VO Unterlage – nicht korrigiert – bitte nicht zitieren – zum Lesen und Nachdenken.

Orientalismus Teil 2

Wir steigen heute mit der beim letzten Mal gefundenen Zusammenfassung zu Saids ersten Thesen zum Orientalismus ein.

Erstens, ist der Orientalismus eine Art Rahmen des Denkens. Man kann auch sagen ein Diskurs nach Foucault. Der Orientalismus legt fest welche Art von Aussage über den Orient möglich ist.

Zweitens wird damit festgelegt wer sprechen darf. Verstanden als eine Art Diskursgesellschaft definiert der Orientalismus Sprechende – die Westler – und Zuhörende, die den Diskurs der Westler auswendig lernen können, möchten sie Teil der Gesellschaft sein. Die Positionen zwischen Zuhörern und Sprechern können aber nie vertauscht werden.

Drittens werden nicht nur Formen der Aussage bestimmt, sondern durch Wiederholung werden sozusagen wahre Aussagen festgelegt. In diesem Sinn kann der Orientalismus als ein ewiger Kommentar zu einem verlorenen Grundtext beschrieben werden.

Viertens konnten sich die Thesen des Orientalismus erhalten, weil er sich zur Zeit der Kolonialmächte verfestigte, sozusagen zu einer Zeit gewalttätiger Unterdrückungssituationen. Der Orientalismus konnte sich nicht deswegen halten, weil es keinen Widerstand gegeben hätte, sondern weil die Kolonialmächte die Möglichkeit hatten, Widerstand in den Bereich des wahnsinnigen Sprechens einzuordnen, diesem Sprechen und Tun keine Wahrheit zusprechen mussten.

Fünftens ist der Orientalismus eine enorme Form von Verallgemeinerung. Es werden unterschiedlichste Lebensformen unter Begriffen vereint, mit dem Ziel einfacher sprechen und herrschen zu können.

Sechstens und schlussendlich ist der Orientalismus ein Weg Herrschaft zu legitimieren unter der Vorgabe objektives Wissen sichtbar zu machen und in diesem Sinn zwingt er zu einer Reaktion der Wissenschaften. Die Frage wird laut, wie es möglich ist eigene Formen von Herrschaftswissen zu erkennen.

Said spricht des Weiteren die Schwäche des Lesers an, der beginnt Buchwissen über direkte Begegnungen zu erheben.

Einerseits erlaubt Buchwissen die Bedrohlichkeit des Fremden zu mindern und andererseits legitimiert sich Buchwissen durch den zufälligen Scheinerfolg. Findet der Leser einen im Reisebericht beschriebenen Umstand in der Wirklichkeit wider, wird diese Eigenschaft eines Ortes zur Bestimmenden.

In diesem Sinne wird die Frage nach der objektiven Beschreibung oder Wissenschaft laut, die mit Said in der letzten Einheit eher zwiespältig beantwortet wurde. Einerseits findet Said nichts Schlechtes am Versuch objektiver Forschung, andererseits stellt er in Frage wie mit dem Umstand umzugehen ist, dass jeder Forscher abseits des Forschens ein Leben in einem speziellen Kontext führt durch den er politisch und gesellschaftlich geprägt ist.

Said nimmt diese Gedanken wieder auf und schreibt:

„Denn die Expansion ließ Europas Gefühl der kulturellen Macht noch erstarken. Reiseberichte trugen mehr als große Unternehmungen wie die verschiedenen Indien-Gesellschaften dazu bei, Kolonien zu schaffen und ethnozentrische Perspektiven zu festigen.“ (142)

Said bespricht somit nicht nur die Richtung der Einwirkungen seiner eigenen Lebensrealität auf den Autor, sondern auch die andere Richtung der Beeinflussung vom Text hin zur Wahrnehmung der Realität, weiter zur Veränderung und Anpassung der Realität an das Geschriebene.

Im 18. Jahrhundert entstehen vier Formen dem Orient zu begegnen, die zu den Wirkmächtigen werden.

„Die beschriebenen vier Elemente – Expansion, historische Gegenüberstellung, Einfühlung und Klassifikation – lösten jene Strömungen im Denken des 18. Jahrhunderts aus, die zu den heutigen intellektuellen und institutionellen Strukturen des Orientalismus führten.“ (145)

Der Orientalismus wird in diesem Zusammenhang von Said nicht als ein Element bezeichnet, das zum Imperialismus beigetragen hat, sondern Said möchte aussagen, dass die moderne Orientalistik mit ihren Erforschungen zu Kultur und Sprache, den Orient in zum Weltsystem passender Weise wieder aufbauen konnte.

„Dabei genügt es nicht, einfach zu sagen, dass die moderne Orientalistik zum Imperialismus und Kolonialismus beigetragen hat; (…)

Er schreibt weiter:

„Daher bedeutete, eine tote oder verlorene orientalische Sprache zu rekonstruieren, letzten Endes nicht nur Teile des Orients selbst zu bergen, sondern auch mit Hilfe der wissenschaftlichen Planung den Boden für Armeen, Verwaltungen und Bürokratien zu ebnen. In gewissem Sinne lag die Autorität und Rechtfertigung der Orientalistik also mindestens ebenso sehr in ihrem praktischen Wert und Nutzen wie in ihren wissenschaftlichen und künstlerischen Erfolgen.“ (148)

Die Orientalistik kann damit der Foucaultschen Biopolitik angenähert werden und zwar in dem Sinn als sie Wissen über Menschen und Milieus sammelt zur besseren Kontrolle dieser. Die Rekonstruktion einer Vergangenheit bedeutet damit das Schaffen von Ausgangspunkten, die es erlauben sollen Geschichten in bestimmter Art und Weise sich entwickeln zu lassen.

Said schreibt:

„Die spezielle Leistung des europäischen Wissenschaftlers in seinem Labor besteht genau darin, das quasi Lebendige (das Indoeuropäische, die europäische Kultur) und das quasi Anorganische, Monströse (das Semitische, die orientalische Kultur) in einer Vision zusammenzuführen. Erkonstruiertund beweist allein schon dadurch seine imperiale Macht über störrische Phänomene – was zugleich die »Natürlichkeit« der herrschenden Kultur bestätigt.“ (172)

Womit wir eine Grundlage gefunden haben auf der wir das Buch und Phänomen Orientalismusverstehen können.

Ich möchte mich nun dem Werk über Zitate annähern, um vereinzelt Einblicke in die konkretere Forschung von Said zu nehmen.

