das Wissen der Kritik muss eines sein, das erkennt, dass in der Überlieferung von Wissen eben nur jenes zählt, dass es vermag als Ereignis im menschlichen Subjekt dauerhafte Spuren zu hinterlassen.

Lesen und Schreiben soll folglich mit einem geschärften Sinn für historische und politische Prozesse passieren.

Kritik wird zu einer Form von Literatur, die sich beständig versucht der Vereinnahmung durch Systeme von Zeichen/Macht zu widersetzen.

Ich werde abschließend zehn Punkte zu Saids Wahrnehmungen und Fragen, zum Thema Kritik, zusammenfassen:

  1. Said stellt neue Formen der Religiosität fest, die sich in sehr allgemeinen Begriffen ausdrücken.
  2. Soll Kritik damit selbst wieder zu einem säkularen Unternehmen werden, zu einem säkularen Denken beitragen.
  3. Stellt sich dem Denken so konkret die Frage, wie es seinen neuen Abhängigkeiten entkommen kann. Als Beispiel sei mit Said an dieser Stelle die Abhängigkeit vom Markt genannt.
  4. Ist Kritik damit eine Form von Denken, die sich nicht unterwirft und Verallgemeinerungen meidet.
  5. Möchte Said eine weltzugewandte Kritik ausformulieren.
  6. Stellt Said fest, dass Kulturen der Unterwerfung immer Widerstand hervorbringen. Die Aufgabe der Kritik ist es diesem Widerstand größtmögliche Sichtbarkeit zu verschaffen.
  7. Kritik bedeutet kein Verfallen in gewählte Familienstrukturen, auch wenn sich diese Strukturen als kritisch bezeichnen.
  8. Ist die Kritik, die sich nicht vereinnahmen lässt, abgeschlossenen Figuren gegenüber wachsam.
  9. Kann Kritik sich als die Wiederholung von Umständen zeigen. Jede Wiederholung bringt neue Zusammenhänge ein. Es entsteht überdeterminierte Geschichte.
  • Die zentrale Frage der Kritik oder Literaturkritik lautet mit Said: Wie bedeutet Sprache?
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