Zum Lesen und Nachdenken. VO Grundlage – nicht überarbeitet – bitte nicht zitieren!

Zu „Orientalismus“ 

Teil 1

Im Original 1978 erschienen, in New York

Orientalismus das ist der Begriff, den Said in seinem gleichnamigen Buch behandeln möchte. Er stellt aber bereits eine Definition an den Beginn seines Texts.

Kurz gefasst, kann der Orientalismus als eine lange Tradition der Umgangsweise mit dem Orient bezeichnet werden. Diese Umgangsweise beruht auf der europäisch-westlichen Erfahrung des Orients.

Wie stellt sich diese Erfahrung mit dem Orient dar?

„Der Orient grenzt nicht nur an Europa, er barg auch seine größten, reichsten und ältesten Kolonien, ist die Quelle seiner Zivilisationen und Sprachen, sein kulturelles Gegenüber und eines seiner ausgeprägtesten und meistvariierten Bilder »des Anderen«. Überdies hat der Orient dazu beigetragen, Europa (oder den Westen) als sein Gegenbild, seine Gegenidee, Gegenpersönlichkeit und Gegenerfahrung zu definieren.“ (9-10)

Man könnte nun in die Versuchung kommen den von Said beschriebenen Orient als imaginär zu verstehen. Als eine Form von Wahrnehmung, die nichts mit einer sogenannten Realität zu tun hat.

Dieser Ansicht setzt Said sich gleich zu Beginn entgegen. Dieser europäische Bezug auf eine als Orient benannte Einheit ist nicht imaginär, er zeichnet sich aus durch kolonialistische Institutionen. Der beschriebene Orient erhält einen festen Platz in den Kulturen und Zivilisationen Europas.

Womit eine weitere Definition an den Anfang gestellt sei:

„Auf breitester Basis anerkannt ist die Orientalistik als eine akademische Disziplin, und in der Tat verwendet man dieses Etikett nach wie vor in einer Reihe von universitären Institutionen. (…)

„Eng verwandt mit dieser akademischen Tradition, von deren Metamorphosen und Wandlungen diese Studie unter anderem handelt, ist eine allgemeinere Bedeutung des Begriffs Orientalismus, nämlich als jene Denkweise, die sich auf eine ontologische und epistemologische Unterscheidung zwischen »dem Orient« und (in den meisten Fällen zumindest) »dem Okzident« stützt.“ (10-11)

Die unter Punkt eins versammelten Darstellungen beschäftigen sich sozusagen wissenschaftlich mit dem Orient.

Die unter Punkt zwei versammelten Texte sind literarischer oder politischer Natur. Versuchen durch die Abgrenzung von Orient einen Okzident zu beschreiben, in dem sie sich selbst als Lebende und Arbeitende situieren können.

Seit dem 18. Jahrhundert beobachtet Said regelmäßigen Austausch zwischen den Gebieten. Das eher künstlerisch-politische Fach vermag die Wissenschaft zu beeinflussen und umgekehrt.

Said möchte den Orientalismus in diesem Sinne mit Foucault als Diskurs verstehen, als einen westlichen Stil den Orient auszusagen und zu beherrschen.

Als Diskurs soll der Orientalismus vor allem deswegen beschrieben werden, weil er in seiner Mächtigkeit erstaunlich war. Das Sprechen vom Orient wurde in der Zeit nach der Aufklärung zu einer systematischen Disziplin, der es gelang den Orient in allen Bereichen des Lebens zu vereinnahmen.

Said nennt den Orientalismus in diesem Zusammenhang auch Disziplin. Die Disziplin, so Foucault, zeichnet sich dadurch aus, einen Diskurs durch die beständige Reaktualisierung der Regeln ihrer eigenen Wahrheitsproduktion zu erzeugen.

Der Orientalismus kann damit als ein Wissensgebiet verstanden werden, das ins Unendliche Informationen produziert, die sich an einigen, als wahr wiederholten Sätzen dieser Disziplin ins Leben bringt.

Und er schreibt in diesem Zusammenhang:

„Das zieht eine dritte Einschränkung nach sich. Man sollte niemals dem Trugschluss erliegen, der Orientalismus beruhe bloß auf Lügen und Märchen und müsse daher in sich zusammenbrechen, sobald man die Wahrheit über ihn ausspricht.“ (15)

Der Orientalismus kann nicht widerlegt werden, da er keine wahre oder falsche Aussage ist, sondern eine Art Aussagen möglich zu machen. Was im Folgenden deutlicher werden soll.

Said geht es folglich nicht darum klarzustellen, was die Wahrheit des Orients ist, ob diese richtig ausgesprochen wurde oder nicht.

Es geht ihm vielmehr darum aufzuzeigen, dass die Wahrheit vom Orient als einer vermeintlich homogenen Einheit immer wieder ausgesprochen wurde und institutionalisiert wurde, dass diese Wahrheit ganz klare Auswirkungen sozusagen im alltäglichen Leben hat, und dass diese Wahrheit fortbesteht, sich reproduziert und neues Wissen zu erzeugen vermag.

In diesem Sinne stellt Said prinzipiell, wie Foucault, weniger die Frage danach, was wirklich geschehen ist, als dass er aufzeigen möchte, dass es mächtiges Wissen gibt, das die weltliche Materialität bestimmt. Sowie natürlich in diesem Unternehmen die Feststellung nicht ausbleibt, dass eben dieses mächtige Wissen keinen Anspruch auf die Wirklichkeit hat. Oder um es mit Foucault zu formulieren, dass dieses Machtwissen ebenso dem Willen zum Nichtwissen verfallen sein kann.

Einen zweiten Begriff nimmt Said zusätzlich zu dem Diskursbegriff von Foucault auf, jenen der Hegemonie von Gramsci.

„So könnten sich in allen nichttotalitären Gesellschaften gewisse Kulturformen und Ideen gegenüber anderen durchsetzen, was Gramsci als Hegemonie bezeichnet und womit er einen für das Verständnis des Kulturgeschehens im industrialisierten Westen unverzichtbaren Begriff geprägt hat. Denn es ist die Hegemonie – oder besser die Auswirkungen der kulturellen Hegemonie –, die dem Orientalismus seine Beständigkeit und Stärke verleiht, über die ich bislang gesprochen habe.“ (16)

In diesem Sinne ist der Orient Europa ziemlich nahe. Er wird beschrieben, um eine europäische Identität in ihrer Hegemonie zu sichern.

