Grundlage meines Vortrags in der VO – nicht überarbeitet! – zum Lesen und Nachdenken – bitte nicht zitieren!

Kultur und Imperialismus

Kultur und Imperialismus. Einbildungskraft und Politik im Zeitalter der Macht, 1993 in New York erschienen.

Am Beginn unserer heutigen Auseinandersetzungen soll ein Zitat von Said stehen, das die Sorge vor der Macht der Institution ausdrückt:

[Es] sind Wachsamkeit und Selbstkritik von hoher Bedeutung, weil jede oppositionelle Anstrengung Gefahr läuft, institutionalisiert zu werden, so wie Randständigkeit sich in Seperatismus verwandeln und Widerstand sich zum Dogma verhärten kann.“ (96)

Saids Kultur und Imperialismus ist ein Aufruf zur Achtsamkeit gegenüber Formen der Annerkennungsproduktion. Man könnte es so formulieren, wenn die erdachten Thesen zu populär werden, gilt es die eigenen Voraussetzungen zu überdenken. Die Frage der Philosophie darf damit nicht sein, wie werde ich mit meinem Denken erfolgreich? Im Gegenteil, mit Said könnte man sich eher fragen, warum bin ich so erfolgreich, welche Narrative bedient mein Denken?

Anschließend an seine Arbeit zu Orientalismus, wird Said auf das Verhältnis zwischen Kultur und Herrschaft aufmerksam, dem er in Kultur und Imperialismus nachgehen möchte.

Besonders beeindruckend am Beobachteten findet Said, dass die rhetorischen Figuren, in der Darstellung eines geheimnisvollen Ostens oder beispielsweise des chinesischen Geistes sich standhaft im Gespräch zu halten vermögen.

Zweitens möchte sich Said aber auch gegen die These wenden, dass ein aktiver westlicher Eindringling einem passiven Osten gegenübersteht und gestanden ist. Er merkt an, dass der Kolonialisierung immer Widerstand entgegengeschlagen hat und dass schlussendlich dieser Widerstand meistens vermochte sich durchzusetzen.

Said möchte sich im Folgenden genauer mit den Begriff »Kultur« beschäftigen, der in seinen Texten zentrale Bedeutung annimmt.

Said verwendet den »Begriff« Kultur in zwei Arten. Erstens als die Bezeichnung für Produkte, die in einem ästhetischen Bereich entstehen, der sich als autonom gegenüber dem Alltag versteht und zweitens beschreibt Said eine Dimension des Begriffs Kultur, die es ausmacht, das zu definieren was als das Beste und Besondere bezeichnet wird, das eine Gesellschaft hervorzubringen vermag.

Ich komme zur ersten Form Kultur zu denken nach Said, dieser schreibt:
„In dem Sinne wie ich es benutze, bedeutet das Wort »Kultur« insbesondere zweierlei. Erstens meint es jene Praktiken der Beschreibung, Kommunikation und Repräsentation, die relative Autonomie gegenüber dem ökonomischen, sozialen und politischen Sektor genießen und sich häufig in ästhetischen Formen kleiden, die u.a. Vergnügen bereiten.“ (14)

In diesen Bereich Fallen für Said die Geschichten und Sagen aus unterschiedlichen Regionen der Welt, aber auch Geschichtsschreibung und Soziologie. Man könnte also ausformulieren, alle jene Dinge, mit denen Mensch sich beschäftigt, wenn er gerade nicht für Nahrung und Wohnen arbeiten muss.

In seinem Buch möchte er sich mit der westlichen Herrschaft den 19. Und 20. Jahrhunderts beschäftigen und in diesem Sinn wird der Roman für ihn eine besondere Form, die dieser Form von Kultur entspricht.

Dieser Ausprägung von Kultur zum Beispiel als Literatur spricht Said große Bedeutung zu sowohl im Verbindungen schaffen zwischen Kultur und Imperialismus aber auch als emanzipative Kraft.

So konnten große Erzählungen von Emanzipation und Aufklärung Menschen immer wieder ermutigen sich gegen Zwänge aufzulehnen. Die Erzählungen von einer Gesellschaft in Gleichheit vermochten zu bewegen im Auflehnen gegen Herrschaft.

Welche Bedeutung umfasst die zweite Bedeutung von Kultur, Said schreibt:

„Zweitens bezeichnet Kultur – und auf beinahe unmerkliche Weise – ein Konzept der Verfeinerung und der Erhebung, das Reservoir jeder Gesellschaft »an Besten«, was je erkannt und gedacht worden ist, (…)

Man liest Dante und Shakespeare, um mit dem »Besten« Schritt zu halten, was gedacht und erkannt worden ist, und um sich selbst, die eigene Gesellschaft und Tradition im hellsten licht zu sehen. Mit der Zeit wird die Kultur, häufig militant, mit der Nation oder dem Staat assoziiert, nahezu immer mit einem gewissen Grad an Xenophobie. Kultur in diesem Sinne ist eine Quelle der Identität, (…)“ (15)

In dieser Bedeutung verwendet man das Wort Kultur, wenn man von der Rückkehr zur Tradition oder Kultur sprechen möchte.

Kultur in diesem Sinne beschreibt Said als Theater, in dem unterschiedliche Formen von Kräften aufeinandertreffen. Der Versuch ist es Kultur als wertvoll und besonders zu beschreiben, die eigene Kultur, die eigene Kunst, das was als Kunst definiert wurde.

Diese Form von Kultur sieht Said als einerseits Ort der Bewunderung und andererseits als Form der Ablehnung, die sich auf andere Kultur erstrecken kann, oder aber auch auf das praktische Leben und Politisieren der eigenen Gesellschaft.

Eine Kultur, die sich als Sammelort für das Beste oder die Besten erklärt, steht folglich gegenüber den anderen Besten und gegenüber dem, das als einfach oder notwendig bezeichnet wird.

Sie ist eine Schutzzone, der es erlaubt ist abseits von Politik und Welt im Allgemeinen zu leben.

Said möchte Kultur anders denken, und zwar als Feld von Bestrebungen, die aufeinandertreffen, als dynamisches Werk.

