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Frantz Fanon wurde 1925 in Fort-de-France geboren und ist 1961 gestorben. Er war Psychiater und Denker überhaupt, sowie aktiv und schreibend in den Kampf um Entkolonialisierung involviert.

Ich möchte mich auf ein Porträt von Alice Cherki beziehen, um Frantz Fanon etwas klarer als Person sichtbar werden zu lassen.

Cherki trifft Fanon 1955 auf einer Konferenz mit dem Thema Angst in Algerien zum ersten Mal und wird später seine Mitarbeiterin.

Fanon kommt aus kleinbürgerlichen aber wohlhabenden Verhältnissen. Fanon zieht im zweiten Weltkrieg für Frankreich in den Krieg, um die Menschenwürde zu verteidigen. In dieser Zeit erkennt er die strenge Hierarchie, die herrscht, im Wohnen und Arbeiten stehen an erster Stelle die Franzosen und dann folgen in Abstufung die anderen Soldaten aus afrikanischen Ländern, denen die schlechten Aufgaben und Wohnungen zugedacht sind.

Später studiert Fanon in Frankreich und möchte den Text „Schwarze Haut, weiße Masken“ als Dissertation für Medizin und Psychiatrie einreichen, worauf ein Skandal folgt und Fanon muss einen anderen Text verfassen. 1951 wird er Doktor der Medizin.

Fanon formuliert eine Kritik an der Psychoanalyse, die lautet, dass es ihr am Mitdenken der allgemeinen geschichtlichen Zusammenhänge fehle. Sie rechnet nicht mit der Macht dieser Zusammenhänge in der Unterdrückung und Prägung von Personen.

1953 kommt Fanon nach Algerien. Sowohl Algier als auch Blider, die beiden Städte die Fanon kennenlernt, sind durch eine sichtbare Trennung zwischen dem Reichtum der Kolonialstadt und Elendsvierteln der Einheimischen gekennzeichnet.

Cherki schreibt:

„Es gilt zwar offiziell keine streng getrennte »europäische« und »moslemische« Stadt, aber unterschiedliche Viertel, deren Grenzen jeder anerkennt.“ (73)

Sie beschreibt aber auch, dass in eben jenen Vierteln der erste Kontakt zwischen Franzosen und Algeriern stattfindet, sich Organisationen gründen, die den Befreiungskampf vorbereiten und sich später an Fanon wenden, ihn in den algerischen Befreiungskampf involvieren.

1953-1956 arbeitet Fanon im psychiatrischen Krankenhaus in Blida 1955 schließt er sich dem Befreiungskampf an.

Fanon führt dort die Sozialtherapie ein, die auf eine Humanisierung der Betreuung abzielt und einen Therapieraum etabliert, in dem Personal und Patienten im Gespräch aufeinandertreffen, um ein soziales Netz aufzubauen, so soll Subjektivität und Emotion sichtbar werden. Fanon geht es dabei um einen Ort, an dem Konflikte ausgetragen werden können.

Fanon formuliert „Die Psychiatrie muß politisch werden“ (112)

Bis 1956 engagiert Fanon sich für die Befreiung, nimmt in seinem Krankenhaus mit anderen Befreiungskämpfer zur Versorgung auf.

1956 tritt Fanon von seinem Posten in Blida zurück und wird ausgewiesen, er reist über Umwege nach Frankreich zurück und es bleibt offen darüber zu spekulieren, ob ihm diese Reise das Leben gerettet hat.

1957 geht Fanon nach Tunis.

Cherki formuliert, dass es das Ziel Fanons ist, dass sich das französische Volk als Ganzheit mit dem Befreiungskampf identifiziert als Einheit mit den Kolonisierten gegen die Herrschaft auftritt. (159)

Fanon möchte folglich nicht zurück zu einer alten Kultur oder anderen Ursprüngen, sowie es ihm nicht um eine Aufwertung der Religion geht.

Cherki schreibt:

„Fanons Annäherung an die algerische Gesellschaft verläuft nicht über die Beschäftigung mit der arabischen Kultur und dem Islam und noch weniger über ein Studium des Korantextes. In seinem politischen Denken, das zutiefst atheistisch ist, trennt er weiterhin Politik und Religion, während er Kultur und Politik miteinander verbindet. Er glaubt, daß die Kolonialherrschaft die Kultur erstarren läßt, daß der Befreiungskampf neue kulturelle Formen erfinden wird, die weit entfernt vom verkrampften Festhalten an den Traditionen sind, die er verknöchert, veraltet und tödlich findet.“ (161)

Fanon beschreibt ein Unbewusstes, dass er als ein kollektives Unbewusstes denkt, ohne diesen Begriff zu verwenden, so Cherki, und in diesem Sinne muss das Unbewusste auch geprägt sein von den Spuren des Kollektivs.

Die Verdammten dieser Erde ist Fanons letztes Buch und er weiß schon um den herannahenden Tod, dass ihm keine Zeit zur Überarbeitung und weiteren Herleitung seiner Thesen bleibt.

Das Buch wird verboten und läßt niemanden gleichgültig, Fanon erlebt diese Debatten aber nicht mehr. Er stirbt in einem Krankenhaus in den USA an Leukämie.

 „Schwarze Haut, Weiße Masken“ ist 1952 in Lyon erschienen.

Von Fanon selbst wurde der Text „Essay über die Entfremdung des Schwarzen genannt“

Beginnt man sich mit einem Denker und Praktiker wie Frantz Fanon auseinanderzusetzen, wird es notwendig Begriffe aufzunehmen, die pauschalisieren. Einer dieser Begriffe ist die Bezeichnung Schwarzer.

Ich werde das Wort „Schwarzer“ an Stellen einsetzen, wo Fanon es verwendet, ich werde in Zitaten das Wort „Neger“ stehen lassen, da Fanon diesen Wortgebrauch bewusst wählt.

Ich möchte im Folgenden Fanons „Schwarze Haut, weiße Masken“ als ein Buch vorstellen, das sich mit dem Thema der Erstellung von Bildern und Vorurteilen auseinandersetzt. Bilder seien zunächst sehr einfach als Festlegungen verstanden, die Wiedererkennung erlauben.

Fraglich wird in diesem Kontext allerdings weswegen etwas erkannt werden kann.

Mit Jacques Ranciere sei formuliert, dass Bilder nicht Duplikate einer Sache sind, sondern komplexe Beziehungsspiele zwischen dem Unsichtbaren und dem Sichtbaren, sowie dem Gesagten und dem Ungesagten.

Im Folgenden möchte ich über diese Verhältnisse sprechen, die Bild sind.