Man könnte argumentieren schreibt Said „(…) dass gerade das nach innen oder außen wirksame Leitmotiv des Hegemonialen das Hauptmerkmal der europäischen Kultur bildet: die Vorstellung einer allen anderen Völkern und Kulturen überlegenen europäischen Identität. In dieses Bild passen auch die hegemonialen europäischen Vorstellungen vom Orient, die ihrerseits dessen Rückständigkeit und die eigene Überlegenheit bekräftigen, gewöhnlich ohne zu beobachten, dass ein unabhängiger oder skeptischer Beobachter die Sache ganz anders sehen könnte.“ (16)

Said spricht folglich vom Orient und Okzident, die beschrieben und einander gegenübergestellt werden. Keine dieser Einheiten ist ursprünglicher als die andere. Beide Einheiten sind Diskurse und funktionieren in bestimmter Weise in den Diskursen ihrer Gegenwart.

Besonders ist die Form der Unterscheidung. So bestimmt der Okzident die Eigenschaft hegemonial zu sein als seine eigentliche. Während als eigentliche Beschreibung des Orient das Beherrscht-werden-müssen eingesetzt wird.

Man könnte hier die Figur von Foucaults Diskursgesellschaft bemühen und behaupten, dass man im Besprechen des Verhältnissen von Okzident und Orient in einen Diskurs einsteigt, wo einige die Macht des Sprechens, zur Definition inne haben, während die anderen die Möglichkeit bekommen die gesprochenen Texte auswendig zu lernen.

In dieser Diskursgesellschaft tragen jene die die Eigenschaft Okzident ihr eigen nennen, das Recht zu bezeichnen, das Recht die Wahrheit auszusagen in sich, während die Zuhörerschaft, jene denen man die Eigenschaft Orient zuschreibt – sie haben nicht selbst die Freiheit zu wählen, welche ihre eigentliche Eigenschaft ist – das Recht haben den Diskurs des Okzidents auswendig zu lernen, um Teil der hegemonialen Gruppe zu werden. Teil der Gruppe zu sein, gibt aber nicht das Recht zum Definieren, zum Bezeichnen.

Der Orientalismus kann damit als ein Projekt beschrieben werden, dass die Strategie verfolgt eine Form von westlicher Überlegenheit zu erzeugen, die nicht an bestimmten Umständen oder Situationen festzumachen ist, die so flexibel ist, das sie immer passend gemacht werden kann.

Kurz gesagt, der Orientalismus ist ein Projekt das Überlegenheit begründet, entgegen oder gleichgültig gegenüber der aktuell stattfindenden Situation.

Und ich möchte wieder an Foucault erinnern. Der ausformuliert hat, dass der Diskurs nicht ein Weg zu den Dingen ist, sondern Gewalt ist, die wir den Dingen antun. Ebenso ist das Sprechen des Orientalismus zu verstehen.

Wie ist diese Allgemeinheit, die man mit Foucault eventuell als eine Art Autorfunktion bezeichnen könnte mit den Texten der einzelnen Schreibenden zusammenzudenken?

Der Orientalismus als Disziplin gibt ein sich wiederholendes Regelwerk und Wahrheitssätze vor, wie aber können sich einzelne in diesem Kontext verorten? Und wie muss im Beschreiben des Orientalismus zwischen diesen beiden Ebenen getrennt werden?

Said fordert ein, dass sowohl die individuelle Ebene des Schreibens beachtet werden muss, sowie die Ebene der allgemeineren Regeln. Der einzelne Schriftsteller wird nicht nur als Repräsentant einer fixierten Denke des Orientalismus gesehen werden, sondern muss in seinen individuellen Ideen, seinem individuellen Willen zum Wissen Beachtung finden.

Said schreibt:

„Und weshalb sollte es unmöglich sein, beide Blickwinkel gleichzeitig oder nacheinander einzunehmen? Droht nicht eine erhebliche Verzerrung (zu der ja übrigens die Orientalistik schon immer neigte), wenn man sich systematisch auf eine zu allgemeine oder zu spezielle Darstellungsebene festlegt?“ (17)

Und Said schreibt weiter, spricht eine Befürchtung aus, die man als eine epistemologische Befürchtung benennen könnte.

„Ich persönlich fürchte neben der Verzerrung vor allem die Ungenauigkeit, insbesondere jene, die aus überdogmatischer Verallgemeinerung und überpositivistischer Perspektivverengung resultiert.“ (18)

Said ruft uns damit dazu auf das Risiko einer radikalen Offenheit zu leben. In diesem kurzen Textstück, macht Said klar, dass die Bedrohung im Denken nicht nur von vermeintlicher Unwissenschaftlichkeit herkommt, sondern eben jene den Willen zum Nichtwissen in sich tragen kann, bereits Gedachtes wiederholt, das Forschen sozusagen aufgegeben hat.

Said möchte in diesem Sinn aber nicht die Wissenschaft preisgeben, im Gegenteil, es geht ihm um die Transformation des wissenschaftlichen Diskurses, es geht ihm darum eine Wissenschaft zu denken, die den Moment ihres eigenen Irrtums mitzureflektieren vermag.

Said möchte damit in seiner Forschung drei Aspekte berücksichtigen entlang welcher die Theoriebildung funktionieren soll.

Erstens, die Unterscheidung zwischen reiner und politischer Erkenntnis, zweitens, gilt es Said über die methodologische Frage zu reflektieren und drittens, soll die persönliche Dimension ins Denken miteinbezogen werden.

Diese drei Wege sollen dabei helfen diese für Said zentrale Frage zu beantworten:

„Wie also erkennt man das Individuelle und versöhnt es mit seinem geistigen, keineswegs weder passiven noch bloß diktatorischen, allgemeinen und hegemonialen Kontext?“ (18)

Said möchte damit die Frage nach dem Zusammenspiel des individuellen Tuns innerhalb eines hegemonialen Kontexts, an den man sich mehr oder weniger anpassen kann, beschreiben. Die gute Nachricht ist, dass Said diesen Kontext nicht als diktatorisch beschreibt, er räumt folglich der Rebellion Raum ein.

Und es ist letztlich diese Frage, die ihn im Denken umtreibt. Wie ist widerständische Theorie möglich, wie kann der Einzelne dem Kontext seines Schreibens antworten, ohne sich völlig zu unterwerfen?

Womit ich zu Saids erstem Punkt komme, der Unterscheidung zwischen reiner und politischer Erkenntnis.

