Inhalt

Dieser Text ist eine Mischung aus experimenteller, sprachlicher Forschung und braver Quellenarbeit, die Form passt sich dem Inhalt an und möchte versuchen das Gefragte widerzuspiegeln.

Im Aufriss soll Yoga als die Form wissenschaftlichen Denkens schlechthin gedacht und dargelegt werden. Zweitens folgen Fragen und Themen zur Freiheit. Drittens, eine einfache und lebensweltliche Definition von Yoga wird umkreist. Viertens, der Freiheitsgedanke –Jiddu Krishnamurti und Mahatma Gandhi. Kursive Gedanken zum Abschluss.

Aufriss – Wie wissenschaftlich ?

Wissenschaftlichkeit bedeutet die Bereitschaft errungene Thesen, scheinbare Wahrheit ohne allzu großen Anlass, zu verwerfen. Wissenschaftlichkeit ist die Überzeugung nicht an fixe Fundamente zu glauben. Wissenschaftlichkeit ist damit eine Form von Yoga im Sinne Gandhis oder in anderer Formulierung und mit Foucault die reflektierte Lebenshaltung, die eine ständige, praktische und rein denkerische Reflektion – zwei Momente die streng genommen nie zu trennen sind – der eigenen Verhältnisse impliziert.[1]

Yoga means nothing but skill in work.”[2]

Womit die Arbeitsthese des Folgenden festgelegt sei. Eines Texts, der sich als ein Manifest der Autonomie verstehen möchte. Autonomie sei im Sinne von Cornelius Castoriadis beschrieben als der Versuch gemeinsam freier zu werden, da unsere Leben so untrennbar verbunden sind, jede Handlung neue Abhängigkeiten sowie Bekanntschaften oder Brücken zwischen Menschen und Dingen generiert, bleibt lediglich die Herausforderung jede zu befreien, so dass die Interaktion zwischen Menschen zu einem freien, farbenfrohen Spiel verrückter Energien wird.

Cornelius Castoriadis:

„Autonomie wäre die Herrschaft des Bewussten über das Unbewusste.“[3]

Castoriadis geht davon aus, dass es Menschen gegeben ist das völlig Neue zu schaffen, dass aus einem Grundmaterial schöpferische Kraft etwas hervorbringen kann, das nicht vorhersehbar gewesen ist, frei macht gegen bereits Gegebenes. Diese Art RebellIn zu sein, wird uns möglich, wenn wir uns in unseren Verstrickungen und Abhängigkeiten sehen können, oder anders, indem wir verstehen lernen, dass wir es immer mit blinden Flecken zu tun haben, nämlich diesen Orten im Denken, an denen wir nicht erkennen können, die wir auch nicht zu sehen vermögen. Erschaffen und frei sein, wird damit für Castoriadis möglich im Sinne einer gewissen Form von Demut, die jene Akzeptanz mit sich bringt, dass jede Errungenschaft vorläufig ist sowie die Möglichkeit zu agieren, nicht nach einem Plan sondern lediglich entlang eines Entwurfs, der im Praktizieren, im Tun beständig vom Heranrücken der Dinge verändert wird.

„Autonom ist ein Subjekt, das mit Grund schließen kann: Das ist wahr, und: Das ist mein Begehren.“[4]

Zu erlernen ist damit, vorläufige Fixpunkte zu finden, an denen Projekte sich abzustoßen vermögen, die dem Neuen Boden geben und nicht zwingen in der Lethargie zu verharren.

Thomas Nagel stellt die Frage nach dem Neodarwinismus, legt dar warum er in seiner vermeintlichen Wissenschaftlichkeit nicht so gelten kann. Wie kommt es, dass Menschen Einsichten gewinnen können, die abseits von dem Leben förderlichen Überlegungen sind, was bedeutet die Möglichkeit allgemeine Werte zu erkennen?