 „Renans Stil, seine Laufbahn als Orientalist und Literat, die Umstände seiner Verlautbarungen und sein besonders enges Verhältnis zur europäischen Wissenschaft und Kultur seiner Zeit – nennen wir es freimütig, elitär, gebieterisch und überwiegend antihumanistisch – könnte man als zölibatärwissenschaftlich bezeichnen.“ (172)

Wer ist Renan, was ist zölibatäre Wissenschaft?

Ernest Renan ist ein Orientphilologe der 1890 einen Text namens „L’Avenier de la science“ veröffentlicht hat. An diesem Ort schreibt er, dass die „Begründer des modernen Denkens Philologen sind“ und stellt fest, dass Philologe sein Folgendes bedeutet:

Zitat:

„und was sollte darunter anderes zu verstehen sein als »Rationalismus, Kritik, Liberalismus, die alle zugleich mit der Philologie entstanden?“ (158)

Die Philologie wird damit als eine typisch moderne Disziplin beschrieben, sowie als ein Ausdruck oder Überlegenheit Europas.

Renan beschreibt die Philologie in ihrem Verhältnis zu den Naturwissenschaften in folgender Weise. Ich zitiere nach Said:

„Zu philosophieren heißt, Dinge zu erkennen oder, um mit Cuvier zu sprechen, die Welt theoretisch zu erfassen. Wie Kant meine ich, dass ein rein spekulativer Beweis nicht mehr Gültigkeit besitzt als ein mathematischer und uns nichts über die äußere Realität lehren kann. Die Philologie hingegen ist die exakte Wissenschaft der Geistesgegenstände [La philologie est la science exacte des choses de l‘esprit], ist für die Geisteswissenschaften, was Physik und Chemie für die Naturwissenschaften.“ (158)

Anders formuliert: „Im Mittelpunkt stehend, den Duft von allem atmend, urteilend, vergleichend, kombinierend, Schlüsse ziehend: So werde ich zu dem vollständigen System der Dinge gelangen.“

Die Philologie soll die Wissenschaft des Fortschritts und der klaren Erkenntnis sein. Der Philologe wird zum Urteilenden, zum Richter über das was Wissen ist und was nicht.

Renan wendet sich in einer Glaubenskrise vom Christentum ab, um sich zur Wissenschaft zu bekennen. Er verschreibt sich der Philologie und möchte Christ bleiben, ein Christ frei vom Christentum.

Diese besondere Kombination von Glauben und Forschen bezeichnet er als die Laienwissenschaft. Ziel seines Lebens wird es damit wissenschaftlich eine Geschichte des Christentums vorzulegen, die nicht geglaubt werden braucht, man möge an dieser Stelle sagen, die Erschaffung einer neuen Religion.

Die Philologie vermag es sich als Fach zu konstituieren, weil sie sich Ende des 18. Jahrhunderts und Anfang des 19. Jahrhunderts als vom Christentum verschieden etabliert.

„Der Unterschied zwischen der Geschichte des Christentums und jener der Philologie – als einer relativ jungen Disziplin – ist genau das, was die moderne Philologie ermöglichte, und das wusste Renan genau, denn mit »Philologie« meinte man Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts immer die neueDisziplin, zu deren Haupterfolgen die vergleichende Grammatik, die Bildung von Sprachfamilien und die Abkehr vom göttlichen Ursprung der Sprachen gehörte.“ (161)

In diesem Sinn wurde die Entdeckung der Sprache als ein säkulares Phänomen, zu einer Macht die es vermochte das religiöse Sprechen zu verdrängen, so wie es Sprachen die als gottgegeben bezeichnet wurden – man meinte vor allem das Hebräische – abgesprochen wurde eben diesen göttlichen Ursprung zu besitzen.

In diesem Sinne erfuhr die Wahrnehmung von Sprache eine Neubewertung. Man machte sich nicht mehr auf die Suche nach der ersten oder Ursprache, sondern verstand Sprache als ein selbstorganisiertes Feld.

Die Sprache wurde damit zu etwas Technischem, verlor ihren Charakter der Göttlichkeit oder Gegebenheit. Die Geschichte der Sprache wird damit zu einer Konstruktion der Philologie.

Dem Sanskrit wurde zu dieser Zeit eine besondere Stellung zugeschrieben und es wird die beim letzten Mal schon angesprochene Vorstellung von einem organisieren Westen gegenüber einem philosophierenden Orient populär.

Said schreibt:

„Quinet fand die Formulierung, dass der Orient denkt und der Westen lenkt: Asien hat seine Propheten, Europa seine Doktoren (Gelehrten und Wissenschaftler, ein echter Gottersatz also). Aus dieser Begegnung erwachse ein neues Dogma oder ein neuer Gott, aber Quinet will vor allem zeigen, dass sich darin für beide Seiten, den Osten und den Westen, ihre Bestimmung erfülle und ihre Identität bestätige. Als wissenschaftliche Position hält sich die Annahme, dass ein Westler den passiven, fruchtbaren, weiblichen, sogar schweigenden ergebenen Osten von einem günstigen Standort aus beobachtet, um ihm als Kenner esoterischer Sprachen seine Geheimnisse zu entlocken und sie dann zu artikulieren (…)“ (163)

Quinet verschreibt sich einer Vorstellung der menschlichen Geschichte als Gottesdienst, Renan kann demgegenüber gestellt werden als Vertreter einer Richtung die sich für die künstliche Schöpfung der Welt aus dem Geist der Analyse einsetzt. Das göttliche Eingreifen wird durch ein Sprachlabor ersetzt, der Orient verliert damit auch die letzte mächtige Stellung die ihm bisher von den Autoren noch eingeräumt wurde.

Der Orient wird zum Material für die europäische Forschung. Der Anspruch philosophischer oder prophetischer zu sein, trägt in sich nicht sprechen zu können, sondern erforscht und in seiner Wahrheit besprochen werden zu müssen.

Die Philologie wird somit zur Schöpferin des Orients. Wir wollen der Bedeutung dieses Umstandes kurz näher nachgehen.

Die Erwartung die Renan an die Wissenschaften heranträgt ist Zitat, dass sie „dem Menschen die Dinge eindeutig erklärt“, in anderen Worten die Dinge sollen zum Sprechen gebracht werden.

Die besondere Bedeutung der Linguistik besteht darin, dass sie Zitat „Wörter als ansonsten stumme natürliche Objekte behandelt und ihre Geheimnisse preisgeben lässt. Wörter wurden nun nicht rückbezogen auf das Göttliche sondern mit Dingen in Verbindung gebracht, sie wurden sozusagen zu Geschöpfen, mit Leben oder Material aufgeladen.“

In diesem Sinne beschreibt Said Renans Schöpfung entlang dreier Linien.