Said beschreibt zu Beginn seiner Auseinandersetzung die Unterscheidung zwischen politischem und nicht politischem Denken, wie sie ihm in seiner Gegenwart begegnet. Eine Unterscheidung, die er kritisieren möchte, gegen die er sich absetzen möchte.

Diese Unterscheidung reiht den Geisteswissenschaftler in die Gruppe der unpolitischen Denker ein, da sie keine direkte politische Auswirkung im alltäglichen Sinn hat, während Untersuchungen zur – wie Said es als Beispiel anführt – seiner Zeit – sowjetischen Wirtschaft, von Politikern und Nachrichten aufgenommen werden

Er schreibt:

„Nun kann man die Unterscheidung zwischen »Geisteswissenschaftlern« und politisch orientierten oder involvierten Gelehrten noch weiter fassen und sagen, dass es bei jenen auf die ideologische Einstellung nicht wesentlich ankommt (…) während sie bei diesen direkt zur Sache selbst gehört (…)“ (19)

In diesem Sinne sieht Said nun auch die Behauptung der Objektivität und Wertfreiheit im Raum stehen, die die meisten Wissenschaften in Europa und den Vereinigten Staaten, alle jene Orten, die sich als die westliche Welt benennen,  für sich in Anspruch nehmen.

Und prinzipiell findet Said auch kein Problem im Versuch objektive Wissenschaft zu betreiben, bloß praktisch scheint ihm dieser Umstand nicht erfüllt.

„Dagegen ist theoretisch vielleicht gar nichts einzuwenden, doch in der Praxis stellt sich die Sache viel problematischer dar, denn bislang hat noch niemand eine Methode gefunden, den Gelehrten aus seinem Umfeld herauszulösen – aus der bewussten oder unbewussten) Bindung etwa an eine schichtspezifische Weltanschauung und soziale Stellung oder an die Gesellschaftszugehörigkeit als solche.“ (19)

Kurz gesagt, der Anspruch im Labor sozusagen mag jener der Objektivität sein, der Geisteswissenschaftler – über den Said hier vorrangig sprechen möchte – kann aber die Prägungen seines Lebens und Aufwachsens nicht abgeben bevor er sich an den Schreibtisch setzt, um zu arbeiten.

In diesem Sinn bringt jeder Schreibende ein Vorverständnis von Welt mit in seine Werke, das jenen eine Perspektive gibt.

Saids Thema möchte nun aber nicht sein herauszufinden, wo objektive Forschung beginnt, ob sie möglich ist, oder ob es gilt sich in jedem Text zu Beginn politisch zu äußern.

Ihm geht es an dieser Stelle vielmehr um die Frage, ob sozusagen wahre Erkenntnis tatsächlich unpolitisch sein muss, also frei von Vorverständnissen und Prägungen.

Er schreibt:

„Hier möchte ich nun erörtern, auf welche Weise die liberale Übereinkunft, dass »wahre Erkenntnise grundsätzlich unpolitisch sind (und daher umgekehrt eindeutig politisierte Erkenntnisse nicht »wahr« sein können), die hochgradig, wiewohl nicht transparent organisierten politischen Bedingungen des Wissenserwerbs verschleiert.“ (19)

In diesem Sinne möchte Said die These aufstellen, dass beispielsweise ein Engländer des 19. Jahrhunderts Indien oder Ägypten in erster Linie als Kolonie betrachtete, dass diese Vorannahme sein Schreiben prägt. Said stellt fest, dass er nicht nur dafür argumentieren möchte, dass die Möglichkeit gegeben ist, dass das Wissen dieser Zeit über Indien und Ägypten von Gewaltverhältnissen geprägt ist, sondern dass dieser Umstand unumgänglich ist.

Es ist die starke These von Orientalismus, dass für die beschriebene Zeit, alles im vermeintlichen Westen formulierte Wissen zu als Orient benannten Orten, gewalttätig ist, einer Kolonialmacht dient, um besser herrschen zu können.

Said nimmt in dieser Hinsicht Texte im Bereich Literatur oder Sprachen nicht aus, die durch den Willen zum Wissen ihrer Autoren ebenfalls Teil eines Netzes von Aussagen werden, die es erlauben die Hegemonie der Einheit benannt als Westen zu stärken.

So zu argumentieren bedeutet eine These des Orientalismus gegen ihn selbst zu wenden. Es ist die These, die aussagt, dass die Orientalen nicht objektiv Wissen produzieren, sondern von ihrer Religion, ihren Lebensumständen geprägt sind.

Said schreibt:

„Wenn es also zutrifft, dass geisteswissenschaftliche Erkenntnis niemals die persönlichen Lebensumstände ihres Urhebers ausblenden oder verleugnen können, so muss dies auch für einen Europäer oder Amerikaner gelten, der den Orient erforscht. Das heißt, er sieht den Orient in erster Linie mit den Augen eines Europäers oder Amerikaners und erst in zweiter Linie aus seiner individuellen Perspektive. Dabei ist die Nationalität auch kein bloßes Beiwerk, sondern schlägt sich in dem (zumindest vagen) Bewusstsein nieder, einer Macht mit eindeutigen Interessen und, wichtiger noch, einem Erdteil mit fast bis auf die Zeit Homers zurückgehendem historischem Engagement im Orient angehören.“ (20-21)

Der Orientalismus soll somit nicht als ein politisches Projekt oder eine politische Einstellung verstanden werden. Said möchte auch kein Komplott westlicher Imperialisten ans Licht bringen, sondern es geht ihm darum darzustellen wie eine besondere Form von geopolitischem Bewusstsein ihren Niederschlag im Schreiben findet.

In diesen Texten wird einerseits die Unterscheidung zwischen dem Orient und dem Okzident immer wieder manifest, sowie andererseits Interessen erzeugt und untermauert werden.

In diesem Sinne vertritt Said die Einstellung, dass Philosophie nicht von ihren Produktionsbedingungen zu trennen ist, auch in ihrer abstrakten Form abhängig bleibt von den Interventionen und Tätigkeiten der Politik ihres Enstehungsortes.

So verweist Said darauf, wie Locke und Hume, der Empirismus, als Philosophie rezipiert werden, jedoch kaum eine Verbindung ihrer philosophischen Texte und ihrer Argumente für koloniale Ausbeutung und Sklaverei, hergestellt wird.