„Mein Vorhaben hat die vertraute Form eines Versuchs einer Reihe von Bedingungen gerecht zu werden, die gemeinsam unmöglich erscheinen.“[5]

Was ist der Mensch für eine paradoxe Figur?

„Wir selbst sind große, komplizierte Fälle von etwas, das objektiv physikalisch von außen und subjektiv mental von innen ist. Vielleicht durchdringt die Grundlage für diese Identität die Welt.“[6]

Fraglich wird damit, nehmen wir uns der Sache der Freiheit und dem Yoga an – identisch?: Wie wir Schlüsse, im Bewusstsein letztendlich keine Sicherheiten zu haben und in strengem Sinne nichts erkennen zu können, ziehen können? Was bedeutet die Erkenntnis der schlechthin nicht Besonderheit und Unwissenheit der Einzelnen für das Denken und wie muss oder sollte sich dies lebendig ausdrücken? Es kann nicht der Rückzug und das Verhalten eigener Denkweisen und Gefühle gemeint sein, da es einen Grund gibt weswegen wir hier sind, wenn auch unbekannt, oder: Es gibt keinen Grund und es ist sinnlos dieses Leben zu führen. Mit Camus möchte ich schließen, wir sind hier und nehmen die Aufgabe Leben an, da unser eigenes Leben nun einmal tatsächlich empfunden wird und jedes nicht Annehmen dieser Aufgabe ebenso wenig bedeutsam wäre. Womit Yoga als kulturloses Phänomen als gangbare philosophische Lebenshaltung vorgeschlagen ist.

Frei … wovon ??

Freiheit ist gut. Ich möchte frei sein. Wir wollen frei sein. Wovon möchten wir frei sein? Ich wäre gerne abhängig, ich bin abhängig, ich werde in meiner Abhängigkeit frei. Ich werde in meiner Abhängigkeit frei von anderen Abhängigkeiten. Welche Abhängigkeit ist die frei Machende, kann die Frage so gestellt werden? Ja, ich denke so. So kann die Frage gestellt werden: Wovon möchte ich abhängig sein, um nicht anderes zu wünschen. Woran möchte ich mich binden, kann ich mich binden, was brauche ich, um frei zu sein?? Um was? Wie kann man halb frei sein, also abhängig und frei, abhängig, um frei zu sein. Was ist diese Freiheit, was kann ich mit ihr tun. Einmal abhängig, möchte ich mich am Boden meiner Abhängigkeit befreien…

Muss ich frei sein, um abhängig zu werden. Will ich eigentlich frei sein oder geht es mir, uns im Reden über die Freiheit viel eher darum, dass wir uns bereits viel zu frei fühlen, ist es vielleicht die Abhängigkeit an die wir uns nicht mehr erinnern können, die wir wieder finden müssen. Über Freiheit reden, welchen Sinn kann das haben? Muss Freiheit nicht von selbst über uns hereinbrechen. Wenn wir frei sein wollen, kann diese Freiheit, dann nicht einfach nur passieren, es kann nicht sein, dass sie im bewussten Streben erlangt werden kann, welche Freiheit wäre das, die ich mir bewusst nehme. Jede bewusste Inanspruchnahme ist eine Abhängigkeit. Schluss: Freiheit kann nicht genommen werden, ist nicht definierbar, Freiheit kann mir passieren und ja, vielleicht ist sie ein schönes Phänomen, vielleicht ist es der freie Fall, der haltlose Wahnsinn, nein, der Wahnsinnige ist nicht freier als der Bürokrat!! Der ist frei, der es schaffen kann frei zu werden, um eines anderen willen…