„Im ersten Sinne stand Renans Schöpfung folglich für die Darstellung, durch die man Gegenstände wie das Semitische als eine Art Geschöpf betrachten konnte. Zweitens umfasste sie auch das ans Licht gebrachte Umfeld – Im Falle des Semitischen eine orientalische Geschichte, Kultur und Mentalität. Drittens schließlich bezeichnete Schöpfung ein Klassifikationssystem für den Vergleich; (…)“ (166)

Diese neue Form von Schöpfung ordnet vereinfacht gesprochen erstens den Worten Dinge zu, zweitens setzt sie diese Dinge in Kontext, sowie Kontexte und Dinge als Wörter verglichen werden entlang bestimmter Formen der Klassifikation.

Die erste seiner Schöpfungen ist das Semitische, das er als minderwertige Gestalt beschreibt, so seine Vormachtstellung und die Europas in der Welt festschreibt, begründet durch reine Wissenschaft.

Said beschreibt die Werke Renans voll mit wissenschaftlichem Rassismus sowie ohne wissenschaftliche Grundlage und Neutralität abwertendes Sprechen zu seinem Stil gehört.

Renan orientiert sich in dem Versuch einzuordnen wohl an den Wissenschaften seiner Zeit, nimmt sich für den Linguisten aber eine merkwürdige Extrastellung heraus, der Linguist muss zum Rahmengeber seiner Wissenschaft werden, er stellt fest welche Tatsachen entsprechen.

Renan verweist darauf so Said: „(…) dass die Linguistik im Unterschied zur Anatomie keine festen und sichtbaren Zeichen verwendet, um Objekte zu klassifizieren. Daher müsse der Philologe sicherstellen, dass linguistische Tatsachen in gewisser Weise einer historischen Epoche entsprechen, was erst die Klassifikation ermögliche. (…) doch wie Renan oft betont, weise die linguistische Zeit und Geschichte viele Lücken, enorme Brüche und rein hypothetische Perioden auf. Deshalb lägen sprachliche Ereignisse in einer nichtlinearen, zutiefst zerklüfteten zeitlichen Dimension, die der Linguist auf besondere Weise steuern müsse – nämlich durch Komparatistik.“ (169)

Über den Vergleich durch den Philologen kann folglich sprechend, ein Universum konstruiert werden. Der Philologe wählt aus, welche sprachlichen Ereignisse in den Vergleich eintreten, welche dazu beitragen ein Universum zu erschöpfen.

Renan bezieht sich in diesem Zusammenhang auf eine von Schlegel abgeleitete Unterscheidung zwischen dem Indoeuropäischen und den semitischen Sprachen, die zu seiner Zeit in der Linguistik gebräuchlich war.

„Dabei gilt das Indoeuropäische als die lebendige organischeNorm, wogegen sich die semitischen Sprachen als anorganischdarstellen.“

In diesem Sinne kann vom europäischen Standpunkt aus die Zeit des nicht organischen, des zu Beschreibenden aufgehoben werden, um ein fixiertes Tableau zu konstruieren:

„So verwandelt sich die Zeit in den Raum der vergleichenden Klassifikation, die letzen Endes auf einem starren binären Gegensatz zwischen organischen und anorganischen Sprachen beruht.“ (169)

Es wird damit eine Vorstellung von Wissenschaft möglich, die die Welt als prinzipiell verstehbar und im Vergleich zugänglich bestimmt. Diese Wissenschaft erhält damit die Möglichkeit aus einer Laborsituation heraus zu bestimmen was natürlich ist und was im Gegensatz dazu zu den Verwirrungen des Geistes gehört.

Renans Urteil über das Semitische ist, dass dieses sich nicht entwickelt habe. Einerseits trägt er zwar in der Beobachtung von Sprachen zwar die Wichtigkeit sie als natürliche und entstehende Lebewesen zu verstehen, vor. Andererseits spricht er diesen Prozess den semitischen Sprachen ab.

Said notiert, dass in diesem Sinne auch die Beobachtung der Menschen selbst bestimmt ist. Ihnen wird die Kraft zur Entwicklung und Lebendigkeit abgesprochen.

Said fasst zusammen:

„Die spezielle Leistung des europäischen Wissenschaftlers in seinem Labor besteht genau darin, das quasi Lebendige (das Indoeuropäische, die europäische Kultur) und das quasi Anorganische, Monströse (das Semitische, die orientalische Kultur) in einer Vision zusammenzuführen. Erkonstituiertund beweist allein schon dadurch seine imperiale Macht über störrische Phänomene – was zugleich die »Natürlichkeit« der herrschenden Kultur bestätigt. Gewiss bildet Renans Sprachlabor den Ausgangspunkt für seinen europäischen Ethnozentrismus, konnte jedoch nicht unabhängig von dem Diskurs und den Schriften bestehen, die es ständig erzeugten und speisten. Insofern war sogar die Kultur, die Renan als organisch und lebendig bezeichnete – die Europas – ein im Labor der Philologie erschaffenes Lebewesen.“ (172)

Said beschreibt uns in diesem Kontext die Verdoppelung der Wirklichkeit. Es wird eine Buchwirklichkeit entwickelt, die beansprucht natürlicher zu sein als jede andere Erfahrung.

Diese Wirklichkeit ist von den individuellen Vorurteilen des Autors geprägt, die zuerst als Zusatz, am Rande der wissenschaftlichen Texte erscheinen, um dann Eintritt in die Forschungen zu erlangen. Es werden zwei Konstrukte von Wirklichkeit einander gegenübergestellt, das eine wird als das überlegene definiert, das andere als das Unterlegene. Der Grund für die Überlegenheit der einen Gruppe wird in ihrer Kraft zur Selbstveränderung gefunden. Doch selbst diese Kraft ist wieder eine durch den Philologen beschriebene, die Veränderung kann nicht über dessen Darstellung hinausgehen.

Und ich komme zurück zum Anfang dieses Abschnitts und dem Zitat von dem wir ausgegangen sind.

„Renans Stil, seine Laufbahn als Orientalist und Literat, die Umstände seiner Verlautbarungen und sein besonders enges Verhältnis zur europäischen Wissenschaft und Kultur seiner Zeit – nennen wir es freimütig, elitär, gebieterisch und überwiegend antihumanistisch – könnte man als zölibatärwissenschaftlich bezeichnen.“ (172)

Zölibatär kann dieser Stil genannt werden, da Renan darauf hinweist, dass der Philologe die Wissenschaft dem Genuss vorziehen mag.