„Deshalb begreife ich den Orientalismus als eine dynamische Wechselwirkung zwischen einzelnen Autoren und den politischen Verhältnissen jener drei Großmächte – Großbritannien, Frankreich und Amerika –, in deren geistigen Raum sie arbeiteten.“ (25)

Um diesen Punkt abzuschließen verweist Said darauf, dass es ihm nun zwar darum gehe auch immer wieder allgemein über das Verhältnis von Erkenntnis und Politik zu schreiben, dass es aber nicht das Anliegen seiner Studie ist, dieses Verhältnis allgemein zu begründen.

Said möchte in diesem Zusammenhang im konkreten Kontext bleiben und für bestimmte Autoren, in einem bestimmten Zusammenhang Verbindungen aufzeigen.

Ein solche konkrete Studie kann man folglich als Idee gebend für andere Studien beschreiben, die im gleichen Sinne des Wissen-Wollens sich an anderes Material wenden.

Wir kommen zum zweiten Punkt und zur Frage nach der Methode.

In diesem Kontext wird die Frage nach dem richtigen Ausgangspunkt im Forschen für Said wichtig. Jede Forschung muss sich konkret wieder die Frage nach dem für sie individuellen richtigen Ausgangspunkt stellen. Der Ausgangspunkt zeichnet sich dadurch aus das Folgende möglich zu machen, so Said.

Dies bringt nun auch Said dazu die Frage nach dem Beginnen zu stellen und auch er argumentiert, dass ein jeder Beginn mit Einschränkungen einhergeht. Einerseits musste in der Studie zum Orientalismus festgestellt werden, was als Anfang stehen kann, was sozusagen Thema ist und andererseits ist in dieser Studie auch wichtig mit welchen Zeiten und Epochen man sich auseinandersetzen möchte.

Said wählt keinen enzyklopädischen Zugang, sondern möchte die Texte in narrativer Weise aneinander reihen, in diesem Sinn nimmt Said auch nicht alles zu Findende in seine Studie mit auf, sondern möchte sich mit der britischen, französischen und amerikanischen Wahrnehmung des Orients beschäftigen. Die Texte erscheinen damit auch nicht ausschließlich in chronologischer Art und Weise.

Das zentrale Anliegen seiner Studie formuliert Said an dieser Stelle in folgender Weise, er schreibt:

„Autorität ist weder etwas Mysteriöses noch etwas Naturwüchsiges. Sie bildet sich, strahlt aus und zieht Kreise, setzt sich durch, wirkt überzeugend, gewinnt Einfuss, begründet Geschmacks- und Wertekanons, wird praktisch ununterscheidbar von gewissen Ideen, die sie als wahr würdigt, und von aus ihr erwachsenen Traditionen, Wahrnehmungen und Urteile. Vor allem kann und muss man Autorität analysieren. Dies gilt auch für die Autorität der Orientalistik, und diese Studie kreist zu einem nicht geringen Teil darum, deren historische Autorität als Disziplin, aber auch die persönliche Autorität der Orientalisten darzustellen.“ (30)

Um diesem Problem nachzuforschen nennt Said zwei Methoden. Erstens, die strategische Ortung und zweitens, die strategische Schichtung.

Erstens soll die Position der Autoren innerhalb von Texten zum Orient bestimmt werden und zweitens soll der Funktion der Texte innerhalb eines Netzes von Texten nachgegangen werden.

In diesem Sinne stellt Said für seine Studie, sowie für alle Studien zum Orient fest, dass die Schreibenden eine bestimmte Dimension wählen müssen, um über den Orient schreiben zu können. Durch die gewählte Hinsicht des Beschreibens entsteht sozusagen erst der Gegenstand des Schreibens. Saids Gegenstand ist das Aufzeigen von Herrschaftsverhältnissen. Die Geschichte die er erzählen möchte, ist jene, die es uns möglich macht diese Verhältnisse zu begreifen.

In diesem Sinne ist Saids Projekt kein Projekt der Offenlegungen, Said möchte uns nicht nun den echten Orient beschreiben und sozusagen mit überlieferten Unwahrheiten aufräumen. Said möchte uns eine Analyse der Machtbeziehungen präsentieren, die das Beschreiben des Orients in sich trägt.

Eine Art der Sichtbarwerdung von Herrschaft, liegt im Phänomen der Offenlegung des Orients. Es ist zu jeder Zeit der erklärte Wille des Orientalismus gewesen, den Orient in seiner Wahrheit auszusprechen. Und denken wir zurück an Foucaults Willen zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I, so wird die Gewalttätigkeit dieses Wunsches offensichtlich.

Diese Form von Offenlegung gibt nicht dem Forschungsgegenstand die Möglichkeit sich auszusprechen und sichtbar zu werden, sondern im Versuch die Wahrheit über den Orient offenzulegen, nimmt der Orientalist sozusagen den Diskurs des Orientale auf, um diesem seine Wahrheit zurückzumelden, ihm sich zugänglich zu machen.

In diesem Sinne wird nicht die Wahrheit des Beschriebenen zu Saids Thema, sondern der Stil des Schreibens, die Art und Weise, wie über den Orient gesprochen wird.

Er schreibt:

„Also muss man vor allem auf den Stil, die Redefiguren, das Szenario, die Erzählformen, die historischen und gesellschaftlichen Umstände achten und eben nichtauf die richtige oder originalgetreue Darstellung. Um das Prinzip der Offenlegung zu legitimieren, zieht man irgendeine Spielart der Binsenwahrheit heran, dass der Orient gewiss selbst für sich sprechen würde, wenn er nur könnte; da er dies aber nicht könne, müssten westliche Sachwalter ihm diese Aufgabe wohl oder übel abnehmen.“ (32)

Die vermeintliche Offenlegung kann nun als eine Verdoppelung des Orients verstanden werden, die eben nur so lange ihre Bedeutung behält, als ein Sprechen jener, die man als Orientalen bezeichnet als unmöglich in eben diesen Diskurs eintritt.

Die Verdoppelung des Orients durch den Orientalismus findet somit ihr Fundament im Akt der Gewalt das Sprechen der Besprochenen als unmöglich zu erklären.

Oder, um es wieder mit Foucault zu formulieren. Dem Sprechen der Besprochenen wird die Wahrheit abgesprochen, ihr Diskurs wird dem des Wahnsinns und der Emotion zugeteilt, nicht dem der Wahrheit.