Freiheit und das beanspruchen und suchen von Freiheit ist wohl das heimtückischste Geschäft, dem sich eine in die Arme werfen kann. So fällt beim Studium der großen DenkerInnen und Übenden in Sachen Freiheit ein Punkt fast neongelb ins Auge, die Freiheit, die gesucht, gelebt und beansprucht wird, geht in jedem Fall mit Elementen der totalen Nichtautonomie oder gar völligen Abhängigkeit in lebensweltlichen Dingen einher. Ein besonderes Beispiel ist Jiddu Krishnamurti der wohl herausragendste Denker des Freien und gleichzeitig unselbstständigstes Lebewesen denkbar. Krishnamurti wurde Zeit seines Lebens kindgleich bewacht und gehütet, um frei zu sein, die Forschungen des Geistes voranzutreiben und viel mehr, um überhaupt genährt und am Leben zu sein. Viel allgemeiner gesprochen, ist es ebenso auffällig, dass das traditionelle Indien mit seiner Befreiungsphilosophie ein Land der festen Strukturen und Familienbande war, in dem jede wusste wo der bestimmte Platz im Leben sich befindet. Kurz gesagt, die These, der ich im Folgenden nachgehen möchte lautet: Freiheit, Philosophieren braucht den externen Fixpunkt, um die Denkenden, die Meditierenden nicht mit sich zu reißen, in einem Sog der weniger zu Erkenntnis als bloßem Selbstverlust und eintreten ins Diffuse führt.

Zu Beginn seien zwei widersprüchliche Arten einen solchen Fixpunkt zu suchen angeführt. Einerseits wende ich mich an Michel Serres, andererseits soll Leo Tolstoi sprechen.

„Der Eremit ist allein vor Gott. Die Hütte des Eremiten ist die Antithese zum Kloster. Rings um diese konzentrierte Einsamkeit strahlt ein All aus, welches meditiert und betet, ein All außerhalb des Alls. Die Hütte kann keinen Reichtum »von dieser Welt« empfangen. Sie hat eine glückliche Intensität in der Armut. Die Hütte des Eremiten ist ein Ruhm der Armut. Von Entblößung zu Entblößung gewährt sie uns Zugang zum Absoluten der Zuflucht.“[7]

Wo ist … ?

„Das »ich« denkt nur außerhalb des »ich«. Es fühlt wirklich nur außerhalb seiner selbst. In der Sprache reduziert sich das »ich« auf das weite Gedächtnis seiner Sprache, auf das Kollektiv, auf die unbestimmte Gesamtheit der anderen, die Abschließung seiner offenen Gruppen, es erstarrt in seinen Gewohnheiten: Nahezu ständig und überall in diesem sprachlichen »ich« gefangen, leben wir nahezu unser ganzes Leben nicht. Wirklich lebe ich nur außerhalb meiner selbst; außerhalb meiner selbst denke, meditiere, weiß ich; außerhalb meiner empfange ich das Gegebene in seiner Lebendigkeit; und wenn ich etwas Neues schaffe, wenn ich erfinde, dann außerhalb meiner selbst.“[8]

Ich bin nicht dort, wo ich mich vermute?

„»Diejenige Leidenschaft, die mehr als andere Sie auf dem Weg zur Tugend straucheln ließ«, sagte der Freimaurer.
Pierre schwieg ein Weilchen und sann nach.
»Wein? Gutes Essen? Müßiggang? Trägheit? Heftigkeit? Bosheit? Weiber?« So musterte er seine Laster, wägte sie in Gedanken gegeneinander ab und wusste nicht, welches er für das schlimmste halten sollte.
»Die Weiber«, sagte er endlich mit leiser, kaum hörbarer Stimme.
Der Freimaurer rührte sich nicht und schwieg nach dieser Antwort lange. Dann ergriff er das auf dem Tisch liegende Tuch, trat zu Pierre heran und verband ihm wieder die Augen.
»Ich ermahne Sie noch ein letztes Mal: achten Sie auf sich selbst mit der größten Aufmerksamkeit, legen Sie Ihren Affekten Fesseln an, und suchen Sie das Glück nicht in den Leidenschaften, sondern in Ihrem Herzen. Die Quelle der Glückseligkeit befindet sich nicht außer uns, sondern in uns.«“[9]

Trotzdem, spiritueller Reichtum findet sich ebenso im Innen?