Zitat Ranciere

„Was man Bild nennt, ist ein Element in einer Anordnung, die einen bestimmten Wirklichkeitssinn, einen bestimmten Gemeinsinn erzeugt.“ (120 emanzipierte Zuschauer)

Frage ist: Wie ist es möglich Bilder zu erzeugen, die sich an ihren Enden öffnen, sich nicht nahtlos in ihr Umfeld einfügen. Mit Fanon kann die Frage nach Bildern gestellt werden, die nicht festschreiben, sondern befreien.

In jedem Fall dürfen solche Bilder Betrachtenden nicht sofort begreiflich sein.

Nachgedacht werden soll folglich über Bilder, die in Unverständnis zurücklassen, über verwirrende Bilder, über DADA im Philosophieren, über Wahrnehmungen, die die eigenen Grenzen absurd werden lassen, über Methoden, die nicht direkt zugänglich sind.

Oder eine Form von Kritik nach Said.

Fanon sieht sich zu Beginn seines Buches „Schwarze Haut, weiße Masken“ mit eben diesem Problem konfrontiert, er schreibt:

„Es gehört zum guten Ton, ein psychologisches Werk mit einem methodologischen Standpunkt einzuleiten. Wir werden gegen diesen Brauch verstoßen. Wir überlassen die Methoden den Botanikern und Mathematikern. Es gibt einen Punkt, an dem die Methoden verschwinden.“ (12)

Anstelle von Methodenanwendung, möchte Fanon Beobachtungen beschreiben aus dem ihm Bekannten verschiedene Positionen ausformulieren, die der Schwarze dem Weißen gegenüber einnimmt.

Der Wissenschaftlichkeit muss Fanon misstrauen, da es eben diese ist, die zu seiner Zeit beschäftigt ist mit Vorschlägen zur pädagogischen Anleitung der Schwarzen, eine Lehrerschaft, die sich durch Unterdrückung legitimiert, durch eine Unterdrückung, die sich ihrerseits durch orientalistische Wissenschaft im Sinne Edward Saids rechtfertigt.

Kurzum, es ist der radikale Zweifel am Wissenschaftlichen sobald es meint Zukunft vorher sagen zu können, sobald es meint Herrschaftsverhältnisse rechtfertigen zu können, der dem Folgenden zu Grunde liegt.

Die Frage wird im Anschluss zu stellen sein, was dann Fundament von Bildern sein kann, die Wahrheit behaupten? Vielleicht wird es ein Plädoyer für eine lebendige Form von Vorurteil sein, das zu halten ist, für ein beständiges Überkonstruieren von Festlegung, für das überdeterminierte Bild.

Fanon beginnt seinen Text nun mit zwei Feststellungen.

Zitat

„Es ist eine Tatsache. Weiße halten sich den Schwarzen für überlegen.

Eine andere Tatsache: Schwarze wollen den Weißen um jeden Preis den Reichtum ihrer Gedanken, die Ebenbürtigkeit ihrer Geisteskraft beweisen.“ (10)

Darauf beschreibt Fanon die Intention seines Schreibens.

Zitat

„Die Architektur der vorliegenden Arbeit steht in der Zeitlichkeit. Jedes menschliche Problem muss von der Zeit her betrachtet werden. Wobei das Ideal ist, dass die Gegenwart stets dazu dient, die Zukunft aufzubauen.“ (13)

Wo bringt uns diese Aussagen hin, wenn angenommen wurde, dass Wissenschaftlichkeit nicht Zukunft fixieren darf?

Das Denken soll, so Fanon, einem Weitergehen in ein friedliches Zeitalter dienen, Methode dafür kann nur die Friedfertigkeit und Anerkennung im gegenwärtigen Denken und Tun sein, das durch unterschiedliche Aspekte seines Aussehens wandert aber allerdings immer die glückliche Vereinigung im humanen Zusammenleben vor Augen trägt.

Vermutlich ist vielen von Ihnen die These Fanons aus „Die Verdammten dieser Erde“ bekannt, die aussagt, dass es der Gewalt im Befreiungskampf bedarf, um den Selbstwert desjenigen mit schwarzer Hautfarbe wiederherzustellen. Eine Arbeit, die wir im Anschluss besprechen.

In Schwarze Haut, Weiße Maskenkann ich diesen Aspekt nicht finden. Zum Zeitpunkt dieser Forschung fällt eher die gewaltfreie Einstellung auf, der Weg zu einer geeinten Menschheit scheint Fanon zu diesem Zeitpunkt noch greifbarer zu sein.

Was heißt hier Zukunft?

Zitat.

„Und diese Zukunft ist nicht die des Kosmos, sondern die meines Jahrhunderts, meiner Heimat, meiner Existenz. Auf keinen Fall darf ich mir vornehmen, die Welt vorzubereiten, die nach mir kommen wird. Unausweichlich gehörte ich meiner Epoche an. Dieses Gebäude hängt insofern mit der Gegenwart zusammen, als ich die letztere als etwas zu Überwindendes setze.“ (13)

Des Weiteren, wenn Fanon vom Schwarzen spricht, wen meint er?

Er meint die Antillaner, er benennt sich selbst als Antillaner. Ich möchte an dieser Stelle nicht »ist« Antillaner schreiben, da eben dieses IST von Said als Grundlage einer vermeintlichen Wissenschaft beschrieben wird, die ihre Grundfesten auf einem IST erbaut, das erlaubt Dinge als existierend und real zu behaupten, wenn sie auch nur in der Sprache verbunden wurden.

Ich habe nun drei Positionen ausgewählt, die Fanon in Schwarze Haut, Weiße Masken beschreibt. Es handelt sich um drei unter mehreren Verhältnissen in denen der Schwarze zum Weißen stehen kann.

Ich zitiere die von Fanon formulierten Überschriften:

  1. Der Schwarze und die Sprache
  2. Der angebliche Abhängigkeitskomplex des Kolonisierten
  3. Der Neger und die Anerkennung

1.   „Der Schwarze und die Sprache“ (Frantz Fanon)

Sprechen heißt, absolut für den anderen existieren, schreibt Fanon. Sprechen heißt sich einer Syntax bedienen zu können, bedeutet aber vor allem eine Kultur auf sich zu nehmen.

Zitat

„Ein Mensch, der die Sprache besitzt, besitzt auch die Welt, die diese Sprache ausdrückt und impliziert.“ So Fanon. Wird man nun in seiner sprachlichen Eigenheit nicht akzeptiert, kann diese nicht leben, bedeutet dies sich einer Kultur zu unterwerfen, die Herrschaftsansprüche stellt.

Fanon wäre nun falsch verstanden, würde man ihm unterstellen, dass es lediglich die Europäer oder Franzosen sind, die ihre Sprache aufdrängen. Er formuliert:

„Der Schwarze, der die Metropole kennt, ist ein Halbgott.“ Bei seiner Rückkehr auf die Antillen.