Kultur muss demnach zu etwas werden, das nicht beurteilt, sowie nicht beurteilt wird, es ist nicht die Aufgabe der Schriftsteller über die Qualität von Lebensformen und ihrer Produktion zu entscheiden, da diese Beurteilungen immer von einem privilegierten Ort passieren. Kultur kann an den Bruchzonen verortet werden, wenn Praktiken oder Vertreter von Kulturen aufeinander treffen, sie kann nicht sein.

Kultur ist damit nicht in Veränderung zu denken, sondern als eine Form von Grenze, als der Ort, über den Urteilen nicht möglich ist.

Said schreibt in diesem Kontext:

„Die Welt heute ist kein Schauspiel, angesichts dessen wir entweder pessimistisch oder optimistisch sein können, in bezug auf das unsere »Texte« entweder geistreich oder langweilig sein mögen. Derlei Einstellungen bringen stets die Entfaltung von Macht und Interessen ins Spiel.“ (24)

Said lädt uns damit am Anfang seines Buches dazu ein, Texte zu lesen, ohne ihnen sofort Wertungen zuzuschreiben, ohne sie mit dem bekannten abzugleichen.

In diesem Sinne kann man sich an seinen Ausspruch erinnern, dass es darum geht, der Aussage Zeit einzuräumen und man nicht versuchen sollte besonders flink und knackig zu antworten, im Gegenteil. Was Said vorschlägt ist das lange und verwirrende Reden, ein Reden, in dem auch die Sprechenden auf der Suche sind, nicht nur Information weitergeben.

Said merkt im Kontext der oben zitierten Textstelle auch an, dass es ihm nicht darum geht Empathie einzufordern oder Mitgefühl. Said geht es darum, dass Schreibende als Autoren und damit in ihren Texten eine Alternative zum Imperialismus denken können.

Es geht folglich nicht darum mehr Verständnis für andere Kulturen aufzubringen, sondern darum ein politischen System abzulehnen, dass Gruppen von Menschen in die Situation bringt vom Verständnis anderer abhängig zu sein.

Said sieht sich und sein Schreiben an einem Zeitpunkt angekommen, der es erlaubt den Imperialismus in seiner Gestalt zu überblicken. Said möchte damit nicht aussagen, dass wir uns in einer Zeit nach dem Ende imperialistischer Projekte befinden. Das als solches bezeichnete System ist jedoch, durch das Ende des Kolonialismus und das Lautwerden von Gegengeschichten in den Großstädten Europas und den USA, zu einer Art Abschluss gekommen.

Diese Veränderung der Weltzusammenhäng sieht Said als ein Ausdruck dafür, dass der Wille zur Freiheit von fremder Herrschaft nicht zu brechen ist. Er schreibt:

„Zum ersten Mal kann die Geschichte des Imperialismus und seiner Kultur nun als weder monolithisches noch vereinzeltes, isoliertes, distinktes Phänomen studiert werden. Zwar hat es einen verstörenden Ausbruch separatistischer und chauvinistischer Kräfte gegeben, ob in Indien, im Libanon, in Jugoslawien, ob in afrozentrischen, islamozentrischen oder eurozentrischen Proklamationen; aber der Wille zur Freiheit von fremder Herrschaft ist davon nicht gelähmt worden, vielmehr haben diese reduktiven Verzerrungen des kulturellen Diskurses in Wirklichkeit die Gültigkeit einer Befreiungsenergie bewiesen, die das Bedürfnis belebt, unabhängig zu sein, sich frei zu äußern und die Last ungerechten Machtgebrauchs abzuwerfen.“ (25)

Mensch strebt in diesem Sinne nach Freiheit von Herrschaft und je stärker die Geschichten des Aufwachsens der Einzelnen von Unterdrückung berichten, desto intensiver wird die Energie sein, die herausbricht, um sich Gehör zu verschaffen. Said verweist an dieser Stelle auf eine Gefahr hin, die entsteht, wenn Sprechen zu lange unterdrückt wurde. Said schreibt:

„In dem Wunsch, uns Gehör zu verschaffen, neigen wir häufig dazu, zu vergessen, daß die Erde ein überfüllter Ort ist und daß, wenn jemand auf radikaler Reinheit oder dem Vorrecht der eigenen Stimme bestünde, alles, was wir bekämen, der Lärm endlosen Haders und ein blutiges politisches Chaos wäre (…)“ (25)

Erster Lehrsatz dieser Saidschen Einleitung ist folglich sich Zeit zu nehmen im Sprechen, zweitens übt Said Kritik an dem bedingungslosen Festhalten an der eigenen Meinung. Drittens könnte man damit sagen, dass Said zum Mischen der Meinungen aufrufen möchte.

Dieses Mischen beginnt für Said im Wahrnehmen der Geschichte des Imperialismus als einer gemeinsamen. Er schreibt:

„Eine der Leistungen des Imperialismus war es, die Welt enger zusammenzuschließen, und obwohl die Scheidung von Europäern und »Eingeborenen« ebenso tückisch wie fundamental ungerecht war, sollten wir heute, die historische Erfahrung imperialer Herrschaft als eine gemeinsame Erfahrung ernst nehmen. Die Aufgabe lautet deshalb, sie als das kollektive Erbe von Indern und Briten, Algeriern und Franzosen, Europäern und Afrikanern, Asiaten, Lateinamerikanern und Australiern zu erkennen, trotz der Schrecknisse, des Blutvergießens und der rachedürstenden Verbitterung.“ (26)

Saids konkreter Beitrag zu einer solchen gemeinsamen Geschichte möchte Kultur und Imperialismus sein, indem es die Verbindungen zwischen AutorInnen und dem Umstand Kulturkonkret sichtbar werden lassen möchte. Oder anders formuliert. Said möchte nachforschen inwiefern Kulturbegriff Nummer zwei, der eine vordergründige Abgewandtheit von der Politik bei tatsächlicher Unterstützung des Bestehenden und nicht Rebellierenden, beschreibt, die Schreibenden und Texte zu bezeichnen vermag – sowie es Saids Anliegen ist, die Texte in ihrem Feld von Machtbeziehungen zu situieren.

In diesem Sinne beschäftigt sich Said mit der ästhetischen Imagination einer Epoche, in der er die Wurzeln von Geschichtserfahrungen findet.

Wie schon in Orientalismus beschreibt Said das 19. Jahrhundert und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts vom britischen und französischen Imperium geprägt. Nach der Entkolonialisierung Mitte des 20. Jahrhunderts sieht Said die USA die Rolle der Herrschaft übernehmen.