Wir begegnen damit an dieser Stelle, erstens dem Umstand, dass die Wissenschaft ihre neue Bedeutung als Religion erhält, sie wird zu einem Gottesdienst, der Ausschließlichkeit verlangt. Zweitens, macht es sozusagen Sinn sich dieser Religion anzuschließen, da sie die Macht hat das Wirkliche zu setzen, der Wissenschaftler selbst hat die Möglichkeit zu schöpfen. Drittens handelt es sich um einen elitären Kreis von Schöpfern, der sich vor einem rassistischen Hintergrund zu etablieren vermochte. Kurz gesagt, der Zutritt zum Labor und damit zu der Erfindung der Welt ist kontrolliert.

Und schlussendlich sei eine besondere Eigenschaft angefügt, die immer noch besondere Anerkennung genießt und das ist die, die behauptet, dass der Wissenschaftler ein Getriebener sein muss, sich nicht von seinem Tun ablenken lassen darf.

Das ist was Renan einfordert, und was, an dieser Stelle, neben all den rassistischen Vorannahmen und der Versteinerung der Wirklichkeit, die Renan vornimmt, kritisiert werden kann, die Verherrlichung des Wissenschaftlers der sozusagen zölibatär lebt, keine Ablenkung kennt.

Diese Vorstellung ist bedrohlich, da sich das Denken so in einem Rahen entfaltet der bereits konstruiert ist und zweitens dem Wissenschaftler eine Sonderstellung unter den Menschen zuweist.

In diesem Sinne kann das Beschriebene auch als eine Aufforderung zur Abweichung und Verwirrung verstanden werden. Die strenge Wissenschaft kann in ihrem Willen zum Nicht-Wissen sichtbar werden, weil die versuchen möchte das Zufällige auszuschließen, sich mit einem stabilen Umfeld umgibt.

 „Das Goethe-Zitat aus dem West-östlichen Divanzeigt, dass sich Marxens Auffassung des Orients aus romantischen, ja sogar messianischen Quellen speiste, so dass den Orientalen darin in erster Linie die Rolle zufiel, zu einem Erlösungsplan beizutragen.“ (181)

1853 hat Karl Marx die Auswirkungen der britischen Herrschaft in Indien beschrieben und zeichnet sich in dieser Hinsicht als Ausnahme aus. Marx beschreibt das Elend, das der britische Kolonialismus gebracht hat und seine Raubgier. Auf der anderen Seite betont Marx, dass Großbritannien in Asien zwar Grausames anrichte, dort aber eine echte soziale Revolution in Gange setze.

Marx macht aber allerdings den Gewissenskonflikt sichtbar, der entsteht, und stellt damit die Frage, ob Leid zum Zwecke eines Glaubens an die Zukunft eine Möglichkeit ist.

Marx kommt zu dem Schluss, dass das Verhalten der Kolonialherren abzulehnen und falsch ist, dass es den reinen Eigennutz entsprungen ist. Er merkt aber auch an, dass die Dorfgemeinschaft die Grundlage des orientalischen Despotismus war und sozusagen von Veränderung erfasst werden musste, um die ganze Welt in eine neue Zukunft zu schicken.

In diesem Sinne will Marx den Kolonialismus als ein Werkzeug der Geschichte verstehen. Der Kolonialismus ist damit zwar in seiner Form als gewalttätig abzulehnen, in seinen Ansprüchen aber – die Einführung einer neuen Gesellschaft – wurde er für Marx zu einer Unumgänglichkeit.

Said bezieht sich auf Texte von Marx, die explizit das Thema der britischen Herrschaft in Indien aufwerfen und Marx schreibt in diesem Kontext sehr eindeutig.

„England hat in Indien eine doppelte Mission zu erfüllen: eine zerstörende und eine erneuernde – die Zerstörung der alten asiatischen Gesellschaftsordnung und die Schaffung der materiellen Grundlagen einer westlichen Gesellschaftsordnung in Asien.“ (181)

Marx vermag damit durch sein Mitgefühl mit den Menschen, die in ihrem individuellen Schicksal unter der Kolonialherrschaft gelitten haben, der Fragestellung eine neue Richtung zu geben, unumstritten bleibt aber, dass die westliche Lebensweise vorangehen soll, um die Welt in eine neue Richtung zu lenken.

Des Weiteren fällt auf, dass auch Marx keine Pluralität der Lebensformen denkt, auch für ihn teilt sich die Welt in den Osten und den Westen auf, zwei Einheiten, die mehr oder weniger als homogen gedacht werden.

Fraglich wird damit wie Marx vor dem Hintergrund seiner Einsicht in die Schreckenstaten der Kolonialherrschaft zurückkehren konnte zur, zu seiner Zeit, populären Wahrnehmung eines Dualismus.

Oder allgemeiner formuliert. Wie wird es möglich die Überlegenheit einer Herrschaftsidentität zu argumentieren, trotz der Einsicht in ihre abscheulichen Taten?

Said schreibt:

„Auf diese Weise duldeten die unerschütterlichen Definitionen der Orientalistik und die als authentisch geltenden »Orient«-Dichtungen (wie der Divan) keine Gefühlsduseleien: Dafür sorgten gleichsam lexikographische Polizeiaktionen, durch die Begriffe endgültig die Oberhand gewannen.“ (182)

Es war quasi Ausdruck der Zeit, dass das Einzelschicksal des Orientalen nicht nur dem des Westlers untergeordnet wurde, sondern auch dem Begriff, der wissenschaftlichen Wirklichkeit.

Und stellt man sich nun die Frage wie sich der Westler konstituiert, so begegnet man einen sich gegenseitig bestätigenden Phänomen. Einerseits ist der Westler das Subjekt, das die Wissenschaft denkt und andererseits ist er das wissenschaftliche Subjekt, durch die Wissenschaften erdacht und legitimiert.

Womit man zu einer Unterscheidung zwischen zwei Arten von Mensch kommt, eine den Forschungen entsprechende Form, die in diesem Sinn auch Forschen darf und jenen die abseits stehen, keine Einsicht in die Forschung nehmen können und dürfen, und um den Gedanken noch weiterzuspinnen, könnte man diese Gruppe auch die Kritiker nennen. Jene, die nicht bereit sind Beschreibungen ihrer und der Welt anzunehmen.

Und nocheinmal die Hochachtung für Marx kritischen Geist ausdrückend, stellt Said die zentrale Frage:

„Wie kam es, dass bei Fragen des Orients eine bestimmte Terminologie und Betrachtungsweise als allgemeingültig und verbindlich durchsetzte?“ (183)

Wie konnte es kommen, dass einer der größten Kritiker des 19. Jahrhunderts in den Begrifflichkeiten und Pauschalisierungen des Orientalismus gesprochen hat. Was hat die Zwänge der Autoren so wirksam gemacht?