Fanon möchte darauf hinweisen, dass es nicht Anliegen des Schwarzen sein darf, belesener und intelligenter zu sein als der Europäer vorgibt zu sein, denn, die verlautbarte Intelligenz des selbst ernannten Mutterlandes, trägt keinen Wert in sich.

Und obwohl Fanon auch im Denken zuhause ist, so formuliert der dem Intellektuellen in der gegebenen Art dennoch eine Absage.

Zitat

„Und wenn ein anderer mir unbedingt beweisen will, dass die Schwarzen genauso intelligent seien wie die Weißen, dann sage ich: auch die Intelligenz hat noch nie jemanden gerettet; und das stimmt, denn wiewohl man im Namen der Intelligenz und der Philosophie die Gleichheit der Menschen verkündet, beschließt man in ihrem Namen auch deren Ausrottung.“ (28)

Folgerichtiges Nachdenken kann allen Übel Anfang sein. Sowie der Nachweis gleichwertiger Intelligenz leicht zu erbringen ist, auf diese Untersuchung wird Fanon sich allerdings nicht einlassen, da sie an sich schon ein Ideal bestätigt – das des weißen Mannes – welches Fanon ablehnt.

Ziel der Fanonschen Forschung ist, den Schwarzen zu helfen sich von ihren Komplexen – die aus Unterdrückung entstanden sind – zu befreien, sich nicht über falsche Ideale zu definieren.

Es ist die Sprache, das Angesprochen werden, das den Schwarzen an den ihm zugedachten Platz stellt.

Der Leitsatz der Weißen ist, dass mit Schwarzen vereinfacht in verniedlichender Sprache gesprochen werden muss, wie mit einem Kind.

Fanon nennt ein Beispiel, Zitat:

„Die praktischen Ärzte wissen das. Zwanzig Europärer kommen nacheinander in die Sprechstunde: »Nehmen Sie Platz, Monsieur … Was führt Sie her … Wo haben Sie Schmerzen?« Kommt ein Neger oder ein Araber: »Setz dich, mein Guter … Was hast du? Wo tut’s weh?« Oder gar: »Wo es dir fehlen?«“ (31)

Jemanden in dieser Art ansprechen bedeutet ihn zu verletzten, ihn festzulegen, ihm ein Bild zu präsentieren, das es nicht erlaubt ihn als vollwertigen Erwachsenen zu behandeln.

Fanon geht noch weiter. Liegt kein Wille vor zu verletzen, sondern nur der Wunsch nach besonderer Lockerheit, so ist eben dies noch niederträchtiger. Jedes Nachfragen, jeder Widerspruch des Gegenübers wird absurd.

So zu sprechen, bedeutet seinem Gegenüber klar zu machen,

Zitat

 „Blieb du, wo du bist“ (33)

2.    „Der angebliche Abhängigkeitskomplex des Kolonisierten“ (Frantz Fanon)

Zu Beginn dieses Kapitels stellt Fanon fest.

Zitat

„(…) eine Gesellschaft ist entweder rassistisch oder nicht.“ (81)

Fanon macht klar, dass Aussagen wie »der Rassismus betrifft die Eliten nicht« falsch sind. Es sind die gleichen Bilder, die eine Gesellschaft in womöglich unterschiedlichem Ausdruck beherrschen.

Jede Art von Rassismus ist grausam, Fanon sieht keinen Sinn in wissenschaftlichen Erhebungen seiner Unterschiede.

Womit Fanon auch zu der Feststellung kommt, dass sich der koloniale Rassismus nicht von anderem Rassismus unterscheidet und er wendet sich in diesem Sinn immer wieder an alle Unterdrückten dieser Erde, um sich zu solidarisieren.

Was macht den beschriebenen Rassismus nun aus?

Es sind die Rassisten, die Minderwertige erschaffen, so Fanon. Unbewusste Bilder des Bösen kommen in einer Gesellschaft zum Vorschein.

Fanon argumentiert weiter, dass niemand sich minderwertig fühlt aufgrund seiner Hautfarbe, bis er den Weißen begegnet, die ihn an seinen Platz stellen, definieren.

Warum erhält der Weiße, diese Machtposition?

Weil er Kapital in jedem Sinn innehat. Nach der gnadenlosen Ausbeutung der Kolonien, bleibt dem Schwarzen nur zu hoffen Akzeptanz zu finden.

Wenn Fanon von Minderwertigkeitskomplex spricht, so stellt sich die Frage nach der nötigen Therapie.

Fanon definiert das Ziel einer wirksamen Therapie immer darin, den Patienten zu ermutigen, sich nicht mit dem eigenen Gefühl der Minderwertigkeit zu beschäftigen, sondern sich gegen die herrschenden Strukturen zu wenden, die ihn an seinen Platz stellen.

3.    „Der Neger und die Anerkennung“ (Frantz Fanon)

Zitat

„Der weiße Herr sagt zum Neger »Nun bekommst du deine Freiheit.«“ (200)

Zwei Dinge funktionieren in diesem Satz nicht, aus zwei Gründen kann mit Fanon in einer solchen Situation, nicht von der Anerkennung als freies Individuum gesprochen werden.

Einerseits ist Freiheit nichts, das gegeben werden kann, sie muss einem jeden automatisch zukommen. Muss genommen werden können.

Zweitens, beansprucht der genannte weiße Herr ein Recht, das ihm nicht zusteht, sofern er beansprucht Demokrat zu sein. Das Recht über den Möglichkeitsspielraum anderer zu entscheiden. Europa kann und konnte in diesem Sinn die Kolonien nicht freigeben, es braucht Prozesse anderer Art.

Es braucht Prozesse der Aktion. Fanon fordert in seinem Buch, dass sich an Schwarze richtet und Motivation zum Aufbruch aus der Gefangenschaft sein soll, Selbstermächtigung und das Ende eines reaktiven Lebens. Vom Europäer möchte er zwischenzeitlich einfach in Ruhe gelassen werden.

Schluss

Zitat

„Es gibt nichts Empörenderes als die Worte: »Seit wann sind Sie in Frankreich? Sie sprechen gut Französisch.«“ (35)

Zusammenfassend gesprochen ist das Anliegen von „Schwarze Haut, weiße Masken“ aufzuzeigen, dass es unterschiedliche Formen der Unterdrückung gibt und besondere Lockerheit im Umgang, die eine Form von Distanzlosigkeit sein kann, zählt dazu.

Fanons Werk kann als eine Anklage gegen die Unterwerfung aufgrund eines vermeintlichen Erziehungsauftrags gelesen werden.