Worauf diese Textstellen verweisen sollen, ist die Unmöglichkeit und Notwendigkeit von Texten wie diesem, sie machen die Unrichtigkeit, der man sich ausliefert, wenn man über Yoga spricht sichtbar. Spirituelle Erfahrungen, Freiheit sind scheinbar erfahrbare Phänomene, bleiben aber jedoch temporär und keinesfalls mitteilbar. Dennoch, wir müssen uns mitteilen, es ist Teil unseres Forschens, Dinge (vor allem) sprachlich zu veröffentlichen und es ist die bereits Jahrhunderte alte, aufregende Aufgabe des mystischen Denkens das nicht Sprechbare zu beschreiben. Hoffnungslos und freudig, möchte ich mich in diese ForscherInnenreihe stellen, um nicht verzagt das Unmögliche falsch zu machen!

Yoga?

Im Hinblick auf die riesige Gesamtheit des Gegenstandes unseres Interesses bleibt lediglich zu sagen: Dafür gibt es keine ExpertInnen! Ein Studieren von Yoga kann niemals an sein Ende kommen weil der Gegenstand zu umfassend, zu aufregend ist uns jemals zur Ruhe oder auch nur zum Verweilen bei einer Meinung, kommen zu lassen. Alleine im Üben von Asanas ist Orientierung nach unterschiedlichsten Richtungen möglich. Mensch kann sich verschiedenen Lehren anschließen und wird mit der Zeit bemerken, dass vieles seine Berechtigung hat, wenn es nur bewusst und richtig eingestellt, geübt wird. Was ist das, die richtige Einstellung? Erster roher Sprechversuch: Die richtige Einstellung ist, möglicherweise: Einmal am Tag etwas nur um seiner selbst willen zu tun, nicht für Geld, nicht für Anerkennung – was vermutlich eines der schwierigsten Probleme darstellt – nicht um sich selbst zu testen, sich zu beweisen, sondern nur, um zu tun, um zu spüren.

„It is important to remember that the process of yoga is really the observation of what is, not the reduction of what is to our theory about it, or to our images of what we would like it to be.“[10]

Unverstellt den Augenblick verstehen.

„Whatever reason brings us to yoga, it is imperative to start from exactly where we actually are, and this requires at least a moment of true honesty.“[11]

Nicht den erstbesten Vorstellungen über uns und die Welt vertrauen, sondern noch einmal Halt machen, um vielleicht andere Möglichkeiten abzuwägen, einen sozusagen reflektierten Lebensstil auszubilden, ist meines Erachtens die Forderung.

Pause: Ein reflektierter Lebensstil? Dinge zerdenken, nicht ins Handeln kommen?

Dem sei widersprochen.

Yoga so könnte man es vielleicht noch einmal anders zusammenfassen, hat mit Maß halten zu tun, mit dem Wunsch und dem sich trainieren darauf, Richtiges zu tun, zu wissen, wann die Zeit zum Nachdenken ist und wann es dann nötig ist zu handeln. Womit nur gemeint sein kann, dass dieser Text fehlerhaft und offen ist, dass Yoga in der Reaktion beginnt, im gemeinsamen Erfahren. Ausreichendes Wissen, Expertentum … Diese Formulierungen müssen im Sinne Yogas ihre Bedeutung verlieren, gefragt ist gnadenlose Reflektion des Eigenen, weniger im Üben von Asanas, das uns eher stärken soll, als im Alltag danach, den wir gekräftigt durch unsere Praxis, anders und reflektierter leben lernen sollten. Was die Aufgabe jener wäre, die dankbar die Möglichkeit empfangen haben Yogaübungen betreiben zu dürfen. Die glücklich sind, nicht völlig vom kapitalistischen System und im Arbeitsprozess zerrieben zu werden. Yoga beginnt im Zuhören (Freeman), mit dem sich auf anderes und andere Einlassen, um gemeinsames Wachsen zu ermöglichen. Yoga geht so gesehen innerhalb einer Gesellschaft, einer Gruppe von Menschen oder einer Familie auf die Suche nach Wissen, begreift den Menschen als Teil eines (un)freiwilligen Kommunikationssystems. Der Imperativ: Im Üben und Leben braucht es den Mut zur Unfertigkeit der Handlungen und Sichtweisen, wir wollen beginnen uns in einer Situation einzufinden, die aufgrund ihrer Nichtperfektheit optimal und schön ist, uns lebendig und in Bewegung hält.