Man könnte mit Said argumentieren, dass es eine Form von Wissenschaft ist, die sich einerseits aus Buchwissen nährt und andererseits aus der Verallgemeinerung persönlicher Erlebnisse nach bestimmten Regeln, speist, die diese Wirksamkeit erlaubt.

Es handelt sich um eine Form von Wissenschaft, die den Wiederaufbau einer verlorenen oder kommenden Welt anstrebt.

Womit ich zum nächsten themengebenden Zitat kommen möchte:

„Zwar versuchen alle Autoren den Orient zu schildern, wichtiger ist jedoch, in welchem Maß die innere Struktur des jeweiligen Werkes eine umfassende Interpretationanstrebt. Meistens läuft diese nämlich, kaum überraschend, auf eine romantische Verklärung oder Revision des Orients hinaus, die ihn für die Gegenwart retten soll; das heißt, jede strukturierende Interpretation des Orients ist eine Art Wiederaufbau.“ (185)

Dieser Wiederaufbau wird von Said entlang dreier Punkte zusammengefasst, die ihn ermöglichen. Er schreibt:

„Als Europäer im Orient zu sein, geht immer mit dem Bewusstsein einher, sich als andersartig von seinem Umfeld abzuheben, wobei man jedoch auf die Absicht achten muss: Warum ist derjenige dort? Warum versetzt er sich in den Orient, auch wenn er ihn, wie Scott, Hugo und Goethe, aus ganz konkreten Gründen aufsucht, ohne Europa wirklich zu verlassen? Mehrere Motive drängen sich auf. Erstens: von einer Art Beobachtungsposten aus wissenschaftliches Material zu sammeln. Zweitens: literarisches Material zu sammeln, ohne aber Exzentrizität und individuellen Stil den unpersönlichen orientalistischen Definitionen zu opfern. Zwar mögen dann im Werk letztere auftauchen, jedoch untrennbar mit dem persönlichen Stil verwoben. Drittens: um wirklich oder metaphorisch ein als tief und dringlich empfundenes Projekt zu verwirklichen, wobei der Text dann auf der persönlichen Ästhetik beruht und durch das Projekt genährt und geprägt wird.“ (185)

Die Wissenschaft vom Orient setzt sich demnach zusammen aus,

erstens, dem Anliegen wissenschaftliche Erkenntnis zu finden.

Zweitens, möchte man literarische Inspiration finden, auf einer persönlichen Ebene.

Drittens, gibt es einen Anspruch ein Projekt, dass man als Außenstehender im Orient verwirklichen möchte.

Autoren die entlang dieser drei Linien den Orient betrachten kommen zusammen, um eine Realität zu erschaffen, um ein Bild zu erstellen.

Gemeinsam ist der Forschung, dass es gilt einen alten Orient wiederzubeleben. Der gegenwärtige Orient wird als Feld der Verwirrung beschrieben, als Ort legitimer Herrschaft.

Der Orientalismus ist damit beschäftigt, dem Orient seine Zukunft zu schenken, das Selbstverständnis der Forschenden ist das von Rettern.

Schreibt man nun wissenschaftlich oder persönlich, die Autoren scheinen in den Orient zu gehen, um das Gegenteil ihres Lebens zu finden, was gefunden wird sind die eigenen Phantasien. Auch die Bewunderer des Orients finden in ihren Beschreibungen dort eben jene unzulässigen Träume verwirklicht, die in Europa nicht zu leben erlaubt sind. Der Orient wird als Zone der Wildnis beschrieben.

Said kommt in diesem Kontext zurück auf Flaubert. Der den Orient als Ort von in Europa unerreichbaren sexuellen Phantasien beschreibt und damit ein neues Thema in die Beschreibung des Orients einbringt. Er wird nicht nur zu einer Region, die sich nicht vermag selbst zu verwalten, sondern sozusagen zum Ort einer Moral, die in Europa als verwerflich gilt.

Und es kann weiter argumentiert werden, dass eben diese Zügellosigkeit den Orient zu einer Art Urlaubsheterotopie für den Europäer werden lässt.

Die Beschreibung des Orients wird somit von jenen, die ihn beherrschen wollen als Unort, als Ort ohne Regeln und Selbstorganisation geprägt und durch jene die ihn verehren, als Wildnis, als Ort ausschweifender Sexualität und persönlicher Freiheit des Europäers bezeichnet.

Ich komme zur nächsten Textstelle:

„In Wirklichkeit unterscheide ich hier zwischen einer fast unbewussten (und gewiss unantastbaren) Einstellung, die ich als latenten, und den verschiedenen erklärten Ansichten über den Orient, seine Sprachen, Literaturen, Traditionen, Gesellschaften und so fort, die ich als manifesten Orientalismus bezeichne. Veränderungen des Wissens vollziehen sich fast ausschließlich im manifesten Bereich, während der latente eine mehr oder weniger konstante Einmütigkeit, Stabilität und Beständigkeit aufweist.“ (236)

Said beschreibt uns folglich zwei Arten von Orientalismus der latenten und den mainfesten Orientalismus. Einer der latent ist, den Boden für explizite Forschung und deren Verständnis bereitstellt und einer der Erkenntnisse präsentiert, der sich bemüht Tatsachen auszusprechen, die dem latenten Vorverständnis entsprechen.

Ausgehend von diesen beiden Strömungen, entsteht zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Orientalismus der seine Grundlagen in der biologischen Rassentheorie findet. Der Dualismus zwischen fortgeschritten und rückständig hat sich verfestigt.

Es ist damit auch der Zeitpunkt gekommen, wo die Orientalen sozusagen in Kontext gesetzt wurden, nicht nur mit sich selbst sondern auch mit denen, die man die Ausgestoßenen der Gesellschaft der Gesellschaft nennen könnte. Delinquenten, Geisteskranke, Frauen und Arme werden damit gemeinsam mit den Orientalen gemeint und der Orientalismus macht sich sozusagen auf den Weg eine Zweiklassengesellschaft zu definieren. Die es den Herrschenden erlaubt, sozusagen wen auch immer, ist er unpassend, in einer Gruppe von Menschen einzureihen, denen quasi ihr Recht auf Mitbestimmung vorenthalten wird.

Der Orientale wird damit zu einem weiteren Problem des Konstrukts, das sich als die Gesellschaft versteht.