Und in diesem Sinne kann der Orient als Beschriebener immer nur als ein bestimmter verstanden werden. Er ist immer mit einem Adjektiv versehen. Said schreibt:
„So gab (und gibt) es unter anderem einen linguistischen, einen freudianischen, einen spenglerischen, einen darwinistischen und einen ethnischen, nur keinen reinen oder authentischen Orient; ähnlich hat es noch nie eine uneigennützige Form des Orientalismus, geschweige denn etwas so Argloses wie eine »Idee« des Orients gegeben.“ (33-34)

Es war nun viel von Foucault die Rede und Said spricht zu Beginn seines Werkes ihm auch seinen Dank aus, erklärt, dass er seiner Arbeit viel zu verdanken hat. Said möchte sich aber in zwei Richtungen von Foucault abgrenzen oder über sein Denken hinausgehen.

Erstens meint Said, dass der einzelne Autor großen Einfluss nehmen kann auf die Darstellung einer Sache, auf die Enstehung eines Diskurses und seiner Wirkkraft.

Und zweitens geht es Said nun folglich in seinem Werk zum Orientalismus nicht nur darum einen Diskurs darzustellen, sondern er möchte die klare Intention der einzelnen Autoren sichtbar machen, um sie sozusagen an dieser Stelle auch in ihrem Herrschaftsanspruch sichtbar zu machen.

In diesem Sinne gesteht Said dem Autor als Person eine größere Macht zur Selbstreflektion zu, als zumindest Said sie in Foucault finden kann.

Und denkt man zurück an den Anspruch, den Said an Intellektuelle herantragen möchte, so könnte man diesem Anspruch im Kontext von Orientalismus nocheinmal so formulieren, dass es nun darum geht eben den Diskurs zu erkennen in dem man verfangen ist, um eben diesen so gut wie möglich in seinem Herrschaftsstreben sichtbar zu machen. Als Denker sozusagen ins Exil zu gehen, eine Entscheidung, die Said, dem Intellektuellen als Möglichkeit zugesteht.

Mit dem Mittel der Textanalyse möchte Said die Bestrebungen der Einzelnen ans Licht bringen, ihren Beitrag zum Diskurs des Orientalismus sichtbar machen.

Als letztes Merkmal seiner Methode möchte Said noch anmerken, dass er beim Schreiben bestimmte Adressaten vor Augen hatte an die sich sein Text wendet.

An Hochschulen Tätige möchte Said auf die Mangelhaftigkeit ihrer Grundannahmen hinweisen. Einem allgemeinen Publikum die Einwirkungen einer westlichen Politik der Nationen näherbringen, sowie er sich auch an Leser aus Gebieten der Kolonialherrschaft wendet, um sichtbar zu machen wie mächtig ein als westliche bezeichneter Diskurs in Weltzusammenhänge einzugreifen vermochte.

Der dritte Punkt, die persönliche Dimension:

Um ins Gespräch zu diesem Thema zu kommen zitiert Said gleich zu Beginn Gramsci:

„Der Anfang der kritischen Ausarbeitung ist das Bewusstsein dessen, was wirklich ist, das heißt ein »Erkenne dich selbst« als Produkt des bislang abgelaufenen Geschichtsprozesses, der in einem selbst eine Unendlichkeit von Spuren hinterlassen hat, übernommen ohne Inventarvorbehalt. Ein solches Inventar gilt es am Anfang zu erstellen.“ (36-37)

Diesem Zitat stellt Said nun auch knapp die eigene Motivation bei Orientalismus zu verfassen. Orientalismus ist ein perspektivisches Buch, dass Said sich vorgenommen hat, um auch seinen eigen Platz in der Welt zu verstehen.

Said ist in britischen Kolonien, in Palästina und Ägypten, aufgewachsen und wurde dort zum Orientalen. Said wurde in westlichen Institutionen, erzogen und geschult, er merkt aber an, dass sich das Gefühl ein Orientale zu sein, ihn, sein ganzes Leben, begleitet hat.

Er schreibt:

„Daher dient meine Studie in vieler Hinsicht dem Bemühen, ein Inventar jener Spuren anzulegen, welche die für alle Orientalen so folgenschwere kulturelle Herrschaft in mir als orientalischem Subjekt hinterlassen hat (…)“ (37)

Ein weiteres Anliegen ist die weite Streuung von Gedankengut des 19. Jahrhunderts, das es erlaubte den Orient in einer bestimmten Weise zu beschreiben.

Dieses Gedankengut fand im 19. Jahrhundert seinen Einfluss in der Wissenschaft, konnte durch die neuen Medien aber seinen Weg durch die Welt machen.

Und Said schreibt um diesen Punkt abzuschließen:

„Wenn daraus [aus dem Buch Orientalismus] ein neuer Umgang mit dem Orient folgen sollte, bei dem »Orient« und »Okzident« ganz auf der Strecke bleiben so wären wir einen Schritt weiter bei dem, was Raymond Williams einmal als »die Überwindung der herkömmlichen Herrschaftsweise« bezeichnet hat.“ (39)

Die Bandbreite des Orientalismus

Said beginnt seine näheren Betrachtungen mit der Darstellung britischer Begründungen zur Herrschaft über den Orient. Die britische Herrschaft wird Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mit Überlegenheit der Militärmacht oder mehr Reichtum begründet, sondern ins Feld geführt wird die These, dass die eigenen Wissenschaften Regionen so erfasst hätten, dass sie diesen im Wissen, um sich selbst weit voran sind.

Als ersten lässt Said Arthur James Balfour zu Wort kommen. Er war in vielen offiziellen Ämtern tätig, hatte in der Besetzung Äqyptens 1882 eine wichtige Rolle gespielt und wurde für sein Vielwissen gelobt.

Said schreibt über sein Ansehen in Sachen Wissenschaft und überhaupt:

„Außerdem verliehen sein großes soziales Ansehen, seine umfassende Bildung und Vielseitigkeit – er konnte über so weit gestreute Themen wie Bergson, Händel, den Deismus und den Golfsport schreiben –, seine Erziehung in Eton und am Trinity College von Cambridge sowie seine offenkundigen staatsmännischen Fähigkeiten seinen Ausführungen vom Juni 1910 in den Augen der Abgeordneten erhebliches Gewicht.“ (43)

Am 13. Juni 1910 hält er im britischen Unterhaus einen Vortrag zum Thema „die Probleme, mit denen wir es in Ägypten zu tun haben“.

Der uns und Said im Folgenden etwas beschäftigen soll.