Woran ist diese Rolle der USA zu erkennen?

Erstens nennt Said die Muster der Argumentation und Erklärung, die es vermögen Herrschaftsorte zu bezeichnen. Es sind immer die gleichen Sätze, die verwendet werden, um Herrschaft zu rechtfertigen, sowie alle großen Imperien der Geschichte sie verwendet haben.

Diese Muster der Argumentation gehen einher mit dem Streben nach der Weltherrschaft.

Said schreibt:

„(…) immer erklingt denn das erschreckende stereotypische dementi, daß »wir« eine Ausnahme bilden, daß »wir« nicht beutehungrig und nicht drauf und dran sind, die Fehler früherer Machthaber zu wiederholen, ein Dementi, auf das dann alsbald die Wiederholung der alten Fehler folgt (…)“ (28)

Ein Imperium, das sich ausweiten möchte, ist folglich daran zu erkennen, dass es Schreckenstaten legitimiert aufgrund einer – man könnte sagen –Hausmeisteraufgabe, die man auf der ganzen Welt einnehmen müsse, um nicht die Unordnung siegen zu lassen, sowie im Gegenzug die gleichen Schreckenstaten – sind es nicht die eigenen – schwer verurteilt werden und als Gefahr für die Ordnung beschrieben werden.

Said kritisiert den offensichtlichen Imperialismus der Politik, sowie die Gestalt des Schreibenden, der dieser Form von Argumentation zur Seite tritt.

Ein weiteres Ziel des Lesens von Texten in Imperialismus und Kultur ist es damit sie in ihr Verhältnis zur herrschenden Politik zu stellen. Said merkt in diesem Kontext an, dass es darum geht, der oben beschriebenen Argumentationsstruktur nicht zu verfallen, und dass in diesem Sinne keine AutorIn davon ausgeschlossen ist sich diese Frage zu stellen. AutorInnen, die im Sinne der Verteidigungen von Unterdrückten schreiben, dürfen sich folglich auch keinen Politiken annähern, die beispielsweise für manche Besondere das Recht auf Gewalt einfordern.

Said sieht ein einander befruchtendes Verhältnis zwischen dem westlichen Imperialismus und dem Nationalismus der Dritten Welt, Hoffnung gibt, dass weder der Imperialismus noch der Nationalismus immer wieder völlig gleich passieren, dass sie nicht einheitlich oder deterministisch sind, so Said. Hoffnung gibt Said auch etwas, das er das Aufkommen eines intellektuellen und politischen Gewissens nennt, zu dem seine Schriften ohne Zweifel beigetragen haben und es weiter tun wollen.

Was bleibt ist die Feststellung, die Said auch schon in Orientalismus zentral bearbeitet hat. Bei mehr Bewusstsein, beschreibt Said die vorherrschende Meinung – und man könnte hier vorsichtig sagen – auf der ganzen Welt, immer noch als eine die prinzipiell unterscheidet zwischen ihnenund uns.

Den Kampf um die Identität, die dann als die unsere gelten mag, führen nach Said zwei unterschiedliche Formen von Geschichtsschreibung. Er schreibt:

„Und in der Tat wird der innere Kampf ja zwischen den Befürwortern einer »einheitlichen Identität« und denen ausgetragen, die auf eine komplexe, nicht durch Reduktion herrunterrechenbare Identität setzen. Dieser Gegensatz gründet in zwei rivalisierenden Perspektiven und zwei miteinander unverträglichen Geschichtsschreibungen: die eine linear und subsumierend, die andere kontrapunktisch und häufig nomadenhaft.
Meine These ist, daß nur die zweite Perspektive für die Realität der historischen Erfahrung voll empfänglich ist. Alle Kulturen sind, zum Teil aufgrund ihres Herrschaftscharakters, ineinander verstrickt; keine ist vereinzelt und rein, alle sind hybrid, heterogen, hochdifferenziert und nichtmonolithisch.“ (30)

Womit wir wieder angekommen sind bei Saids These der Vermischung. Einfach ausgedrückt sagt sie aus, dass eigentlich alle Identitäten unseres Denkens unhaltbar sind. Geschichten transportieren, die oft gewalttätig ins Leben treten.

In diesem Sinn wird es möglich die Namen von vielen Studienfächern in Frage zu stellen, sowie sich selbst, Said verlangt hier nicht weniger als die eigene Identität sichtbar werden und im besten Fall für eine Sammlung von Geschichten gehen zu lassen.

Ich komme mit Said zur Frage nach drei Begriffen, dem der Herrschaft, dem der Geographie und nochmals zur Kultur.

Die Vergangenheit ist die Legitimation der Gegenwart. Kann als kurzes Statement am Anfang stehen. Dieser Aussage gilt allerdings mit Einschränkungen.

Said schreibt:

„Berufungen auf die Vergangenheit gehören zu den verbreitetsten Strategien der Deutung der Gegenwart. Was diese Berufungen belebt, ist nicht nur die Meinungsverschiedenheit in bezug auf das, was in der Vergangenheit geschah und was diese Vergangenheit war, sondern auch die Ungewißheit darüber, ob die Vergangenheit wirklich vergangen ist, vorbei und abgeschlossen, oder ob sie, vielleicht, weitergeht, wenn auch in ganz eigentümlichen Formen.“ (37)

Said wirft folglich zwei Fragen auf: Welche Vergangenheit ist es, auf die man sich beruft? Und. Ist die Vergangenheit, die als Referenzpunkt dienen soll vergangen oder eher ein Teil der Gegenwart, für die sie eine spezielle Rolle spielen kann?

Said formuliert den Versuch der geographischen Überprüfung der historischen Erfahrung, vor dem Hintergrund einer Welt, die nicht mehr in wirund siebetrachtet werden kann, sowie es sich um eine Welt handelt, die besiedelt ist, es gibt keine unbewohnten Räume.

Said schreibt:

„So wie niemand von uns außerhalb der Geographie steht, so ist niemand von uns vollständig frei vom Kampf um die Geographie. Dieser Kampf ist komplex und lehrreich, weil er nicht nur um und mit Soldaten und Kanonen geführt wird, sondern auch um und mit Ideen, Formen, Bildern und Imaginationen.“ (41)

Die geographische Überprüfung der Geschichte, hat somit die Aufgabe nachzuschauen aus welchen Landschaften heraus geltende Erzählungen passieren. Welches Imaginäre ist anleitend, macht eine besondere Art von Geschichte möglich, ist die Frage.