Sartres Vorwort zu „Die Verdammten dieser Erde“

„Als Europäer stehle ich einem Feind sein Buch und mache es zu einem Mittel, Europa zu heilen. Profitiert davon!“ (13)

Sartre möchte in seinem Vorwort herausstreichen, dass Frantz Fanon sein Buch erstens nicht geschrieben hat, um Europäer zu interessieren und zweitens, warum es als Europäer dennoch ratsam ist »Die Verdammten dieser Erde« zu lesen.

Sartre geht von der Annahme aus, dass Europa im Eimer ist, wie er übersetzt wird. Und als Grund für die Lage Europas kann in diesem Zusammenhang seine Gewalt in den Kolonien genannt werden, die hinter dem Vordergrund eines europäischen Humanismus betrieben werden konnte. Europa wird folglich durch den Aufstand in den Kolonien mit der Lüge konfrontiert, die es lebt. Die Lüge ist die Behauptung eines Humanismus, der aber nur für Europäer gilt.

Sartre verurteilt in diesem Kontext nicht nur den gewalttätigen Rassismus, sondern auch die Einstellung, man möge den Rebellierenden Freiheit und Rechte zugestehen, so dass sie die Möglichkeit bekommen zu zeigen, dass sie ihren Wert verstehen.

Nach Sartre und Fanon kann die Antwort auf Ausbeutung nicht Dankbarkeit für das Ende der Ausbeutung sein, sondern die Antwort ist die Wut auf den Ausbeuter und der Wunsch eine Zukunft ohne Abhängigkeit zu etablieren.

Die Gewalt des Kolonialismus wendet sich früher oder später gegen die Kolonialmacht.

In diesem Sinne weist Sartre darauf hin, dass Fanon Gewalt nicht verherrliche, sie aber denkt und erklären kann welche Stellung sie im Befreiungskampf einnimmt. Klar soll werden, dass es den Kolonisierten nicht um ein neues humanes Zusammenleben mit der Kolonialmacht geht, sondern dass der Anspruch ist, dass die Kolonialmacht verschwindet.

Der Befreiungskampf geht damit nicht um ein Mehr an Rechten, sondern um völlige Autonomie.

Denn, so Sartre, der, der gesehen hat, wie seine Familie misshandelt wird, ist müde und kämpft nicht mehr für sich selbst und ein Leben in Ruhe, es wird für die Nachkommenden gekämpft. In diesem Sinn kennt der Kampf für die Befreiung von der Kolonialisation keine Regeln, er kennt nur die Befreiung.

Sartre schreibt:

„Der Leser wird eindringlich vor den gefährlichsten Entfremdungen gewarnt: der Führer, der Personenkult, die westliche Kultur, aber auch die Rückkehr der afrikanischen Kultur aus der fernen Vergangenheit. Die wahre Kultur ist die Revolution, das heißt, sie wird im Feuer des Kampfes geschmiedet.“ (11)

Die koloniale Gewalt wird als eine beschrieben, deren Aufgabe es nicht nur ist fürchterlich zu sein, sondern sie dient der Entmenschlichung der Kolonisierten. Sie zwingt in ein Leben der Unterwürfigkeit, sie zwingt so Sartre zum Ausleben der Wut auf anderen Wegen als gegen die Unterdrücker die übermächtig erscheinen.

Die Gewalt im Befreiungskampf wird damit zu einer, die sich nicht um Moral kümmert, sondern sie ist eine die eine Welt etablieren möchte in der Moral wieder möglich ist.

In diesem Kontext wird von Sartre mit Fanon eine These aufgestellt, die man in etwa so formulieren könnte:

Ob man für oder gegen Gewalt sprechen darf, hat etwas mit der eigenen Biographie zu tun. Oder nocheinmal anders formuliert, da es Sartre nicht um das dürfen oder moralische Grundsätze geht, sondern nur um den Umstand der Gewalt. Zweite Formulierung: Wenn man Menschen ihre Würde raubt, kann nicht darauf gehofft werden, dass sie ihrerseits im Umgang würdevoll sein werden.

Womit ich zu „Die Verdammten dieser Erde“ komme.

  1. Von der Gewalt

Fanon steigt in diesen Abschnitt mit folgenden Worten ein.

„(…) die Dekolonisation ersetzt ganz einfach eine bestimmte »Art« von Mensch durch eine andere »Art« von Mensch.“ (29)

Zwei Dinge möchte Fanon mit diesen Worten ausdrücken. Erstens, dass es sich bei der Dekolonisation um eine völlige Umwälzung der gegebenen Umstände handelt, nicht um eine Anpassung und zweitens, dass die Unterdrückten im Prozess des Freiheitskampfes wieder zum Mensch werden, zu dem Mensch, der dann die Welt bevölkern wird, in einem neuen Verhältnis und in neuen Städten.

Die Kolonialisierung hat es nach Fanon geschafft, den Kolonisierten vergessen zu lassen, dass er ein Mensch ist, hat ihn eingegliedert in eine Art von Unterwerfung, in eine Form von Neid, auf den Luxus der, von den Weißen bewohnten, Stadt, so dass er vergessen hat, dass er selbst Mensch ist, nicht nur um des Kolonialherren willen existiert, so Fanon.

Der erste Prozess der Bewusstwerdung ist nach Fanon, wenn die eigene Menschlichkeit wiedererkannt wird und es ist auch dieser Moment, wann die Kolonisierten den Aufstand üben, ihren Platz einfordern.

Fanon schreibt:

„Der Kolonisierte weiß das alles und lacht, wenn er in den Worten des anderen als Tier auftritt. Denn er weiß, daß er kein Tier ist. Und genau zur selben Zeit, da er seine Menschlichkeit entdeckt, beginnt er seine Waffen zu reinigen, um diese Menschlichkeit triumphieren zu lassen.“ (36)

Moral kann im Kontext des Befreiungskampfs nur bedeutet, den Kolonialherren zu vertreiben.

In diesem Sinn bedeutet dieser Befreiungskampf auch das Ankämpfen gegen die philosophische Idee eines Bildungsbürgertums, das seinen Sinn in der Entwicklung und Bildung des Individuums findet. Der Befreiungskampf schließt alle Unterdrückten zusammen und sie kämpfen als Einheit, so Fanon.

Er schreibt: „Für den Kolonisierten ist Objektivität immer etwas, das sich gegen ihn richtet.“ (65)

Fanon verfolgt eine Anschauung von Wahrheit und Wissen, die aus der Situation der Kolonialisierung entspringt, er sieht in diesem Kontext keinen Anlass zur reinen Theorie, sondern es gilt die Wahrheit zu verkörpern und die Wahrheit ist, gegen die Herrschaft zu kämpfen.

Wahrheit bedeutet damit nicht eine wahre Aussage getan zu haben, sondern ist ein Zustand, den der im Befreiungskampf Involvierte darstellt, indem er sich ganz dem Wunsch nach Befreiung verschreibt.