Balfour legt die Kenntnisse dar, die die Kolonialmacht gesammelt hat, die sich dadurch auszeichnen sollen – Zitat:

„(…) eine Zivilisation von den Anfängen über ihre Blütezeit bis zum Untergang zu kennen – was selbstverständlich einschließt, diesen herbeiführen zu können.“ (44)

In diesem Sinne behauptet Balfour ein Wissen zu besitzen, das ihm das Recht gibt über die Existenz von Ägypten entscheiden zu dürfen und zu müssen, um nicht völliges Chaos ausbrechen zu lassen.

Er tritt im Sinne des vernünftigen Zusammenlebens auf.

Said schreibt:

„Das Wissen über einen solchen Gegenstand verleiht Macht und Autorität – was in diesem Fall für »uns« bedeutet, »ihm«, dem orientalischen Land, seine Autonomie streitig zu machen, da wir es kennen und es in gewissem Sinnesoexistiert, wiewir es kennen.“ (45)

Balfour trägt vor, dass es im Sinne von Ägypten und Europa ist, dass Europa die Herrschaft übernimmt über den Orient, da er dem Orient abspricht sich selbst verwalten zu können.

Balfour geht so weit zu argumentieren, dass die Blütezeit des Orients unter Despotie passieren konnte, und dass die Herrschaft über Ägypten folglich ein Geschenk sei.

Said setzt dem ein einfaches Argument gegenüber, nämlich jenes, das anmerkt, dass Balfour die Ägypter niemals befragt hat, ob sie diese Herrschaft vorziehen.

Ich möchte ein paar Zeilen nach Said aus Balfours Referat zitieren, um Balfours Weise zu argumentieren sichtbar werden zu lassen.

Balfour:

„Betrachten wir zunächst einmal die Fakten. Westliche Nationen zeigen schon beim Eintreten in die Geschichte jene Fähigkeit der Selbstverwaltung … die ihre besonderen Vorteile haben. […] doch in der ganzen Geschichte der Orientalen im sogenannten Osten finden sich nirgends auch nur Spuren von Selbstverwaltung. Alle großen Jahrhunderte – und es waren wirklich große – standen im Zeichen eines absolutistischen Despotismus. Alle ihre großen Beiträge zur Zivilisation – und es waren wirklich große – standen im Zeichen dieser Regierungsform. Ein Herrscher löste den anderen ab, ebenso eine Herrschaft die andere, doch nie im Verlauf all dieser tiefgreifenden Umwälzungen sieht man, dass eines dieser Völker aus eigenem Antrieb begründet hätte, was wir vom westlichen Standpunkt aus als Selbstverwaltung bezeichnen. Das sind die Tatsachen. Dabei geht es nicht um Überlegenheit und Unterlegenheit. Ein alter östlicher Weiser würde vermutlich sagen, dass die Verwaltungsarbeit, die wir in Ägypten und andernorts auf uns genommen haben, keiner philosophischen Erörterung wert sei – sondern nichts anderes als die notwendige mindere Dreckarbeit.“ (45)

Mehrere Figuren des Sprechens zeigen sich in diesem Abschnitt, die ablenken von der gewalttätigen Ausbeutung, die die Kolonialherrschaft war, um einen Okzident zu konstruieren, der sich lehrerhaft um die Welt kümmert.

Erstens wird den westlichen Nationen, die nicht genauer definiert werden, sozusagen die Begabung zur Selbstverwaltung zu geschrieben.

Zweitens wird den nicht greifbaren westlichen Nationen der Osten gegenübergestellt. Dem diese Begabung fehlen soll. Der unter Herrschaft seine Blüte erreicht.

Drittens meint man die Blütezeit des Orients in der Vergangenheit, die Weisen des Orients leben nicht mehr, man muss nun für sie sprechen.

Viertens stellt Balfour die Kolonialmacht als Verwaltungsorganisation dar, die lediglich dazu dient, einen philosophischen Orient zurück in die Wirklichkeit zu holen, mindere Arbeit verrichtet.

Zusammenfassend gesprochen, verbündet sich Balfour mit den alten Philosophen des Orients, die eigentlich froh wären, wie es dem Text zu entnehmen ist, endlich gute Organisation in ihrem Land verwirklicht zu wissen, um in Ruhe philosophieren zu können.

Man könnte nun historische Einwände bringen und Forschungen anstellen, zum Beginn der Demokratie außerhalb Europas.

Doch möchte sich Said weniger auf diese Debatte einlassen, sondern im Sinne Foucaults feststellen, dass sich ein Diskurs zu entwickeln begonnen hat, der die Vernunft für sich beansprucht und so Herrschaftsansprüche stellt.

Alle die die Herrschaft über Ägypten in diesem Fall nicht für richtig und sinnvoll halten, werden dem wahnsinnigen Sprechen zugeordnet.

Balfour tritt in dieser Rede somit quasi im Sinne einer geistigen Elite Ägyptens auf, deren Befragung unmöglich geworden ist. Es wird sozusagen, um wieder an Foucault zu denken, ein Kommentar wiederholt, dessen Original nur als Sekundärdiskurs vorhanden ist, über das sozusagen nur spekuliert werden kann.

Es findet damit eine Trennung statt zwischen den guten Eingeborenen und den emotionalen, dem Wahnsinn nahen der Kolonialherrschaft Widerständischen.

Said schreibt:

„Ferner kam es [Balfour] ihm auch gar nicht in den Sinn, die Ägypter für sich sprechen zu lassen, zumal vermutlich die jeweiligen Wortführer lediglich »versuchen würden, als Agitatoren Ärger zu machen«, anstatt als gute Eingeborene über die »Schwierigkeiten« der Fremdherrschaft hinwegzusehen.“ (46)

Balfour wird in seinem Referat zum Sprecher für unterschiedliche Parteien, für etwa die Engländer, die Kolonialbeamten und er spricht von »wir« und jeder mag sich in dieser Gruppe finden, ist er nicht als Orientale von »uns« bestimmt. Jedoch findet Balfour wie erwähnt Zugang zu den Orientalen, die er nicht verstehen muss, um aus ihrer Geschichte heraus zu wissen, wie sich der Orientale eigentlich fühlen müsste, wäre er sozusagen nicht verwirrt.

Womit eine an dieser Stelle festgehalten sei: Said eröffnet sein Buch mit der Veranschaulichung einer These, die behauptet, dass Orient und Westen völlig unterschieden seien, sowie der Westen in seiner Fähigkeit zum logischen Denken die Aufgabe hätte, den Orient anzuleiten, um der Weltgesellschaft willen, zum Besten aller.