Und um dem Reden vom Kolonialismus und den Dimensionen seines Willens zur Ausbeutung Gestalt zu geben, nennt Said einige Zahlen, die das Gesellschaftssystem erlauben, in dem wir nun leben, sozusagen eine unliebsame Geschichte Europas.

Zitat:

„Man halte sich vor Augen, daß um 1800 die westlichen Mächte 55% der Erdoberfläche für sich beanspruchten, aber tatsächlich nur 35% unter Kontrolle hatten und daß bis 1878 ihr Anteil auf 67% angestiegen war (…) 1914 (…) kontrollierte [Europa] grob geschätzt 85% der Erdoberfläche (…)“ (42)

Vor diesem Hintergrund erfährt Saids Projekt der geographischen Überprüfung von Geschichte eine neue Dimension. Es zeigt sich, dass die europäischen Erzählungen an Wirklichkeit gewonnen haben, weil die Möglichkeit zur weltweiten Verbreitung der Erzählungen möglich war. Andere Formen der Imagination, wurden zu unwahren Erzählungen.

In diesem Sinn würde eine Entkolonialisierung bedeutet, die Wertigkeiten der Geschichten wieder an die Dimension ihrer Orte der Entstehung anzupassen.

Imperialismus kann damit als die Möglichkeit verstanden werden Geschichten aufzuzwingen. Oder wie es Said auch anders formuliert:

„In dem Sinne, wie ich ihn gebrauchen werde, bezeichnet der Begriff »Imperialismus« die Praxis, die Theorie und die Verhaltensstile eines dominierenden großstädtischen Zentrums, das ein abgelegenes Territorium beherrscht (…)“ (44)

Womit ein weiterer Aspekt Saids geographischer Überprüfung angesprochen wird. Es gilt nachzuschauen, ob Erzählungen dem Zentrum oder der Peripherie zugerechnet werden, um eben diese Unterscheidung aufzuheben. Oder um es anders zu formulieren, das Zentrum zur Peripherie werden zu lassen. Ein Versuch in dieser Richtung ist es von der These auszugehen, dass die Erzählungen auch andere hätten sein können, ist es, dem Produzierten eine gewisse Zufälligkeit zuzuschreiben, die von der bestehenden Geographie gelenkt wird.

Den Kolonialismus versteht Said als eine Folgeerscheinung des Imperialismus. Bedeutet sozusagen die konkrete Inbesitznahme von Land.

Der Imperialismus ist die Strategie, die es erlaubt ein Imperium zu erhalten, getragen werden muss er von einer Ideologie, die erklären kann, warum es gut ist, dass das Imperium besteht. Die Erstellung dieser Ideologie beschäftigt die Schreibenden.

In diesem Sinn erhebt Said keine Anklage an die Kunst und Literatur, sie soll in ihrer Funktion für oder gegen ein Imperium aufgezeigt werden.

Said gibt den Schreibenden und Kunstschaffenden damit sozusagen einen Schlüssel zur Veränderung der Welt in die Hand, der lautet, sich nicht auf ein umgrenztes Spezialgebiet einschränken zu lassen. Es gilt Themen aufzugreifen und methodisch zu wildern, um die Verstricktheit der eigenen Produktion zu erkennen.

Womit nocheinmal wiederholt sei, dass Saids Wille zum Wissen keiner ist, der Texte, Debatten oder Produkte einer Kultur ausschließen möchte. Was er allerdings ausschließen möchte ist ein Stil des Denkens, der Herrscher und Beherrschende etabliert, sowie die Sehnsucht nach Gewalt, um welcher Ordnung auch immer willen.

Zitat:

„Mein Vorsatz ist nicht, zu trennen, sondern zu verknüpfen, und ich nehme ihn philosophisch und methodologisch deshalb ernst, weil kulturelle Formen hybrid, gemischt und unrein sind und weil für die Kulturanalyse die Zeit gekommen ist, ihre Neugier an der Wirklichkeit zu messen.“ (51)

Womit wir bei einem weiteren Begriff Saids angekommen sind, dem der Unreinheit und man könnte die geforderte Form als eine Suche nach der unreinen Erkenntnis beschreiben.

Erstens, sei dazu angemerkt, dass nicht die These der Homogenität einer Kultur zu halten ist, sondern dass Kulturen mehr Fremdes und Anderes in sich tragen als sozusagen Eigentliches. Die Zeit des Kolonialismus hat das Bild von Indien und London verändert, sowie jenes von Algerien oder Frankreich. Keine der Kulturen kann scharf von er anderen getrennt werden.

Und dies ist nur ein Beispiel. Said bezieht sich auf den Historiker Hobsbawm, mit der These, dass jede klar umrissene Form von Herkunft oder Kultur eine bewusste Entscheidung zu Grunde liegt, die die Vielfalt dessen, das bestanden hat negiert.

Es ist die Erfindung von Ritualen und Zeremonien, die es erlauben ein klares Bild über die Zeit hinweg zu transportieren, man könnte auch sagen die Ideologie nach Louis Althusser, der festhält:

„Die Ideologie hat eine materielle Existenz. (…) Eine Ideologie existiert immer in einem Apparat und dessen Praxis oder Praktiken. Diese Existenz ist materiell.“ (24 Ideologie und ideologische Staatsapparte)

Als Beispiel nennt Althusser die Schule, die Rituale einführt, die die Kinder in das gebräuchliche Verhältnis zur Wirklichkeit, ins Benehmen und Wahrnehmen einführen, sowie die Schule die Kinder Klassifiziert und ihnen einen Platz im Leben zuweist.

Diese Formen der Erfindung bestehen im Sinne des Imperiums und gegen das Imperium, so wurde es im algerischen Unabhängigkeitskrieg Praxis vorzustellen wie Algerien vor der Kolonisierung gewesen ist, um so Geschichten für den Unabhängigkeitskampf zu erzählen, die Menschen zu mobilisieren.