Fanon schreibt:

„Wahr ist, was die Auflösung des Kolonialregimes vorantreibt, was das Entstehen der Nation begünstigt.“ (43)

Fanon zieht an dieser Stelle folglich eine klare Linie zwischen Freund und Feind, in der ersten Phase des Befreiungskampfes ist es die aufgestaute Wut in den Körpern der Unterdrückten, die frei werden muss, um ihnen ein menschliches Dasein zu ermöglichen.

Und wie Sartre argumentiert, geht es Fanon nicht um die Verherrlichung von dieser speziellen Gewalt, oder von Gewalt überhaupt, es geht ihm darum darzustellen, warum sie ausbrechen muss, und dass sie die Antwort auf vergangene Gewalttaten ist, diese zurückspiegelt.

Nimmt man die Nebensätze Fanons ernst, so kann man aus seinem Text auch herauslesen, dass es um ein Verschwinden des Kolonialregimes geht, in diesem Sinn räumt er eine gewaltfreie Möglichkeit ein, die sich als völligen Rückzug des Kolonialregimes beschreiben lässt, die Herrschaft muss alle ihre Ambitionen aufgeben.

Solange sich die Kolonisierten nicht zum Widerstand entscheiden können, werden sie die Wut und den Schmerz, der der Unterdrückung entwächst gegeneinander ausleben, sich bekämpfen, so Fanon.

Die Einsicht, dass es um Dekolonisierung zu kämpfen gilt, bedeutet die Kolonialmacht als Problem zu erkennen, sowie die Möglichkeit als Einheit gegen sie aufzutreten, greifbar wird.

Die Gewalt so Fanon vereinigt die Kolonisierten, während der Kolonialismus regionalistisch ist, die Menschen spaltet und gegeneinander aufhetzt.

Die Gewalt schafft es den Minderwertigkeitskomplex der Unterdrückten zu vertreiben, sie hebt die Kämpfenden auf die gleiche Ebene wie die Kolonialherrschaft.

Fanon macht einen Schritt weiter zur Zeit und den Umständen nach der Dekolonisierung und zeigt auf, dass die neuen Staaten unter Armut und Abhängigkeit leiden.

Die Kolonialherrschaft zieht ihre Kapitalien ab, die sie aber jedoch den Ländern schuldig ist auf deren Ausbeutung, der Reichtum Europas gewachsen ist.

Fanon schreibt:

„Man sieht also, daß der Aufstieg der Kolonialländer zur Unabhängigkeit die Welt vor ein entscheidenden Problem stellt: die nationale Befreiung der kolonisierten Länder enthüllt ihren wirklichen Zustand und macht ihn noch unerträglicher. Die scheinbar grundlegende Konfrontation zwischen Kolonialismus und Anti-Kolonialismus, ja sogar diejenige zwischen Kapitalismus und Sozialismus, verliert bereits an Bedeutung. Was heute zählt, das Problem, das den Horizont versperrt, ist die Notwendigkeit einer Neuverteilung der Reichtümer. Die Menschheit muß, unter dem Risiko, aus den Fugen zu geraten, dieser Frage Herr werden.“ (80)

Fanon macht klar, dass das Abziehen des Kapitals nach der Entkolonialisierung zu Unrecht passiert.

Die finanzielle Unterstützung der ehemaligen Kolonien ist keine Barmherzigkeit, sondern Recht, sie dienen dazu gestohlenes Gut zurückzugeben, so Fanon.

Gleichzeitig formuliert er einen Aufruf sich autark zu organisieren, um als Absatzmarkt verloren zu gehen, um sich selbst erhalten zu können, neue Wirtschaftssysteme zu gründen. Und Fanon denkt in dieser Argumentation nicht nur an die ehemalige Kolonie, sondern sieht die Auswirkung auf Europa voraus.

Verliert Europa seine Absatzmärkte, verliert das europäische Proletariat seine Arbeitsplätze und wird sich zusammenschließen, um gegen das kapitalistische Regime einzutreten, wie Fanon formuliert.

Fanon endet diesen Abschnitt zur Gewalt beinahe versöhnlich, er schreibt:

„Natürlich hat die Dritte Welt keineswegs vor, einen Kreuzzug des Hungers gegen Europa zu führen. Sie erwartet von denen, die sie jahrhundertelang versklavt haben nur eines: der Mensch muss wieder in seine Rechte eingesetzt werden, der Mensch muß endlich und ein für allemal überall auf der Welt triumphieren. Dazu verlangen wir die Hilfe Europas.“ (86)

In diesem Sinne ist es notwendig Fanons Argumentation zur Gewalt zu kontextualisieren. Fanon möchte nicht Gewalt als Mittel rechtfertigen oder verherrlichen, wie bereits Sartre anspricht. Er verweist aber darauf, dass unter bestimmten Umständen der Kompromiss keine Lösung mehr ist.

Die Welt muss sich ändern und zwar sofort, oder die Unterdrückten werden sich der Gewalt bedienen. Das ist der Umstand mit dem Fanon seine LeserInnen konfrontieren möchte.

Gewalt wird notwendig, wenn durch Gewalt entstandene Herrschaftssysteme sich nicht im Sinne der Gerechtigkeit vollständig und eine neue Lebensform unterstützend auflösen.

In diesem Sinne ist es eine Form von Sozialismus, die Fanon vertritt, die einfordert, dass eine radikale Umverteilung der Güter erfolgt, die in der Beschreibung des Kolonialismus aufzuzeigen versucht, dass es etwas, das man als ein Recht durch Geburt benennen könnte nicht gibt.

Mit Fanon kann argumentiert werden, dass es zu Unrecht ist, dass jenen in Europa geborenen mehr Möglichkeiten und Kapital zukommen als Menschen aus den meisten anderen Teilen der Welt. Und eben dieses Problem gilt es nach Fanon zu lösen, möchte man die Gewalt nicht in der Welt haben.

  1. Größe und Schwächen der Spontanität

In diesem zweiten Abschnitt versucht Fanon die Entwicklung des Befreiungskampfes zu beschreiben.

Im Befreiungskampf so Fanon kann die Politik nicht auf das städtische Proletariat zählen, dass nach Fanon durch seine Verbindung zum Verwaltungsapparat, teil des Kolonialregimes geworden ist.

Fanon beschreibt das Entstehen einer Zweiteilung zwischen jenen, die von der Kolonialisierung profitieren und den anderen, die Opfer von Ausbeutung werden.

Es sind die landlosen Bauern, die in die Städte kommen, um in Slums zu leben, sowie die traditionell lebenden Gemeinschaften am Land, die vom Kolonialismus verachtet und ausgeschlossen sind.