Diese These erlaubte es in den Kolonien moralische Prinzipien zu vernachlässigen, da es möglich war zu argumentieren, dass die Orientalen die Einsicht in die Logik dieser allgemeinen Gesetze nicht verstehen könnten.

Und was für Said in dieser Hinsicht zentral wird, ist die Verfestigung von Beschreibungskategorien des Orientalen.

„Entscheidend ist, dass der Orientale in allen diesen Fällen in vorgefertigte Kategoriengepresst und schablonenartig dargestelltwird.“ (54)

Und Said kommt an diesem Ort zurück auf Foucault, der Wissen oder den Diskurs als Denkhemmung beschreibt, die bestimmte Ergebnisse sichtbar macht. Um als Ergebnis sich der Untersuchung nach der eigenen Wahrheit oder Falschheit stellen zu können, muss ein Ergebnis erst im Wahrensein, in den Diskurs eintreten können, um dort beurteilt zu werden.

In diesem Sinne ist der Diskurs eine Denkhemmung, er lässt nicht alle Aussagen eintreten.

Said formuliert:

„Doch wie alle festgefügten Ideen beeinflussten die Konzepte des Orientalismus die sogenannten Orientalen ebenso wie die als Okzidentale, Europäer oder Westler bezeichneten Menschen; man sollte also den Orientalismus besser nicht als ein positives Denkmodell auffassen, sondern mehr als ein Denkverbot oder eine Denkhemmung.“ (55)

Die Beschäftigung mit dem Orientalismus wird damit zur Beschäftigung mit herrschenden Identitäten und der Frage danach, auf Kosten welcher Erscheinungen und Wissenschaften, aufgrund welches ausgeschlossenen Wissens eben diese Identitäten ihre Wirkmächtigkeit entfalten konnten.

Den Auftakt zur Bildung dieses Herrschaftswissens über den Orient findet Said in der Invasion Napoleons in Ägypten im Jahre 1798. Im Zuge derer zum ersten Mal eine Forschergruppe ausgesandt wurde, um Informationen über Ägypten und die dort lebenden Menschen zu finden, um die Herrschaft leichter übernehmen zu können.

Was tut der Orientalismus?

Zitat:

„Kurz, der Orientalismus hat als eine besondere Denkweise für den Umgang mit etwas Fremdem von seinen Anfängen bis heute eine bedauerliche Tendenz zur Schubladenbildung und Schwarzweißmalerei gezeigt; da diese Tendenz den Orientalismus im Ganzen prägt, was seine Theorie, seine Praxis und seine Werte angeht, gilt die Überlegenheit des Westens über den Osten wie selbstverständlich als eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache.“ (60)

Zur Orientalisierung des Orients

Said merkt an, dass es ein sonderbarer Umstand ist, spricht man von einem Fachgebiet namens Orientalistik, dass eines namens Okzidentalistik schwer vorstellbar ist. Dieses verweist schon darauf, wie die Orientalistik ausgerichtet ist, es handelt sich in der Orientalistik um Beschreibende, die selbst nicht beschrieben werden brauchen oder dürfen.

Man kann an dieser Stelle einwenden, dass es aber zum Beispiel Amerikanisten oder Romanisten gibt, Said grenzt die Orientalistik aber von diesen Wissensgebieten ab, da sie sich erstens auf ein viel größeres Gebiet bezieht und zweitens die Grenzen des zu erforschenden Bereichs oftmals als fließend erscheinen.

Weswegen Said von der Orientalistik zur Benennung Orientalismus wechselt, der sich von anderen Fachgebieten unterscheidet.

Said schreibt:

„Das alle betrifft »die Orientalistik« als eigenständige wissenschaftliche Disziplin, und der »ismus« in ihrem Namen dient dazu, auf dem Unterschied zu jeder anderen Disziplin zu beharren.“ (66)

Der Orientalismus begibt sich damit auch in die Situation seine Selbstdefinition als eine Form von Wissen zu finden, die sich den »area studies« zuordnet, eine Selbstbezeichnung die auf H.A.R. Gibb einen bekannten Orientalisten und Altphilologen zurückgeht. Der Orientalismus wird damit zu einer Regionalwissenschaft, es entsteht ein Naheverhältnis zwischen Erkenntnis und Geographie.

Diese Geographie nun ist imaginär aufgeladen, wie Said mit Gaston Bachelard argumentiert, der Räume als poetische beschreibt, weniger durch ihre klare Architektur definiert, als durch die Formen, in denen sie uns erscheinen.

Man könnte so weit gehen zu behaupten, dass der Raum, um als abgegrenzter und in seiner Ganzheit sichtbarer möglich werden zu können, diesen imaginären Aspekt besitzen muss. Räume behalten damit etwas Phantastisches, etwas das wir ihnen geben, um sie wahrnehmen zu können.

Said möchte nun nicht endgültig die Frage entscheiden ob geschichtliches oder geographisches Wissen imaginiert ist oder nicht, er will aber festhalten, dass das Imaginäre Geschichte und Geographie in einem gewissen Sinn überlagert.

„Wir müssen hier nicht entscheiden, ob dieses Imaginäre die Geschichte und die Geographie durchzieht oder in gewissem Sinne überlagert, sondern können uns vorläufig damit begnügen zu sagen, dass es mehrist als das scheinbar bloß positive Wissen.“ (71)

Das MEHR als das Wissen, ist sozusagen der Rahmen, der es erlaubt Erkenntnisse einzuordnen. Dieser Rahmen wird im Orientalismus die Bezeichnung einer gewissen Region, die groß ist und nicht völlig festgelegt. Dieser Rahmen wird zu einem dem die bereits genannten Eigenschaften beherrscht werden zu müssen, dem logischen Wissen abgeneigt zu sein, den Höhepunkt der eigenen Kultur schon überwunden zu haben, zugeschrieben werden.

Wie reagiert das Denken, wenn es sich mit einer völlig neuen Lebensform befassen muss?

Es nimmt zuerst den Rahmen auf und findet dann Erklärungen. Für den Islam – wie der Orientalismus umfassend viele unterschiedliche Strömungen des Denkens und Glaubens vereint – und die Geschichte seines Verständnisses, beschreibt Said den Umstand so.