Aufgabe ist es nun, um mit Said zu sprechen, den kontrapunktischen Blick auf Erfahrungen zu werfen, verflochtene Geschichten zu erzählen und sich gegen eine Politik der Schuldzuweisungen und Feindseligkeiten zu stellen.

Said zeigt in diesem Punkt eine spezielle Form von Radikalität. Er stellt nicht die Frage nach der Gerechtigkeit, oder die Frage danach wie Schuld beglichen werden muss, sondern er fordert alle Beteiligten sozusagen auf Sammelbände von Geschichten zu erstellen, die es erlauben Wirklichkeit nachzulesen, um vor dem Umstand dieser Pluralität in eine neue Wirklichkeit aufzubrechen, die es vermag diesen Akt des Sammelns als ihre Grundlage zu verstehen.

Es geht folglich darum von dem was man als die Essenz der eigenen Erfahrung verstehen mag Abstand zu nehmen.

Said schreibt:

„Wenn man im voraus annimmt, daß die afrikanische oder iranische oder chinesische oder jüdische oder deutsche Lebenswirklichkeit grundlegend integral, kohärent, separat und deshalb nur für Afrikaner, Iraner, Chinesen, Juden oder Deutsche verständlich ist, postuliert man erstens etwas als essentiell, das, wie ich glaube, sowohl historisch geschaffen als auch das Ergebnis von Interpretation ist – nämlich die Existenz von Afrikanertum, Judentum, Deutschtum oder Orientalismus und Okzidentalismus. Und zweitens verteidigt man, als Folge davon, eher die »Essenz« der Erfahrung, als unser Wissen und unser Bewußtsein von ihren Abhängigkeiten zu bereichern. Schließlich degradiert man die Erfahrung anderer.“ (70)

Ich komme zur Überschrift dieses Abschnitts zurück, drei Begriffe sollten thematisiert werden: Geographie, Herrschaft, Kultur

Geographie ist in diesem Sinne als Raum zu verstehen, der sich abseits von Landkarten eröffnet, als unreflektierte Heimat der Theorie oder Geschichte. Eine Kritik durch die Geographie bedeutet Erkenntnis oder Geschichten mit ihrer Herkunft zu konfrontieren, um so eine Kontextualisierung zu ermöglichen. Oder anders formuliert, es gibt nicht nur afrikanische, chinesische und viele andere Philosophie und DIE Philosophie, sondern möchte man Philosophie überhaupt mit einem Adjektiv versehen, so gibt es auch die österreichische Philosophie.

Zweitens, Herrschaft wird einerseits möglich, wenn Ideologie als ein fixierter Bezug zur Wirklichkeit funktioniert. Herrschaft bedeutet in Rituale eingeübt zu sein, die man nicht mehr als solche erkennt. Andererseits, ist Herrschaft durch die Verneinung des eigenen Sprechens möglich, dann wenn man nicht glaubhaft Wahrheit aussprechen kann, weil man dem Bereich des Irrationalen zugerechnet wird.

In diesem Sinne sind im Imperialismus alle von Herrschaft betroffen, die einen unbemerkt, die anderen offensichtlich. Und schon in dieser Schreibweise wird sichtbar, dass Herrschaft es mit klar definierter Identität zu tun hat. Erst wenn es möglich ist ein Leben zu führen das weder der Definition des einen oder des anderen entspricht, wäre man mit den Worten Foucaults in der Situation nicht dermaßen regiert zu werden. An einem Ort, den die Kritik der fixierten Identitäten aufmacht.

Drittens Kultur, man könnte sie als den oben erwähnten Sammelband von Geschichten verstehen. Produkte dieser Kultur wären Entwürfe für die Zukunft, die nicht dem Prinzip der Vereinheitlichung von Denken folgen, sondern die Vermehrung anstreben.

Albert Camus

Camus wurde 1913 in Algerien geboren. Er ist der Sohn einer spanischen Putzfrau und eines französischen Landarbeiters.

Said beschreibt seine Art zu schreiben als eine, die es vermag die Kolonialsituation zu verdecken, um im Sinne eines Ethos der Universalität und Humanität zu schreiben.

Camus wird für Said in diesem Kontext besonders interessant weil er bis heute als ein Schriftsteller gilt, der es vermag universelle Werte zu transportieren.

Said schreibt:

„Camus‘ Erzählungen von Widerstand und existentieller Konfrontation, die einst den Anschein erweckt hatten, sie handelten von Standhaftigkeit oder Opposition gegen Sterblichkeit und Nazismus, können heute als Subskripte der Auseinandersetzung um Kultur und Imperialismus gelesen werden.“ (240)

Camus erhält Bedeutung durch den Kontext seines Schreibens, vermag aber sich gleichzeitig über diesen Kontext hinwegzusetzen, ihn zu transzendieren. Das ist Saids These.

Camus Art sich sozusagen der individuellen Erfahrung zu verschreiben, Personen darzustellen, die in unmoralischen Situationen moralisch handeln, möchte Said nicht als den Versuch lesen den inneren Kampf der Hauptfiguren als allgemein zu diskutieren. Sondern man könnte mit Said argumentieren, dass Camus eine Form von scheinbarer Selbsterkenntnis preist, die er dem Französischen zuschreibt. So sind seine Hauptfiguren, die sozusagen den Kampf aufnehmen auch Franzosen.

Said schreibt:

„Er preist Selbsterkenntnis, illusionslose Reife und moralische Standfestigkeit inmitten einer heillosen Lage.“ (242)

Und Said stellt konkret die Frage:

„Warum war Algerien der Schauplatz von Erzählungen, deren Hauptreferenz (…) immer als Frankreich im allgemeinen und, spezieller, als Frankreich unter der Nazi-Besatzung gedeutet worden ist?“ (242)

An diese Frage anschließend wird für Said interessant nachzuschauen, ob Camus Geschichten im Verhältnis zu älteren Erzählungen des französischen Imperialismus stehen und davon profitieren.

Camus Unternehmen die Geschichte zu ignorieren und sich ein Fortbestehen der Kolonie auch nach 1960, dem Jahr seines Todes vorstellen zu können, steht der Wahrnehmung algerischer Schriftsteller gegenüber, die das Jahr 1962 und die Befreiung Algeriens als Ende eine Epoche des Unglücks sehen. Die Franzosen sind 1830 in Algerien angekommen.