Said schreibt:

„Doch wurden Orientalen insgesamt weniger und betrachtet als durchschaut, das heißt nicht als Bürger oder Menschen aufgefasst, sondern als zu lösende, einzudämmende oder – da die Kolonialmächte ganz offensichtlich ihre Gebiete begehrten – zu übernehmende Probleme.“ (237)

Der Orientalismus wird in seiner latenten Form zur alltäglichen Verachtung des modernen Orientalen, der sich um klassischen Orient unterscheidet.

Zudem entsteht eine männlich dominierte Weltanschauung, die sich aus Reiseberichten speist, deren Inhalt männliche Machtphantasien ausmachen, die von der Sinnlichkeit des Orients sprechen pornographische Werke sind.

Der Orient ist zu diesem Zeitpunkt in seiner Eigenständigkeit kein Thema mehr und mit Ende des 19 Jahrhunderts wird diese Frage weniger behandelt, da sich die Durchdringung des Orients durch Europa als Tatsache in den Diskurs eingehen konnte. Wichtig wird in der Literatur nun, wie die Engländer und Franzosen unterschiedlich waren und sich dies in ihrem Bezug zum Orient auszuwirken vermochte.

Said wendet sich einem Herrn namens Lord Cromer zu, der dies zu seinem Thema macht.

In der Darstellung Cromers wird nun in aufsässiger Weise betont, dass der Orientale intellektuell leicht zu verführen ist und aus diesem Grund sich freiwillig dem Franzosen unterwirft, die Engländer aber scheut.

Cromer beschreibt den Franzosen sozusagen als weltoffen aber falsch, den Engländer als ruhig und ehrbar.

Desweitern tritt man für die Förderung der Orientstudien ein, die als Pflicht des Empires wahrgenommen werden, die Pflicht für den Orient Entscheidungen zu treffen.

In diesem Sinne nennt nun Said einige Autoren, die sozusagen über die Schwäche des Orients schreiben, die Europa zwingt dort einzudringen.

So schreibt beispielsweise der angeführte Leroy-Beaulieu, ich zitiere nach Said:

„Ein Land erwirbt Kolonien, wenn es selbst ein hohes Maß an Reife und Stärke erreicht hat, um neue Gesellschaften zu schaffen, zu beschützen und durch günstige Bedingungen dafür Sorge zu tragen, dass sich diese ihre Kinder selbst zu voller Potenz entwickeln können. Der Kolonialismus ist eines der kompliziertesten und schwierigsten Phänomene der Sozialphysiologie.“ (250)

Der latente Orientalismus bereitet damit das Milieu, um die Orientalen als hilfsbedürftig zu beschreiben, sowie die Europäer nicht nur als militärisch stark, sondern als ein reifes Volk sozusagen.

In diesem Sinne dienen diese Schriften dazu unsichtbar zu machen, dass das Einnehmen von Kolonien ein reines gewalttätiges Überfallen ist, um der Vorstellung willen, dass der Orient ohne die Übernahme durch den Westen sich selbst zerstören würde, in seiner lustvollen Wildheit, sozusagen.

Ich komme zum nächsten Teil und zum nächsten Überschriftzitat:

Said schreibt:

„Ein solches statisches System des »essentialistischen Synchronismus«, das ich als Gesamtansicht bezeichne, weil es den ganzen Orient als Panoptikum zu erfassen beanspruchte, steht immer unter Druck vonseiten des Narrativen, denn der Nachweis, dass sich Einzelheiten im Orient bewegen oder entwickeln, führt Diachronie in das System ein.“ (274)

Said nennt uns an dieser Stelle nun zwei Formen des Darstellens. Eine, die Zeitlichkeit versucht auszuschließen und eine zweite, die Zeitlichkeit und folglich Veränderung mitdenkt. Das Narrative wird damit zu einer Mittel, um gegen bestehende Umstände anzukämpfen, es erlaubt aufzuzeigen, dass das Allgemeine konkret nicht existiert.

Der Orientalismus legt sich damit auf ein Fachgebiet fest, dass als erstens unter das Denken des Westens unterlegen definiert wird, sowie es als beständig betrachtet wird.

Das Narrative beschreibt die Geschichten von Leben und Institutionen. Das Narrative bildet Netze aus Erzählungen und fügt so eine Gesamtansicht zusammen, die sich als veränderlich begreift, sowie aus unterschiedlicher Perspektive beschrieben wird.

Der Versuch des Orientalismus vom Allgemeinen aufs Einzelne zu schließen und die Ganzheit einer Kultur einfühlsam wahrzunehmen, entspricht den Versuchen der Geisteswissenschaften, die von Wilhelm Dilthey beeinflusst sind. Das Allgemeine wird versucht innerhalb einer geschichtlichen Situation zu finden. Die Technik ist beispielsweise anhand von speziellen Texten, Rückschlüsse auf das Ganze zu ziehen.

Wie so oft in diesem Text wird auch an dieser Stelle die Frage laut, was nun eigentlich zu tun ist. Said beschreibt eine Reihe von Wissenschaftlern, die er zum Teil für ihre Begabung lobt, aber jedoch immer wieder aufzeigt, dass sie einer Weltsicht zusprechen, die die Welt in zwei Teile teilt, den Osten und den Westen, sowie diese Welt eine ist in der Der Westen aus nun schon mehrfach genannten Gründen sich das Recht zur Herrschaft angeeignet hat.

Auf Seite 312 von Orientalismus formuliert Said in einem Absatz relativ dicht aus, was passiert, er macht eine Bestandsaufnahme.

Als Anlass nimmt Said, die mehrmals formulierte Kritik von Studien über den Islam, dass seine Darstellungen zumeist absurd entstellt passieren. Er schreibt:

„Auch wenn man durchaus dazu neigen kann, solchen Thesen zuzustimmen – zumal der Islam, wie ich zu belegen versucht habe, im Westen grundsätzlich falsch dargestellt wird –, liegt das eigentliche Problem darin, ob es überhaupt richtige Darstellungen von irgendetwas geben kann oder ob nicht alle Darstellungen als solchezuerst in die Sprache und dann in die Kultur, die Institutionen und das politische Ambiente des darstellenden eingebunden sind. Wenn das zutrifft (wie ich meine), so müssen wir annehmen, dass Darstellungen eo ipsomit vielen anderen Dingen als der »Wahrheit«, die ihrerseits eine Darstellung ist, verbunden, verwoben und verknüpft sind. Methodologisch führt dies dazu, Darstellungen (oder Entstellungen – da bestehen allenfalls graduelle Unterschiede) auf ein gemeinsames Spielfeld abzubilden, dessen Rahmen nicht allein thematisch festgelegt ist, sondern auch historisch, durch Denktraditionen und das betreffende Diskursuniversum. Dieses Feld kann kein einzelner Denker erzeugen, sondern er findet es vor und leistet seine individuellen Beiträge dazu, die auch im Fall außergewöhnlicher Genies Strategien sind, das Material darin neu anzuordnen; und auch wenn jemand ein verlorenes Manuskript wiederentdeckt, stellt er den so »gefundenen Text in einen vorbereiteten Kontext, denn das ist die eigentliche Bedeutung des Findens.“ (313)

Mehre Punkte spricht Said an dieser Stelle an:

Erstens, dass es zwar zutrifft, dass der Islam – und man kann anschließend daran auch den Orient nennen – falsch dargestellt wurde, dass das Grundproblem Saids aber eher darin liegt, sich zu fragen, wie mit Darstellungen umgegangen werden soll.

