Literaturverzeichnis

Chakrabarty, Dipesh. 2010. Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung. Frankfurt: Campus.

Es folgt die Darstellung des nächsten Kapitels aus Dipesh Chakrabarty „Europa als Provinz“. Heute stellt sich mir wie selten die Frage wozu es nötig ist, weiterzuschreiben, weiterzudenken.

Die Antwort ist dann doch geblieben, weil Dipesh Chakrabarty im Denken mithelfen möchte gemeinsam und friedlich neue Arten des Zusammenlebens zu debattieren. Friedlich und sich dennoch nicht immer einig sein, das ist ein Projekt wie ich es mir wünsche.

Europa provinzialisieren ist ein Projekt der Offenheit. Es handelt sich nicht um den Wunsch nach Kleinteiligkeit (zurück zur Nation), im Gegenteil, um die Öffnung des schon lange nicht (nie) »mehr« Eigenen. Dies ist ein Projekt der Wissenschaft in dem Sinn, als dass Wissenschaft bedeutet der gefunden Wahrheit permanent zu misstrauen.

Nicht Provinzen bilden, sondern die Provinz Europa hinter sich lassen, um auf eine neue Form der Offenheit hin zu leben.

Situation:

Der akademische Diskurs, das Fach »Geschichte«; Europa ist Subjekt. Andere Geschichten, wie indische, werden als Variationen der europäischen Meistererzählung – zum Teil – verfasst, sowieso gelesen. Damit ist indische Geschichte schreiben prinzipiell ein Projekt der subalternen Sprecher_Innen.

Der jeweiligen Autor_In bleibt mithin die Aufgabe sich einzuordnen, den eigenen Ort zu beschreiben, um sich versuchsweise immer wieder von dort zu verabschieden, es gilt die Eingeschränktheit des eigenen Denkens permanent sichtbar zu machen. Haltbares Wissen vermodert!

Chakrabarty nimmt Marx nicht aus, liest in Marxens Texten kapitalistisch als bürgerlich und eben dieses bürgerlich wiederum als europäisch. Subalterne Geschichtsschreibung unterscheidet sich vom Marxismus oder nimmt ihn vor der gegenwärtigen Situation ernst.

Vor diesem Hintergrund nun, vor dem scheinbaren Verdammtsein dazu immer europäische Geschichte zu schreiben, da andere Geschichten bisher noch nicht verfasst werden, nicht gehört werden konnten. Formuliert Chakrabarty folgendes Projekt:

„Doch die Auffassung, dass »wir« alle mit unseren unterschiedlichen und häufig nichteuropäischen Archiven »europäische« Geschichte betreiben, eröffnet die Möglichkeit einer Bündnispolitik und eines Bündnisprojekts zwischen den herrschenden metropolitanen Geschichten und den subalternen Vergangenheiten der Peripherie. Nennen wir dies das Projekt der Provinzialisierung »Europas« – des »Europas«, das der moderne Imperialismus und der Nationalismus (in der Dritten Welt) durch ihr gemeinschaftliches Unternehmen und ihre gemeinschaftliche Gewalt universalisiert haben.“ (61)

Chakrabarty argumentiert mithin, dass eine herrschende Form von Betrachtung nicht durch einen inhaltlichen Gegendiskurs verändert werden kann, da so jede Argumentation formal doch gefangen bliebe. Es gilt neue Arten des Suchens zu etablieren, den herrschenden Diskurs nicht immer in seinen Ergebnissen abzulehnen, sondern die Arten seines Funktionierens, seine Institutionen zu untergraben.

„Das Projekt »Europa provinzialisieren« betrifft eine Geschichte, die noch nicht existiert; deshalb kann ich davon nur in programmatischer Form sprechen. Um Missverständnissen vorzubeugen, muss ich jedoch beim Skizzieren dessen, was es sein könnte, deutlich machen, was es nicht ist. Zunächst einmal fordert es keine simple und pauschale Ablehnung von Moderne, liberalen Werten, Ansprüchen auf universale Gültigkeit, Naturwissenschaft, Vernunft, großen Erzählungen, totalisierenden Erklärungen und dergleichen. (…) Das Projekt »Europa provinzialisieren« kann daher kein Projekt eines »kulturellen Relativismus« sein.“ (61-62)

Chakrabarty – einige Punkte des Projekts:

  1. Die Aneignung des Begriffs modern durch Europa ist bereits ein Stück globale Geschichte. Diese Geschichte entspricht jener des europäischen Imperialismus.
  2. Die Nationalismen der »dritten Welt« haben dazu beigetragen diese Modernisierungsideologie zu bestätigen. (trotz antiimperialer Momente)
  3. Europa provinzialisieren kann kein nationalistisches Unternehmen sein. Und beginnt man Europa in Frage zu stellen, so bedarf es auch der Demontage der Institution Indien.
  4. Es muss sichtbar werden, dass der Sieg des Diskurses der Staatlichkeit auf seine Gewalttätigkeiten gebaut ist.

Was tun – Chakrabarty?

„Den Versuch zu unternehmen, dieses »Europa« zu provinzialisieren, heißt, das Moderne als ein Feld von Auseinandersetzungen zu begreifen. Es bedeutet, die bislang privilegierten Erzählungen der Staatsbürgerschaft mit Erzählungen anderer menschlicher Bindungen zu überschreiben, die sich von erträumten Vergangenheiten und Zukunftsentwürfen nähren, in denen Kollektivitäten weder durch die Rituale von Staatsbürgerschaft noch durch den Alptraum der durch die »Moderne« geschaffenen »Tradition« definiert sind. Es gibt natürlich innerhalb der bestehenden Strukturen keinen Ort, an dem sich solche Träume verankern ließen. Doch sie werden so lange wiederkehren, wie die Themen Staatsbürgerschaft und Nationalstaat unsere Erzählungen vom historischen Übergang beherrschen, denn genau jene Unterdrückung dieser Träume verdankt die Moderne ihre Existenz.“ (65)


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