Womit Said Camus Romane nicht als die persönliche Niederschrift von Franzosen in Algerien lesen möchte, sondern eine Interpretation vertritt, dass seine Romane dazu beitragen sollten Algerien Französisch zu machen, durch das Aufzeigen einer besonderen Moral, die der einzelne Franzose in die als wirr beschriebenen Umstände Algeriens zu bringen vermochte.

In Camus „Der Fremde“ tötet der Hauptdarsteller einen Araber, der ohne Namen bleibt, keine Geschichte hat. In „Der Pest“  sterben Araber, auch sie bleiben namenlos, die Franzosen Rieux und Tarrou werden aber von der Handlung erfasst, müssen folglich nicht selbstverständlich den Weg der Namenlosen gehen.

Said beschreibt eine Schlüsselstelle. Sie stammt aus „La Femme adultère“.

Said steigt mit der Szene ein als die Hauptdarstellerin in der Nacht das Bett und ihren Mann verlässt, um hinaus zu gehen. Während der Reise beschreibt Said Janine, die Ehefrau, als von der Passivität der Einheimischen beeindruckt. Sie findet sich alleine in der Landschaft wieder und Camus beschreibt eine erotische Vereinigung von Frau und Wüste.

Diese Szenerie wird von Camus beschrieben als das Treffen mit dem nackten Leben, das es uns erlaubt neu wiedergeboren zu werden. Es wird möglich einen zeitenthobenen Augenblick zu erleben, der es erlaubt jede Geschichtlichkeit zu verlassen. Janine kann zur Ruhe kommen.

Janine findet ihren Himmel und es scheint an diesem Ort keine Rolle zu spielen, ob dieses in Algerien passiert, so Said.

Said nennt noch andere Geschichten Camus aus dieser Reihe, die sich mit Formen des Exils beschäftigen, das der Selbstfindung dient, keinen Kontakt zu Algerien aufnimmt, so wie Janine es tut.

Eine andere Geschichte von Camus spricht über einen Missionar, der von einem südalgerischen Stamm gefangen wird.

Said schreibt:

„In »Le Renègat« wird ein Missionar von einem isolierten südalgerischen Stamm gefangen, der ihm die Zunge herausreißt (…); er wird zu einem übereifrigen Anhänger des Stammes, der an einem Hinterhalt für die französischen Truppen mitwirkt. Das ist so, wie wenn man sagte, daß Eingeborener Sein nur das Ergebnis einer Verstümmelung sein kann, die einen krankhaften, letztlich unannehmbaren Indentitätsverlust erzeugt.“ (247)

Camus arbeitete am Fremden vor dem ersten Ausbruch der algerischen Revolution im Jahr 1954, einer Zeit, die bereits von Vorfällen gezeichnet war, die das Bevorstehende verkündeten.

In seinen letzten Lebensjahren tritt Camus vehement den Forderungen des algerischen Nationalismus entgegen.

Er führt in diesem Kontext an, dass die arabischen Ansprüche von Leidenschaft geprägt sind, dass es kein Überleben für Algerien ohne Frankreich gäbe, sowie er mehr oder weniger zu dem Schluss kommt, dass die französische Intervention vielleicht einfach nicht weitreichend genug ist.

Nimmt man seine Werke vor diesem Hintergrund zur Hand, so kann mit Said behauptet werden, dass Camus in seinen Werken den Anspruch auf die Algerische Geographie erhebt, indem er seine Hauptfiguren den Ort nutzen lässt, ohne ihren Status in der Geographie zu kommentieren.

Camus antwortet in dieser Weise auf eine Situation in der 1938 der französische Außenminister Chautemps Arabisch in Algerien zu einer Fremdsprache erklärt.

Said schreibt:

„Gerade weilCamus‘ berühmteste literarische Werke einen dichten französischen Diskurs über Algerien bezeugen, ihn unnachgiebig wiederholen und in vieler Hinsicht von ihm abhängen, einen Diskurs, der zum Ensemble französischer imperialer Einstellungen und geographischer Referenz gehört, ist sein Werk mehrund nicht weniger aufschlußreich. Sein klarer Stil, die peinigenden moralischen Dilemmata, die er freilegt, die qualvollen persönlichen Schicksale seiner Gestalten, die er mit großer Feinheit und gemäßigter Ironie vorstellt – das alles läßt die französische Herrschaft in Algerien sichtbar werden, ja sogar wiederaufleben, mit bedachtsamer Präzision und einem bemerkenswerten Mangel an schlechtem Gewissen oder Mitgefühl.

Said schreibt unten weiter

„Sowohl in L’Etranger als auch La Peste kreisen um Todesfälle von Arabern, Todesfälle, die die Schwierigkeiten der französischen Figuren mit Gewissen und Reflexion hervorheben und ruhig zu Kenntnis bringen.“ (250)

Kurz gesagt, Saids Anmerkung zu Camus sagt aus, dass Algerien in seinen Erzählungen zu einem Instrument wird, um Franzosen sozusagen in philosophische Bedrängnis zu bringen, um ihnen den Weg zur Erkenntnis zu eröffnen.

Algerien wird in diesem Sinn zu einem Mittel, das den europäischen Geist wachsen lässt und kann damit zurecht in Anspruch genommen werden.

Widerstand

Ich zitiere mit Said Frantz Fanon, um in diesen Abschnitt einzusteigen:

„Die Dritte Welt steht heute als eine kolossale Masse Europa gegenüber; ihr Ziel muß es sein, die Probleme zu lösen, die dieses Europa nicht hat lösen können.“ (270)

Said beschreibt uns in einer Zeit, wo es möglich geworden ist auch die ehemaligen Kolonialmächte anzuklagen, wo auch diese sich als Repräsentanten einer Kultur zeigen müssen, nicht als das Objektive bestehen können.

Es wird notwendig die Frage zu stellen, wie man sich die eigene Vergangenheit vorstellt nach Ende des Imperialismus.

Es gilt mit Fanon wachsam zu sein, dass die Posten der alten Herrschaft nicht von den Vertretern einer neuen Herrschaft übernommen werden.

Said formuliert drei wichtige Sachverhalte zum Widerstand aus.