Womit zweitens ausgesagt wird, dass Darstellungen immer mit vielen anderen Dingen zu tun haben, abseits von ihrem Anspruch die Wahrheit auszusagen.

Womit drittens jede Darstellung nicht nur nach ihrem Inhalt zu befragen ist, sondern sozusagen auch nach ihrer Form. Es muss die Frage nach dem Diskursuniversum, wie Said schreibt, einer Aussage oder Beschreibung gestellt werden.

Viertens gilt es anzuerkennen, dass Denker nicht alleine dastehen, sondern sich in ein Feld einfügen aus dem heraus sie sprechen.

Fünftens, spricht Said das Phänomen der Entdeckung an. Die Entdeckung als das vermeintliche Auffinden des völlig neuen, möchte er als eine Form der Rekontextualisierung verstehen. Finden bedeutet etwas in ein Umfeld einfügen.

Womit dem Autor sechstens die Möglichkeit gegeben ist in ein Feld, und seine Arten des Funktionierens, einzugreifen.

Said schreibt:

„Daher bewirkt jeder individuelle Beitrag anfangs Veränderungen innerhalb des Feldes und fördert dann eine neue Stabilität – ähnlich wie die Einführung eines weiteren Kompasses auf eine bereits mit zwanzig bestückten Flächen diese anderen zunächst ausschlagen und anschließend sich in eine neue Konfiguration einpendeln lässt.“ (313)

Es gilt als Autor somit wachsam zu sein gegenüber den Stabilitäten, die jeder Beitrag erzeugen kann, sich rechtzeitig wieder neuen Arten des Denken zuzuwenden bevor die alten sich verfestigen.

Der Orientalismus kann in seiner Macht verstanden werden, wenn man sich vor Augen führt, dass er ein Konstrukt war, das sowohl dem Interesse einzelner Autoren entsprechen konnte, sowie er institutionell verankert ist.

Speziell ist nicht sein Inhalt, sondern sozusagen seine Normalität. Der Orientalismus funktioniert wie andere Formen der Darstellung aus bestimmten Gründen und auf ein Ziel hin ausgerichtet.

Zitat:

„Mit einem Wort haben Darstellungen Ziele, praktische Auswirkungen und konkrete Folgen.“ (313)

Fachleute erforschen den Orient, um Einblicke in seine Gestalt zu geben, sie tun aber noch mehrere andere Dinge. Said hält fest, dass diese Forscher insbesondere Darstellungen schaffen, die ihre eigene Handschrift tragen,

die zweitens ihre persönliche Meinung wiederspiegeln, was der Orient ist, diese Vorannahme gibt der Forschung ihren Namen.

Die Forscher kritisieren vor diesem Hintergrund andere Vorstellungen und Beschreibungen vom Orient.

Man versucht seinen Platz im System der Orientalistik zu finden, seine Forschungsarbeit sozusagen im Kontext zu positionieren, genau das beizusteuern, was gerade am nötigsten ist.

Und schlussendlich versuchen die Forscher auf die Gegebenheiten ihrer Gegenwart in politischer, kultureller, ökonomischer und in vieler Hinsicht mehr zu reagieren.

Forschung zum Orient unterscheidet sich damit nicht in ihrer Art und Weise von der Erforschung anderer Themen.

Said möchte nicht kritisieren, dass sich der Orientalismus besonders schlechter Methoden bedient, oder von besonders unfähigen Wissenschaftlern ausformuliert wird.

Sondern, Said möchte aufzeigen, dass die Meinungen und Ausgangsbedingungen in der Erforschung des Orients besonders verfestigt und politisch aufgeladen waren, vor allem durch den Versuch eine Kolonialsituation aufrechtzuerhalten, sowie durch Jahrhunderte lange Träumereien der Literatur, vom Orient und seiner Fremdheit.

Der Orient war somit negativ besetzt als Territorium, das es zu beherrschen gilt, aber auch mit schwärmerischen Attributen versehen als der Ort ungekannter Freiheiten.

In beidem Sinn wollte man diesen Ort besetzt halten, um ihn einerseits zu zügeln und um ihn andererseits zu genießen.

In diesem Sinn kann es zur Behauptung einer orientalischen Mentalität kommen, wie sie Duncan Macdonald gefunden zu haben meint.

Macdonald genießt in seinem Text bereits die Möglichkeit auf eine lange Tradition von Wissen zurückzugreifen, dass er für selbstverständlich und nicht mehr zu überprüfen hält.

Said schreibt:
„(…) zudem setzt er als »klar und allgemein bekannt« voraus, »das das Unsichtbare für orientalische Völker eine viel unmittelbarere Realität besitzt als für westliche«.

Said zitiert Macdonald weiter und jener hält fest, dass er nicht eine Begabung zum Unsichtbaren feststellen möchte, sondern einen Mangel in Bezug auf das Sichtbare.

Zitat:

„»die wesentliche Eigenart des orientalischen Geistes ist nicht der Glaube an das Unsichtbare, sondern die Unfähigkeit, ein System für das Sichtbare zu errichten.«“ (317)

MacDonald beendet diese Ausführungen damit festzuhalten, dass es den Orientalen ausmache sich in einer Idee zu verrennen, und dass sich in dieser Hinsicht der Europäer vom Orientalen unterscheidet.

Said schreibt:

„Macdonalds (oder Gibbs) Urteil, dass der Orientale dazu neige, sich in eine Idee zu verrennen, lässt keinerlei Ironie erkennen, und beide scheinen auch nicht einsehen zu können, wie sehr sich die Orientalistik selbst in die Idee der Andersartigkeit des Orients verrannt hat. Überdies stören sich beide augenscheinlich nicht daran, pauschale Begriffe wie »der Islam« oder »der Orient« wie Eigennamen zu verwenden, mit denen sich Adjektive und Verben verknüpfen lassen, so als bezögen sie sich auf Personen und nicht auf platonische Ideen.“ (318)

Ich komme zum letzten Abschnitt von Saids OrientalismusBuch, der sich überschreibt mit dem Titel „Die jüngste Phase“

Und ich möchte auch dafür wieder ein prominentes Zitat als Aussgangspunkt wählen.