„Wenn sich das Denken plötzlich mit einer völlig neuen Lebensform befassen muss – wie der Islam den Europäern im frühen Mittelalter erschien –, so reagiert es im Allgemeinen konservativ abwehrend und beurteilt zum Beispiel den Islam als einen schalen Aufguss von etwas viel Älterem, in diesem Falle dem Christentum. Das dämpft die Bedrohlichkeit, vertraute Werte können sich durchsetzen, und am Ende geht es nur noch darum, ob Ideen »originell« oder »plagiiert« sind. Damit ist der Islam »abgefertigt« (…)“ (75)

In diesem Sinne trifft das Wissen sich am Ende immer nur selbst, erfährt keine Erweiterung, sondern vermehrt seine Ausschlüsse, arbeitet immer genauer heraus, was nicht als Wissen gelten kann, um sozusagen den Stand der Dinge beizubehalten.

In diesem Sinne kann der Orientalismus als ein Versuch gesehen werden die Welt zwar in Veränderung zu bringen, allerdings soll die Veränderung aber in Richtung der Ausweitung der eigenen Lebensform gehen.

Veränderung und Entwicklung wird damit nicht als ein Prozess der allgemeinen Veränderung betrachtet, sondern um es konkret zu formulieren, die Orientalen sollen sich verändern, um den Westlern den Standard ihres Lebens zu gewährleisten.

Welche Redefiguren werden zu diesem Zweck gebräuchlich?

„Philosophisch betrachtet sind somit die Sprache, das Denken und die Sichtweise der Orientalistik durch einen radikalen Realismus geprägt. Wer sich in diesem Sinne mit Fragen, Themen, Ländern und Charaktere befasst, die als orientalisch gelten, wird seine Aussagen stets als Realität setzen. In rhetorischer Hinsicht geht die Orientalistik strikt anatomisch aufzählend vor, das heißt, sie zerlegt und seziert das Orientalische in handliche Teile. Psychologisch gesehen ist Orientalismus eine Art Paranoia, also etwas anderes als das gewöhnliche historische Wissen.“ (90)

Said bespricht, dass in den Texten immer wieder das Wort »ist« in einer Weise verwendet wird, die klar macht, dass Realität ausgesprochen wird. Der Orientale ist in einer bestimmten Weise und einer Reihe von Schriftstellern haben es bereits festgestellt.

Der Orientalismus ist eine Form von Paranoia. Es wird behauptet mit einer irrationalen Bedrohung konfrontiert zu sein, der man nur durch Unterdrückung gegenübertreten kann, Gegenbeweise können nicht in den Diskurs aufgenommen werden.

Schlussendlich ist der Orientalismus mehr als historisches Wissen, er ist eben dieses MEHR, das dem Historischem eine Bedeutung gibt, das es erlaubt aus Berichten Schlussfolgerungen zum Zwecke des Handelns zu ziehen.

Der Orientalismus kann damit als ein Versuch verstanden werden, sich der Ängste vor dem Orient oder der alten Christenheit vor dem Islam zu überwinden.

Er ist der Versuch fremde Teile der Welt zuerst zu überfallen und dann zu verwissenschaftlichen, so dass sie zu einer Kategorie werden, das Eigene nicht mehr bedrohen.

In allgemeineren Sinn entsteht damit auch die Idee des Reiseführers, der behauptet ein Land als Buch darstellen zu können, um uns so die Unsicherheit und Angst vor dem Unbekannten zu nehmen.

Zweitens beginnt ein Prozess der Aussiebung von dem was man als zentrale Eigenschaften benennen kann. Im Orientalismus und der mit ihm verbundenen Reiseliteratur werden immer wieder die gleichen Orte und Erfahrungen beschrieben. Die Texte arbeiten in Anlehnung aneinander Eigenschaften heraus, die dann ab einem gewissen Zeitpunkt Eintritt in den wissenschaftlichen Diskurs finden und dort als Wahrheit funktionieren.

So waren es an erster Stelle Reiseberichte die es den Indien-Gesellschaften erlaubte die Kolonie im Denken und in der Wirklichkeit entstehen zu lassen, die eigenen Geschäfte vor diesem Hintergrund voran zu treiben.

Wieder, es ist die Wiederholung, die es vermag Wahrheit zu produzieren.

Diese Wahrheiten kreisen auch gegenwärtig um die Emotionalität und Unkontrolliertheit des Orientalen und Said nennt für diese abwertende Beschreibung auch einen klaren Grund, er schreibt:

„Dahinter verbirgt sich immer die Annahme, dass der westliche Verbraucher, obwohl er doch nur eine Minderheit bildet, eigentlich ein Anrecht auf den Großteil der Weltrohstoffe hätte. Warum? Weil er im Unterschied zum Orientalen ein richtiger Mensch ist.“ (131)

Ich möchte heute mit dieser Aussage enden. Und kurz festhalten, was heute mit Said formuliert werden sollte.

Erstens, ist der Orientalismus eine Art Rahmen des Denkens. Man kann auch sagen ein Diskurs nach Foucault. Der Orientalismus legt fest welche Art von Aussage über den Orient möglich ist.

Zweitens wird damit festgelegt wer sprechen darf. Verstanden als eine Art Diskursgesellschaft definiert der Orientalismus Sprechende – die Westler – und Zuhörende, die den Diskurs der Westler auswendig lernen können, möchten sie Teil der Gesellschaft sein. Die Positionen zwischen Zuhörern und Sprechern können aber nie vertauscht werden.

Drittens werden nicht nur Formen der Aussage bestimmt, sondern durch Wiederholung werden sozusagen wahre Aussagen festgelegt. In diesem Sinn kann der Orientalismus als ein ewiger Kommentar zu einem verlorenen Grundtext beschrieben werden.

Viertens konnten sich die Thesen des Orientalismus erhalten, weil er sich zur Zeit der Kolonialmächte verfestigte, sozusagen zu einer Zeit gewalttätiger Unterdrückungssituationen. Der Orientalismus konnte sich nicht deswegen halten weil es keinen Widerstand gegeben hätte, sondern weil die Kolonialmächte die Möglichkeit hatten Widerstand in den Bereich des wahnsinnigen Sprechens einzuordnen, diesem Sprechen und Tun keine Wahrheit zusprechen mussten.

Fünftens ist der Orientalismus eine enorme Form von Verallgemeinerung. Es werden unterschiedlichste Lebensformen unter Begriffen vereint, mit dem Ziel einfacher sprechen und herrschen zu können.

Sechstens und schlussendlich ist der Orientalismus ein Weg Herrschaft zu legitimieren unter der Vorgabe objektives Wissen sichtbar zu machen und in diesem Sinn zwingt er zu einer Reaktion der Wissenschaften. Die Frage wird laut, wie es möglich ist eigene Formen von Herrschaftswissen zu erkennen.

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