Said schreibt:

„Der erste ist das Beharren auf dem Recht, die Geschichte der Gemeinschaft als ganze, kohärente und integrale zu betrachten.“ (294)

Said meint damit, dass die Nation, die besetzt wurde, sich selbst zurückgegeben werden muss, auch in dem Recht ihre eigene umfassende Geschichte zu schreiben. Damit einher geht das Recht auf die Nationalsprache und das Leben der Nationalkultur. Es wird zurückgegriffen auf die Heldinnen der eigenen Erzählungen. Es wird Solidarität auf einer imaginären Basis hergestellt, wie Said an Hannah Arendt anschließend formuliert.

Said beschreibt den zweiten Sachverhalt so:

„Der zweite Sachverhalt ist die Vorstellung, daß Widerstand, weit davon entfernt, bloße Reaktion auf den Imperialismus zu sein, ein alternativer Weg des Entwurfs menschlicher Geschichte ist. Es ist besonders wichtig, sich klarzumachen, daß dieser alternative Entwurf auf dem Zusammenbruch der Schranken zwischen Kulturen beruht.“ (295)

Widerstand bedeutet damit Gegenerzählungen oder ein Gegenimaginäres zu erschaffen. Said fordert in seinem zweiten Punkt von der widerständischen Erzählung ein, dass sie keine Gegengeschichte zur Legitimation neuer Unterdrückung konstruieren darf.

Die widerständische Erzählung wird zu einer der Vereinigung, sie widersetzt sich der Unterdrückung nicht nur konkret, sondern allgemein.

Drittens notiert Said:

„Der dritte Sachverhalt ist das Abrücken vom separatistischen Nationalismus.“ (295)

Said bezieht sich in diesem Kontext auf Partha Chatterjee, der zur Zeit Saids Schreibens Mitglied der Subaltern Studies Group ist und anmerkt, dass sich der Nationalismus in Indien am Umstand der Kolonialmacht entzündet. Da die Kolonialsituation nur zwei Möglichkeiten lässt, die eine ist Anpassung, die andere totale Opposition.

Die Nation in einem solchen Kontext wieder herzustellen bedeutet demnach eine Utopie zu denken, die entfernt ist von der politischen Realität.

Said schreibt:

„Laut Chatterjee war der Meilenstein des Nationalismus mit Gandhis strenger Opposition gegen die ganze moderne Zivilisation erreicht (…)“ (296)

Der antiimperialistische Nationalismus wird in diesem Sinne zu keinem der einen Plan für eine neue Nation vorlegt, sondern es handelt sich um eine Form des Widerstandes, die sich durch Vermeidung auszeichnet.

Said merkt zu Chatterjee an, dass er in seinen Werken nicht zur Genüge darstelle, dass es einen kulturellen Beitrag zu diesem Nationalismus gibt, der sich aus autoritären Konzepten speist.

In diesem Sinne merkt Said nocheinmal an, dass wirklicher Widerstand nur auf die Befreiung aller abzielen kann und damit sozusagen permanente Kritik bedeutet. Autonomie kann in diesem Sinne immer nur Autonomie für alle bedeuten, da wir durch die Geschichten, die uns begegnen gezeichnet werden und dadurch verbunden sind, in Freiheit oder Unfreiheit, um in Anlehnung an Cornelius Castoriadis zu sprechen.

In diesem Sinn erkennt Said zwar die Bedeutung des Nationalismus in der Phase der Entkolonialisierung an, in seiner Ausformung, die es übernimmt Gemeinschaften zu konstruieren.

Er schreibt:

„Das geschah von Anfang an und wurde im 20. Jahrhundert zur globalen Realität. Menschen scharten sich zusammen, um ihren Widerstand gegen das zu bekunden, was, wie sie gewahr wurden, ein Ausdruck von Ungerechtigkeit und Feindseligkeit war, gezielt gegen das, was sie waren, nämlich Nicht-Westler.“ (297)

Doch ist die Unabhängigkeit erreicht so galt es in diesem Widerstand die eigenen Begrifflichkeiten zu überdenken, um nicht wieder der Ungerechtigkeit zu verfallen.

In dieser Phase sieht Said die Frauenbewegung in einer zentralen Position, die sich in Indien beispielsweise nicht nur dem Widerstand gegen den Kolonialismus anschloss sondern auch gegen die Repressionen von Frauen vorging, männliche Muster sich nicht verfestigen ließ.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts organisierte Raja Ramuhan Roy die ersten Aktionen der Frauenbewegung in Indien. Ihr Widerstand richtete sich gegen Ungerechtigkeiten aller Art und wird von Said als ein erstes Zeichen des Aufstandes der Kolonien beschrieben.

Und in diesem Sinne vertritt Said die These, dass der nationalistische Widerstand gegen die Kolonialherrschaft an seinem Höhepunkt immer selbstkritisch war, nicht dem Nationalismus verfallen ist, sondern ein Projekt der Solidarität vor Augen hatte.

Das Erwachen der Opposition

Angekommen bei der Ablehnung des Teils der Welt, der sich als Westen bezeichnet, vereinigen sich Schriftsteller aller Kulturen, um diesem Projekt Zustimmung zu leisten. Diese können auch aus dem Westen stammen, wie Sartre zum Beispiel, der zum Fürsprecher Algeriens in Frankreich wurde.

Said kommt zurück auf seine These aus Orientalismus, die aussagt, dass der Autor zwar gebunden ist an ein System des Lebens und Schreibens, aber er verweist an dieser Stelle auch darauf, dass es in jedem System Lücken gibt und dort wächst die Opposition.

Diese Lücken bewohnen beispielsweise Schreibende wie Frantz Fanon, sie schreiben und sprechen in einer imperialen Sprache, stammen aber aus Regionen der Peripherie, deren Forderungen sie einbringen.