Auch die Parteien der Befreiung können sie zuerst nicht erreichen, aber es sind eben sie, die nach Fanon das revolutionäre Moment einbringen werden.

Gleichzeitig, so Fanon, passiert der Aufstand am Land und in den Städten. Wobei das städtische Proletariat die ländliche Bevölkerung nicht mit ihrem revolutionären Geist anzustecken vermag, sondern sich zwei Formen der Dialektik, wie Fanon schreibt, nebeneinander entwickeln.

Wenn der Kampf in den Städten gegen den Kolonialismus beginnt, werden nationalistische Gewerkschaften gegründet, die sich denen aus dem Mutterland entgegenstellen, sie haben die Möglichkeit die Hauptstadt, sozusagen den Ort der Kolonialmacht stillzulegen. Am Land ist man von diesen Kämpfen allerdings weiterhin abgeschnitten, sowie die Städter die Land-Bevölkerung verachten.

Dem Land bleibt in diesem Sinne aber auch nicht die Möglichkeit sich mit dem Kolonialismus zu einigen.

Es sind die von der Kolonialmacht verfolgten Befreiungskämpfer, die das Land durchstreifen, es kennenlernen und ihre Ideen dort verbreiten.

Es ist nach Fanon genau dieses Zusammentreffen von Politik und Abgeschiedenheit, die klar werden lässt, dass Veränderung nicht Reform, sondern das Absetzten der herrschenden Umstände sein muss. Und in diesem Sinne kann Fanon argumentieren, dass jene, die nicht von Reformen profitieren, sich bereit machen für den Befreiungskampf, der eine völlige Veränderung fordert.

In diesem Sinne schreibt Fanon, dass der Kampf ein sich nicht mit einer Zwischenlösung zufriedengibt ist, Zitat:

„Es ist unbedingt notwendig, daß die kolonisierten Völker, die ausgeplünderten Völker die Geisteshaltung aufgeben, die sie bisher gekennzeichnet hat. Der Kolonisierte kann zur Not einen Kompromiß mit dem Kolonialismus zustimmen, aber niemals einer Kompromittierung.“ (122)

Es ist auch dieser Moment, wo Fanon bemerkt, dass den Kämpfenden klar wird, dass es Parteigänger auf der Seite der Nation gibt, die sich einerseits in den Städten damit begnügen auf den Ausgang des Geschehens zu warten, sowie andere, die versuchen aus der Situation Kapital zu schlagen, mit dem Erstellen einer neuen Art von Regime beschäftigt sind.

Fanon kommt an dieser Stelle folglich zu dem Punkt in seiner Beschreibung, den Said als die Selbstkritik des Nationalismus im Befreiungskampf beschrieben hat. Das Bewusstsein wird zu einem, dass erkennt, dass der Befreiungskampf sich nicht auf die Erstellung der Nation beschränken darf, sondern, dass es darum geht Allianzen mit allen Unterdrückten der Erde einzugehen.

Ich komme zu Fanons drittem Punkt:

  1. Mißgeschicke des nationalen Bewußtseins

Ich beginne mit einem Textstück vom Ende dieses Abschnitts, Fanon schreibt:

„Wenn der Nationalismus nicht erklärt, bereichert und vertieft wird, wenn er sich nicht sehr rasch in politisches und soziales Bewußtsein, in Humanismus verwandelt, dann führt er in eine Sackgasse.“ (174)

Es ist nun die nationale Bourgeoisie, wie Fanon benennt, die das Kolonialregime ablöst und alle Hoffnung des Befreiungskampfes zerstört.

Fanon hält fest, dass an diesem Punkt sichtbar werden muss, dass es nun gilt sich gegen die Bourgeoisie zu richten, nicht beim nationalen Bewusstsein stehen zu bleiben.

Fanon argumentiert in diesem Sinne gegen eine Form von Karrierismus, die schon Said in seinen Vorträgen zum Intellektuellen, sichtbar werden hat lassen.

Die Partei, der Befreiungskampf passiert vor falschem Hintergrund, wenn er eine Möglichkeit zum individuellen Erfolg wird.

Fanon schreibt:

„Die Intellektuellen, die sich ihr am Vorabend der Unabhängigkeit angeschlossen hatten, bestätigen durch ihr jetztiges Verhalten, daß dieser Anschluß kein anderes Ziel hatte, als bei der Verteilung der Unabhängigkeitstorte dabeizusein. Die Partei wird zu einem Vehikel für individuelle Erfolge.“ (146)

Fanon sieht nur eine Lösung die Gefahren der Zentralisierung von Macht und Kapital zu umgehen, nur eine Art, wie sich eine zuerst revolutionäre Partei davor schützen kann den Kontakt zu den versteckten Gebieten ihres Landes zu verlieren.

Zitat:

„In einem unterentwickelten Land muß die Führungsspitze der Partei die Hauptstadt fliehen wie die Pest. Sie muß sich, mit Ausnahme einiger weniger, in den ländlichen Gebieten aufhalten. Man sollte es vermeiden, alles in der Großstadt zu zentralisieren. Keine Entschuldigung administrativer Art kann diesen Trubel einer gegenüber neun Zehnteln des Territoriums schon überbevölkerten und überentwickelten Hauptstadt rechtfertigen. Die Partei muß bis zum äußersten dezentralisiert werden. Das ist das einzige Mittel, die toten, die noch nicht zum Leben erwachten Gebiete zu aktivieren.“ (157-158)

Von der Gewalt, die das spontane Ausbrechen der Wut bedeutet, hin zum Nationalismus, lässt Fanon nun folglich eine neue Phase beginnen, die sich die Frage stellt, wie es möglich ist die Ungleichheiten zwischen den Menschen aufzulösen. Wie es möglich wird eine Politik zu erschaffen, die nicht die einen privilegiert und die anderen vergisst. Diese Frage muss sich nach Fanon eine revolutionäre Partei stellen, um nicht selbst zum Regime zu werden.

Anders formuliert könnte man auch sagen, dass es Fanon darum geht die Frage zu beantworten, wie es möglich ist die Menschen in der Nähe des politischen Geschehens zu halten, sie in die Politik zu involvieren.

Und in diesem Sinne schreibt Fanon:

„Niemand hat die Wahrheit gepachtet, weder der Führer noch der Parteikämpfer. Die Suche nach der Wahrheit in lokalen Situationen ist eine kollektive Angelegenheit.“ (169)

Fanon möchte hier über die Lösung politischer Probleme hinausgehen, sein Ziel ist die Entwicklung neuer Arten des Wirtschaften und der Landwirtschaft, die gemeinschaftlich entwickelt werden sollen, und den Gruppen Autonomie schenken sollen.

Möchte man eine zeitgenössische Terminologie verwenden, so ist es die Frage nach den Commons, die Fanon stellt.