Said schreibt:

„Fast keine andere religiöse oder ethnische Gruppe muss es ertragen, dass man bedenkenlos und ungestraft fast alles über sie schreiben kann.“ (330)

Er bezieht sich damit auf den medialen Kontext, wie er ihn vor allem in der USA Mitte des 20. Jahrhunderts beobachtet.

Said verweist darauf, dass im Film und in der Öffentlichkeit einschlägig schlecht konnotierte Bilder von Arabern zirkulieren, die Anzahl der Eigenschaften, die zur Beschreibung verwendet werden kein Maß kennt.

Said bespricht in diesem Kapitel noch einige neuere Werke, die er in ihrer Verachtung und Widersprüchlichkeit sichtbar macht.

Ich möchte im Anschluss noch auf Saids Nachwort von 1994 und das Vorwort von 2003, zu Orientalismus, eingehen, in denen er auch Stellung nimmt zu Kritiken an seinem Buch und der Weiterentwicklung der Frage nach dem Orientalismus.

Das Buch sei mit einem Zitat abgeschlossen, das lautet:

„Kein arabischer oder islamischer Forscher kann es sich leisten, die europäischen und amerikanischen Fachzeitschriften, Institute und Universitäten außer Acht zu lassen, was umgekehrt jedoch nicht gilt.“ (371)

Dieses Zitat kann als ein Aufruf dazu verstanden werden Theoriebildung auch abseits des unterrichteten Kanons sich zu erlauben. Damit ist einerseits gemeint, inhaltlich immer wieder nach neuen Themen und Autoren Ausschau zu halten. Was aber andererseits auch bedeutet, methodisch ins Gleiten zu kommen, sich nach unterschiedlichen Formen des Sprechens umzusehen, Philosophie in neuen Arten auszuprobieren.

Nachwort 1994

Said widersetzt sich in diesem Nachwort der Vereinnahmung durch Autoren, die im Sinne des Islams zu sprechen behaupten.

Er schreibt:

„Was soll man von solchen karikaturartigen Verzerrungen eines Buches halten, dessen Autor explizit antiessentialistisch ist, sich ausdrücklich zur radikalen Skepsis bekennt, gegen quasi ontologische Kategorien wie Orient und Okzident verwahrt und streng darauf achtet, den Orient und den Islam nichtzu »verteidigen« – ja, nicht einmal zu erörtern? Faktisch wurdeOrientalismin der arabischen Welt als eine systematische Rechtfertigung des Islam und der Araber aufgefasst, obwohl ich erklärtermaßen weder zeigen will noch kann, wie der Orient oder der Islam in Wahrheit beschaffen ist. Ich gehe sogar noch weiter und betone gleich am Anfang des Buches, dass Begriffe wie »Orient« und »Okzident« keiner äußeren Realität oder Naturgegebenheit entsprechen, dass derlei geographische Bezeichnungen eine merkwürdige Kombination aus empirischen und imaginativen Elementen sind.“ (379)

Said verweist in diesem Kontext darauf, dass das Festhalten an fixierten Grundkategorien zum Fundamentalismus – egal welcher Art – führen muss.

Er drückt sein Verständnis dafür aus, dass es ein Begehren nach Formen der Sicherheit und Stabilität gibt und formuliert zu diesem Punkt Folgendes:

„Erstens findet eigentlich niemand Gefallen an der Aussage, dass die menschliche Realität einer ständigen Umbildung unterliegt, also im Wesentlichen immer bedroht bleibt. Patriotismus, fremdenfeindlicher Nationalismus und giftiger Chauvinismus sind bekannte Reaktionen auf die daraus erwachsende Furcht. Wir alle brauchen festen Boden unter den Füßen, die Frage ist nur, wie fest und unerschütterlich er sein muss.“ (381)

Said kommt noch einmal zurück auf das Zitat von Marx, das sein Buch eröffnet.

Dieses lautet:

„Sie können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden“ Said wollte mit diesem Zitat auf folgenden Umstand hinweisen. Er schreibt:

„Wem man das Recht verwehrt, für sich selbst zu sprechen, der wird verzweifelt dafür kämpfen, sich Gehör zu verschaffen. Denn die Geschichte der Freiheitsbewegungen im 20. Jahrhundert zeigt auf eloquente Weise, dass die Unterdrückten sprechen können.“ (384)

Die Feststellung, dass Unterdrückte keine Stimme mehr finden, bedeutet für Said soviel wie zu übersehen, dass auf der Welt beständig Freiheitskämpfe im Gange sind und man eben durch die Aussage, die Unterdrückten wären machtlos, diese Formen des Aufbegehrens verschwinden lässt.

Was für ein Buch ist Orientalismus?

Said schreibt:

„Doch bei besonders strengen und unnachgiebigen amerikanischen und britischen Gelehrten sind Orientalismund auch alle meine andere Schriften in Verruf geraten wegen ihres »Festhaltens« am Humanismus, der theoretische Unstimmigkeiten und der unzulänglichen, ja sogar sentimentalen Behandlung der Praxisfrage. Recht so! Orientalismist ein parteiisches Buch und keine Theoriemaschine.“ (389)

Said möchte außerdem ansprechen, dass die erste Generation der Postkolonialen Theorie, der er in einer Weise auch selbst angehört. Nicht die großen Erzählungen für beendet erklären möchte, sondern sie als in einer Art Schwebezustand denkt.

Das Vorwort zu 2003

Said hält an diesem Ort fest, dass es Sinn seines Buches war dem Denkprozess sozusagen Zeit einzuräumen, dass es ihm darum ging gegen schnelle Statements zu argumentieren.

„Meine Grundidee für Orientalismwar, die Kampfgebiete mit der humanistischen Kritik zu öffnen, längere Sequenzen von Gedanken und Analysen einzuführen, um die kurzen Ausbrüche von polemischer, denkfeindlicher Raserei zu unterbinden, die uns so sehr in Etiketten und in antagonistischen Debatten einsperren mit dem Ziel einer kriegerischen kollektiven Identität anstelle von Dialog und wechselseitigem Verständnis. Dieses Anliegen habe ich in der Tat als »Humanismus« bezeichnet, ein Begriff, an dem ich unbeirrbar festhalte, obwohl schlaue postmoderne Kritiker verächtlich die Nase darüber rümpfen.“ (412)

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