Said schreibt:

„Ich möchte einen ziemlich diskreten Aspekt dieses Einflusses diskutieren – nämlich das Werk von Intellektuellen aus den peripheren oder Kolonial-Regionen, die eine »imperiale« Sprache schreiben, die sich selbst mit der Widerstand gegen das Imperium leistenden Masse verbunden fühlten und die sich zur Auseinandersetzung mit der metropolitanischen Kultur entschlossen, wozu sie sich der Techniken, Diskurse und Waffen von Forschung und Kritik bedienten, die einst ausschließlich den Europäern vorbehalten waren. Ihr Werk ist, an sich betrachtet, nur scheinbar abhängig vom Hauptstrom westlicher Diskurse (und durchaus nicht parasitisch); das Ergebnis seiner Originalität und Kreativität ist die Umgestaltung des Feldes der Disziplinen gewesen.“ (328)

Voyage in, nennt Said diese Art von Theorie, sie zieht in die westliche Theorie ein und verändert die Theorie, im Ändern der Blickrichtung. Said meint damit nicht, dass Autoren aus den ehemaligen Kolonien sich westliche Bildung aneignen, um sich zu befreien. Sondern, man könnte es beinahe umgekehrt formulieren. Die Techniken, die sich als westlich bezeichnen werden von außen verändert, um den Westen zu befreien. Sie werden in ihren Rollen als Instrumente der Unterdrückung gezeigt und können so dem Westen die eigene Imagination der westlichen Identität zurückspiegeln, den Westen sozusagen von der Illusion befreien westlich zu sein.

Said schreibt über Fanon:

„Als Fanon sein Buch schrieb, wollte er sich zur Erfahrung des Kolonialismus aus der Sicht eines Franzosen äußern, aus dem Inneren eines bisher unverletzlichen französischen Raumes, der jetzt von einem andersdenkenden »Eingeborenen« in Besitz genommen und kritisch überprüft wurde. (…) Diese »voyages in« markieren, wie ich glaube, einen noch immer ungelösten Widerspruch oder Zwiespalt in der metropolitanischen Kultur, die die Anstrengung durch Kooptation, Abschwächung und Vermeidung teilweise anerkennt und teilwesie ablehnt.
Die »voyage in« ist also eine besonders interessante Varietät kultureller Mischarbeit.“ (329)

Es ist nun auch wieder Frantz Fanon der für Saids These des Widerstands als vereinendes Ereignis Idee gebend wird.

Fanon überschreibt in seinem Buch „Die Verdammten dieser Erde“ ein Kapitel mit dem Titel „Mißgeschicke des nationalen Bewußtseins, wo er argumentiert, dass der revolutionäre Nationalismus sich an seinem Höhepunkt in Sozialbewusstsein umwandeln muss, um nicht wieder den Imperialismus voranzutreiben, sondern Befreiung zu bringen.

Fanon vertritt die Theorie, dass sobald sich Gewalt und Gegengewalt ausgeglichen haben, es eine neue Form des Wettstreitens oder Kommunizierens geben muss.

Beeindruckt von den Exzessen der Kolonialherrschaft hat Fanon eine These entwickelt, die aussagt, dass die Kolonisierten sich der Gewalt zuwenden müssen, um sich selbst zurückzugewinnen.

Diese These formuliert er im Zusammenhang seiner Arbeit als Psychiater und Arzt in Algerien zur Zeit des Kampfes um Befreiung, vor dem Hintergrund der grausamen Leiden, die ihm begegnen.

Mit Fanon muss nun nach dieser Phase der Gewalt eine neue Menschheit erwachsen, die es vermag einander in Respekt zu begegnen. Diese neue Kultur, wie man vielleicht sagen könnte, braucht eine neue Theorie, die mit Said als „post-kolonialistische theoretische Kultur“ bezeichnet werden kann.

Es ist auch Fanon, der dazu aufruft zu einer neuen Form von Humanismus überzugehen. Diese Form von Humanismus muss nun eine sein, die dem westlichen Menschen, dem es möglich ist andere Menschen als weniger menschlich zu beschreiben eine Absage erteilt.

Ich möchte heute mit dem Schluss von Saids Kultur und Imperialismus schließen, um nächstes Mal einen genaueren Blick auf Frantz Fanon zu werfen. Den man sozusagen im strengen Sinn nicht als postkolonialen Denker beschreiben kann, sondern als den Vater dieser Theorie, die er selbst sowohl in seiner Praxis und auch Theorie ins Leben gebracht hat.

Said schreibt zum Abschluss:

„Niemand ist heute nur ganz und rein eines. Bezeichnungen wie Inder, Frau, Muslim oder Amerikaner sind nicht mehr als erste Orientierungssignale, die, wenn man sie auch nur einen Augenblick lang in die tatsächliche Wirklichkeit weiterverfolgt, alsbald verlöschen. Der Imperialismus konsolidierte die Mischung von Kulturen und Identitäten weltweit. Seine schlimmste und paradoxeste Gabe aber war es, die Menschen glauben zu machen und glauben zu lassen, sie seien einzig, hauptsächlich bzw. ausschließlich weiß oder schwarz oder westlich oder orientalisch- Aber so wie menschliche Wesen ihre eigenen Geschichten machen, so machen sie auch ihre eigenen Kulturen und ethnischen Identitäten. Niemand kann die dauerhaften Prägezeichen langer Traditionen, anhaltender Besiedelung, nationaler Sprachen und kultureller Geographien leugnen; doch es scheint – abgesehen von Angst oder Vorurteil – keinen Grund zu geben, auf ihrer Trennung und Unvergleichlichkeit zu beharren, so als ob das alles gewesen sei, worum das menschliche Leben kreiste. Überleben hängt mit den Verbindungen zwischen den Dingen zusammen; den Worten von Eliot zufolge kann die Realität nicht der »anderen Echos« beraubt werden, »die den Garten bewohnen«. Es ist lohnender – und schwieriger -, konkret und sympathetisch, kontrapunktisch über andere nachzudenken als nur über »uns«. Das aber bedeutet auch, den Versuch aufzugeben, andere zu überwältigen, den Versuch aufzugeben, sie »einzureihen« oder in Hierarchien zu pressen, vor allem jedoch den Versuch aufzugeben, ständig zu wiederholen, daß »unsere« Kultur oder »unser« Land die Nummer eins ist (oder nichtdie Nummer eins, was das betrifft). Für Intellektuelle gibt es genug Wertvolles zu tun ohne das.“ (442)

Die Philosophie gerät folglich in die Situation sich fragen zu müssen, wie sinnvoll es noch ist Selbstdefinitionen zu finden und ob diese nicht automatisch mit Urteilen einhergehen?

Sowie es gilt eine Philosophie zu denken, die sich sozusagen vom Erfassen des Wesentlichen abwendet, um das zufällig Passierende zu befördern, dem als wesentlich Bezeichneten aber Zweifel entgegenbringt.

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