  1. Über die nationale Kultur

„Die Leidenschaft, mit der die heutigen arabischen Autoren ihr Volk an die großen Zeiten der arabischen Geschichte erinnern, ist eine Antwort auf die Lügen des Okkupanten.“ (181)

Sowie sich die Gewalt gegen den Kolonialismus als Tochter der Gewalt des Kolonialregimes verstehen kann, so ist die Erinnerung an einen anderen Ursprung und die damit verbundene Leidenschaft zu verstehen als eine Antwort auf die Abwertung dieser Erinnerung.

Der Nationalismus wird damit zu einer Antwort auf den Kolonialismus, die dem Kolonialismus in seiner Radikalität entspricht.

Sowohl der Kolonialismus als auch der Nationalismus dürfen nach Fanon nicht bestehen, beide sind unterdrückende Systeme. Beide müssen zerfallen, um einem neuen Humanismus die Möglichkeit zu geben in die Wirklichkeit treten zu können.

Die Rolle der Intellektuellen sieht Fanon nun nicht in der Erstellung des Humanismus oder im Etablieren einer speziellen Kultur, da beide Projekte wieder bedeuten würden in der Sprache der Herrschenden zu sprechen.

Es wird zur Aufgabe der Schreibenden und Künstler die Situation aufzugreifen zu beschreiben.

Eine Kultur der und für Schwarze zu erschaffen hält Fanon für nicht möglich, da diese Bezeichnung von einer Herrschaft gefunden wurde, die nun ihre Vormachtstellung verliert, es damit auch keine speziellen Bezeichnungen für die ehemals Unterdrückten gibt. Kultur als Trennende ist mit Fanon im Begriff zu verschwinden und der Befreiungskampf ist das erste Zeichen dafür.

In dieser Periode des Kampfes können sozusagen zwei Arten des Weltbezugs unterschieden werden, jene, die für die Befreiung der Kolonien, der Menschen sind und die anderen.

Es geht damit darum die Identitäten, die während der Zeit des Kolonialismus entstanden sind aufzubrechen.

Fanon bringt die Entwicklung des Jazz als Beispiel und erinnert an die Reaktion der weißen Jazz Experten auf neue Stile wie den Bepop, mit hoffnungsvollerem Klang.

Zitat:

„Und es ist keine Utopie, wenn man annimmt, daß in etwa 50 Jahren der Jazz als abgehackter Aufschrei eines armen verfluchten Negers nur noch von den Weißen verteidigt werden wird, die als einzige an dem erstarrten Bild einer bestimmten Verhaltensweise, einer bestimmten Form der Négritude festhalten werden.“ (205)

Ich möchte mit diesem Zitat enden. Fanon geht es folglich um eine neue Kultur, die nicht ausschließlich ist und im Aktuellen, im Experiment gefunden werden muss.

Sie wird nicht erdacht, sondern die Intellektuellen und Künstler beginnen Bausteine zu schreiben, die aus dem direkten Kontakt mit den Menschen und dem Leben entstehen müssen.

Fanon endet sein Buch mit einem Kapitel über die psychischen Störungen, durch die Grausamkeiten der Kolonialisation.

Kritik der schwarzen Vernunft

Ich möchte dieses Buch von Mbembe als den Versuch aufgreifen Fanon weiterzudenken.

Den Versuch eine These auszuformulieren, die ein Schwarzwerden der Welt behauptet aufnehmen und damit das diskutierte aus dem konkreten Kontext holen. Mit Mbembe wird es möglich eine allgemeine Fragestellung in Bezug auf die herrschenden Umstände unserer Welt auszuformulieren.

Es ist leicht zu erkennen wie nahe seine Thesen an Saids Orientalismus sind, beide sprechen von der Konstruktion von Körpern der Ausbeutung, beiden zeigen auf, dass der Westen als Ort und Begriff erfunden wurde, um Herrschaft zu rechtfertigen, sowie die Verteilung der Weltgüter zu organisieren.

Zitat Achille Mbembe:

»Als Macht des Fangens, des Ergreifens und des Polarisierens war der Kapitalismus stets auf das Instrument der Rasseangewiesen, um die Ressourcen der Erde auszubeuten. Das war gestern so. Und es ist heute so, da er sich daranmacht, sein eigenes Zentrum zu rekolonisieren, und die Aussichten auf ein Schwarzwerden der Weltdeutlicher als jemals zuvor zutage treten.« (S. 325).

Achille Mbembe nimmt sich des Projekts der Entkolonialisierung Frantz Fanons an, um es mit zeitlichem Abstand weiterzudenken sowie um seine Bedeutung für Wissenschaftstheorien sichtbar zu machen.

Ihm geht es darum, Universelles zu finden, die benennenden Begrifflichkeiten sind Mbembe allerdings suspekt geworden.

Die zu stellende Frage ist, wie das Denken einem Freiheitskampf entsprechen kann, der sich dadurch auszeichnet, begrifflich nicht fassbar zu sein, einem Freiheitskampfder von jenen ausgeht, die nicht herrschende Sprachen sprechen sowie ihre Art der Konstruktion nicht akzeptieren können, möchten sie ihre Gefängnisse verlassen.

Oben, am Beginn meiner Darstellung steht das Ende Achille Mbembes Buch Kritik der schwarzen Vernunft. In diesen paar Zeilen scheint mir Mbembes Intention, dieses Buch zu schreiben, zusammengefasst.

Es geht darum darzulegenwie eng Kapitalismus und Rassismus ineinander verwoben sind, wie sehr es einer Hierarchisierung des Menschen bedarf, um radikale Ausbeutungsverhältnisse zu rechtfertigen, sowie die Frage nach der kommenden Gesellschaft gestellt wird, die sich durch eine »Sorge um das Offene« (S. 331) auszeichnet, die mit Frantz Fanon über die notwendige Betonung von Differenz hinausgehen kann, um jenseits von Rache und Unterdrückung leben zu lernen.

Für die Philosophie bedeutet dies Selbstzweifel, Begriffe und Sprache werden für Mbembe grundsätzlich suspekt. Er fordert mit Léopold Séda Senghor und Aimé Césaire Universelles, das sich stets am Besonderen dekliniert,

den »[…] Ort einer Vielzahl an Besonderheiten, deren jede nur das ist, was sie ist, also das, was sie mit anderen Besonderheiten verbindet oder von ihnen unterscheidet« (S. 288).

Ich möchte im Folgenden vier Begriffe aufgreifen, die in Mbembes Buch wichtig werden, um seine Thesen zum Schwarzwerden der Welt sichtbar werden zu lassen.

