Was ist Europa, wie kann ein Buch Europa als Provinz heißen?

Diese Frage stellt sich Dipesh Chakrabarty konfrontiert, mit den Debatten um die Grenzen Europas. (2010 zur Veröffentlichung seines Texts im Deutschen)

Wie dem auch sei, diesen Umstand hält der Autor zu Beginn fest:

„Ich gehe von der Annahme aus, dass die unterschiedlichen Europas, die in den verschiedenen Teilen der Welt in den Köpfen existieren, in einer Beziehung zueinander stehen.“[1]

Als nicht mehr zu verdrängen zeigt sich dem Autor die zweiseitige Geschichte Europas als Ort einer vermeintlichen Aufklärung, deren Spiegelung die koloniale Ausbeutung ist.

„Und so handelt dieses Buch am Ende von den unterschiedlichen Bedeutungen, die Europa für jene gehabt haben könnte, die unter seine materielle und geistige Herrschaft gerieten.“[2]

Der vorliegende Text möchte demnach eine Begriffskritik (nicht nur das!) vornehmen. Es gilt das Wort Europa zu eröffnen. Nicht als lineare Erfolgsgeschichte sondern als konstruierter Herrschaftsdiskurs. Mir Kwasi Wiredu könnten von einer Entkolonialisierung des Begriffs »Europa« gesprochen werden, die Chakrabarty mit seiner Geschichte vornehmen möchte.

Dennoch, ganz ohne das europäische Denken zu argumentieren beabsichtigt Chakrabarty nicht. Es geht ihm hierbei nicht um das Vorurteil Europa wäre analytischer und seine Begabung würde im Ausformulieren besonders exakter Begriffe liegen. Nein, Chakrabarty unterstellt der europäischen Philosophie zum Teil eine Ausrichtung auf Begriffe wie »Freiheit« und »Gerechtigkeit« hin, welcher Horizont dem Befreiungsdenken entgegen kommt. Damit: Europa vermag es thematisch Ideen einzubringen, die Überbewertung der Form des europäischen Denkens, seiner Art oder Sprache sich zu artikulieren, sei allerdings abgelehnt.

„Wer immer sich seit dem neunzehnten Jahrhundert in irgendeiner Form auf die Moderne berief, ließ sich zugleich auf jenen Teil der Welt ein, der sich als eine, und sei es nur vage umrissene Einheit präsentierte, die den anderen überlegen war: Europa.“[3]

Nicht Unterwerfung. Nicht Verwerfung. Sondern: Europa verwenden!

Wie weiterdenken?

„Die heutige Welt ist, wie Etienne Balibar wiederholt betont hat, postkolonial, weil jede Form von imperialer Herrschaft als Herrschaftsform durch und durch unglaubwürdig geworden ist und wir alle mit Menschen zusammenleben, die aus ehemals kolonisierten Ländern stammen oder zumindest aus Ländern, die in der einen oder anderen Form mit westlicher Vorherrschaft konfrontiert waren. Die Globalisierung stellt fortwährend vor die Frage, auf welche Weise eine »Politik des Gemeinguts« erkämpft werden kann (…)“[4]

 

Literatur

 

Chakrabarty, Dipesh. Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung. Frankfurt am Main: Campus Verlag, 2010.

 

[1] Dipesh Chakrabarty, Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung (Frankfurt am Main: Campus Verlag, 2010), 10.

[2] Ibid.

[3] Ibid., 11.

[4] Ibid., 15.


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