Rasse:Die Formationen »Rasse« und »Neger« entstehen als Aspekte der – sich als die westliche und einzige verstehende – Moderne. Der Negerwird als das durch Rasse bestimmte Subjekt produziert, er findet sich abseits von der Gleichheit der anderen gekennzeichnet durch sein Unterschiedensein.

Das Weißseinbraucht den Negerals Gegensatz, um sich selbst als westliche Phantasiezur Welt zu bringen. Benennungen fixieren die Herrschenden, jene die sich kriegerisch und gewalttätig durchsetzen konnten.

Sich selbst bezeichnend als der Westen, wird das Subjekt der Unterdrückung, der Neger, zur Sicherstellung der eigenen Vorherrschaft verwirklicht. Dieser Begriff Negersteht für einen Ausbeutungskörper, der dem Willen eines Herrn unterworfen ist. Das Rassensubjekt wird durch Entzug der bürgerlichen Rechte konstruiert, zum Träger der Möglichkeit von Rechtsunfähigkeit.

Die schwarze Vernunft nun bedeutet eine Vielzahl von Aussagen. Es handelt sich um einen Diskurs, der den Sinn birgt, Rituale zu wiederholen, um den Neger, das Rassensubjekt, das Subjekt der Ausbeutung, zu fixieren, abzuwerten, zu instrumentalisieren.

Es soll folglich darauf hingewiesen werden, dass die Festlegung von Bedeutung, von Beschreibungen sowie deren Wiederholung zu jeder Zeit mit der Konstruktion eines Ortes in der Welt einhergeht, mit der Einordnung in fremdbestimmte Zwänge des Zusammenlebens.

DerNegerzeichnet sich – so Mbembe mit Fanon – durch drei Elemente aus: das Moment der Zuschreibung, das Moment der Übernahme und Verinnerlichung und endlich durch die Um- oder Verkehrung als erstes Moment der Rebellion, der Rückgewinnung der eigenen Menschlichkeit, die ihm durch Folter genommen wurde.

DerNegerist als fremdkonstruierte Identität erschaffen, um sich dieser zu entziehen, wird er selbst zum Nichtgreifbaren einer Negativität.

Rassismus bedeutet folglich, Identitäten zu konstruieren, die aus fremder Perspektive Selbstbeschreibungen entwerten. In diesem Sinn kann jeder Mensch zu dieser Figur des Abseits werden, Rasse ist ein abstraktes Instrument der Eingrenzung und Abwertung und in diesem Sinn ein formales Mittel der Bestätigung eines herrschenden Ungleichverhältnisses. Rassismus konstruiert »Figuren radikaler Exteriorität« (S. 77).

In diesem Sinn nimmt Mbembe die Figur des Gespenstischen wieder auf, da den Ausgeschlossenen lediglich die Möglichkeit des Maskierens bleibt, des Improvisierens und des Sich-in-Veränderung-Befindens, um fragmentarisch Freiheit zu verwirklichen.

Ausgezeichnet ist diese Seinsweise im nicht linearen Erleben von Zeit. Ereignisse beginnen, mischen sich, kommen allerdings nicht an ein Ziel. Weiters, und mit dem ersten Punkt eng verwandt, sind Geister fähig, Fragment zu sein, sich in andere Fragmente einzufügen, sich mit ihnen zu verbinden. Drittens und schlussendlich findet das Geistersubjekt keine einmalige Form, es gleitet.

Mbembe spricht von einem Schwarz-Werden der Welt und weist uns mit dieser Formulierung darauf hin, dass nicht die Gleichheit und Offenheit zugenommen hat, wir den Weg Fanons Humanismus beschritten haben, sondern dass es mehr Festschreibung zum Zweck der Ausbeutung gibt als zuvor.

Ich komme zum zweiten Begriff, dem der Kolonie.

Kolonie:Möchte man nun einwenden, dass sich die Zeiten verändert haben, Frantz Fanons Kritik nicht mehr aktuell ist und eine Neuauflage die Probleme der Gegenwart verkennt, so sei einerseits darauf hingewiesen, dass der von Fanon eröffnete Horizont eines neuen Humanismus, einer Menschheit, die sich nicht kriegerisch begegnet, noch lange nicht betreten istobwohl sich das Konstrukt der Kolonie allerdings als Ort oder Daseinsweise klar geändert hat, welchem Umstand Mbembe entsprechen möchte.

Die Kolonie zeichnet sich dadurch aus, eine Traumwelt zu sein, die zum Albtraum wird, da sie vom Zufall organisiert ist. In diesem Sinne ist sie rechtloser Raum, permanenter Ausnahmezustand sowie eine Maschine, die Phantasien und Wünsche erzeugt, so Mbembe. Das vom Rassismus benannte Subjekt wird mit der Aussicht auf das andere Leben, mit der Aussicht auf Teilhabe am herrschenden System verführt, um Wohlstand höchstens zufällig und zum Preis von Gefangenschaft erhalten zu können.

Zitat:

»Nach dem zweiten Weltkrieg wird der Kolonialismus den Kolonisierten drei weitere Güter vor Augen führen: Bürgerrecht, Nation und Zivilgesellschaft. Bis in seine Endphase hinein wird er ihnen jedoch den Zugang dazu verwehren. Wie der Islam und das Christentum, so ist auch die Kolonisierung ein Universalisierungsprojekt. Ihr Ziel ist es, die Kolonisierten in den Raum der Moderne hereinzuholen. Aber ihr [die Kolonisierung]vulgärerer Charakter, ihre oft ungenierte Brutalität und ihre Unaufrichtigkeit machen sie zu einem perfekten Beispiel des Antiliberalismus« (S. 185 f.).

Nächster Begriff: Afrika

Afrika: Afrika ist eine Maske, die jene mit ihr Benannten umhüllt, erscheinen lässt. Afrika ist nicht, was es behauptet zu sein, sondern was im Allgemeinen darüber gewusst wird.

Im Sinne Edward W. Saids ist Afrika keine Erfindung, sondern ein gewachsenes Konstrukt, das als Rest einer sich zwanghaft modernisierenden Welt fremd bleiben musste.

Afrika ist als Kolonie der ausbeutbaren Körper bleibendes Fundament eines kapitalistischen Weltsystems, das Peripherien kultivieren und rechtfertigen muss, um den Wohlstand der anderen zu sichern, um das Konkurrenzprinzip glaubhaft zu erhalten.

Mit Mbembe ist Afrika schon lange keine Region unserer Welt mehr,sondern überall, immer jener Ort, wo Körper direkt von Herrschaft gezeichnet werden, ohne dass ihre Rebellion sich jemals im Bereich des Begrifflichen zu spiegeln vermag.

Mbembe schreibt:

»Afrika finden heißt die Erfahrung eines Identitätsverlusts machen, der zum Besitz berechtigt« (S. 103).

 

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