Yoga?

„Der Yoga ist kein System, sondern ein Weg, die Erlösung zu finden, und konnte als solcher mit den verschiedensten philosophischen Lehren verbunden werden.“[12]

Gegenwärtig wird auf hunderttausend unterschiedliche Arten über Yoga gesprochen und zumeist ist Hatha Yoga gemeint. Ha bedeutet im Sanskrit Sonne und tha Mond. Hatha Yoga ist damit eine Form von Körperpraxis, die gegensätzliche Energien harmonisieren möchte, um gesund zu halten, bereit zu machen. Unter Hatha Yoga sind damit zum Beispiel Asanas also Körperstellungen oder Atemübungen (Pranayama) zu verstehen.

„Yoga“ sozusagen gegoogelt – der Zeitpunkt war interessant, war damals doch viel die Rede von der vermeintlich schädlichen und Körper zerstörenden Yogapraxis – ein paar »Anschläge«:

Wikipedia: Yoga ist eine indische, philosophische Lehre, die eine Reihe körperlicher Übungen umfasst.

Brigitte: Yoga entspannt, gibt Energie und sorgt für bewegliche und straffe Muskeln.

Yoga Welten: Yoga ist der Oberbegriff für ein ganzes Bündel an Techniken und Methoden, welche alle den Menschen vom Leiden befreien sollen.

In der Süddeutschen ist im Zuge der Diskussion darüber, ob Yoga – gemeint sind Asanas – Gesundheit gefährdend ist, ein Artikel erschienen, der Yoga als Trendsport bezeichnet, der nur scheinbar und meistens nicht Schmerzen im Rücken, Kopf und den Gelenken verschwinden lässt.

Unter Yoga kann damit vom Trendsport bis zu Philosophie eigentlich alles verstanden werden, Yoga verspricht damit Weisheit, Schönheit und Gesundheit, sowie uns die Zeitungen lehren dem Ganzen irgendwie nicht zu trauen. Das Verständnis von Yoga bewegt sich damit im Alltag im Graubereich zwischen Allheilmittel und großer Betrügerei. Das soll so stehen bleiben! Da vermutlich diese Offenheit nicht fehlerhaft ist. All das Genannte wird als Yoga bezeichnet und jede, die Yoga weitergibt, wird nicht die Wahrheit übersehen können, eine kleine BetrügerIn zu sein, lediglich das Offenlegen der eigenen Unfähigkeit den Gegenstand zu meistern, lediglich die Freundschaft, die SchülerInnen oder eben besser gesagt FreundInnen in der Sache gegeben werden kann, vermag zum Teil freizusprechen. Denn YogalehrInnen, die gibt es nicht, nur solche, die bereit sind andere auf eine Reise mitzunehmen, auch um sich selbst nicht ganz so alleine zu fühlen.

Yoga?

„Yoga is freedom. It is freedom from the fear of not knowing who we are, from presenting a face to the world that is not truly representative of who we feel ourselves to be, and from pretending to believe in things that we do not really know to be true.“[13]

Yoga ist dem zufolge die Freiheit, die man empfindet, wenn man beginnt seiner Umwelt keine gewünschten Rollenbilder mehr vorzuspielen, sondern bereit ist, die einem begegnenden Menschen mit dem zu konfrontieren, das man wirklich denkt und empfindet. Yoga ist demnach das Ende der Furcht nicht akzeptiert zu werden. Mircea Eliade – der in der akademisch wissenschaftlichen Forschung ein Standardwerk vorgelegt hat – schreibt über Yoga:

„Kennzeichnend für den Yoga ist nicht nur seine praktische Seite, sondern ebenso seine Initiationsstruktur. Man erlernt den Yoga nicht allein; es bedarf der Leitung durch einen Meister (guru).“[14]

Womit die Frage nach dem Lehrer in interessanter Weise zurückkehrt! Keine Lehrer und nun doch der Guru? Schauen wir den Gegenstand aus anderer Richtung an. Als Suchende, darf ich mich jemandem anvertrauen, sie als LehrerIn annehmen? Diese Frage nun möchte ich durchaus positiv beantworten. Es tut der eigenen Reise gut eine Zeit lang die Verhaltensweisen und Tätigkeiten jemand anderes zu üben, um zu lernen, wenn es zur Öffnung des Eigenen beiträgt, das andere in liebevoller Umarmung einschließt.

Bedeutet Yoga sich einem Lehrer zu verschreiben unkritisch zu werden?

Möglich ist diese Interpretation und in Zeiten als sich Ältere um Jüngere angenommen haben, um im Gespräch sie ins Leben einzuführen, ihnen Kraft und Stabilität zu geben, war es sicher auch sinnvoll einem solchen Lehrer auf ein paar Jahre zu vertrauen, um zu lernen. Heute finden wir unser Wissen jedoch immer mehr in Institutionen, wir begegnen selten Menschen, die sich auf ein persönliches Lehrer-Schüler Verhältnis einlassen können und zumeist, sind solche Menschen, dann auch selbst Suchende. Kurz gesagt, fehlen den Lehrenden die realweltlichen Ressourcen, die es erlauben würden Verantwortung für die SchülerInnen zu übernehmen, womit tiefe Austauschverhältnisse unmöglich sind. Wer kann damit in der Gegenwart ein guter Lehrer sein? Das sind immer die Menschen, die uns nahe stehen, bereit sind, gemeinsam zu suchen. Gute Lehrer sind jene in unserem Leben, die bereit sind, eben dieses Verhältnis auch wieder umzudrehen, um selbst zur Lernenden zu werden.

Yoga?

Yoga ist die Freiheit, offen auf seine Umwelt zu reagieren und ebenso sind es unsere Mitmenschen, unsere Lehrer, die uns die Möglichkeit geben diesen Zustand zu leben, die uns beistehen und uns Vertrauen auf diesem Weg zum Wissen geben. Womit ich ein weiteres Stichwort eingeführt habe. Yoga ist ein Weg zum Wissen. Yoga ist Philosophie (?), wie ich bereits angesprochen habe und Philosophie bedeutet übersetzt aus dem Altgriechischen: Liebe (Philia) zur Weisheit (Sophia). Yoga ist demnach interessiertes Streben, das Streben nach einer Form der gelebten oder praktischen Philosophie.

?

Womit möchte uns diese Philosophie (die im strengen Sinne auch wieder keine ist sondern ein philosophisches Fahrgestell) konfrontieren: Denn was kann Philosophieren nur bedeuten? Unter Philosophieren kann freundliche oder ja vielleicht sogar verliebte Form von Konfrontation verstanden werden, unter Philosophie muss die Anstrengung verstanden werden, die Dinge nicht einfach hinzunehmen, der Anspruch sich die Aufgabe zu stellen, etwas beitragen zu wollen in diesem Leben. Die Art und Weise dieses Beitrags können wir auf unserem Yogaweg herausfinden. Yoga will uns helfen uns einzubringen für die Ganzheit des Existierenden und verspricht uns dafür mit Einsicht zu belohnen.

Beitragen?

Erstens gilt, dass es immer gilt die im Moment bestehende Situation für wichtig zu nehmen und zweitens, dass wir diesen Weg nicht alleine gehen können, sondern innerhalb einer Gemeinschaft, wie oben angesprochen. Folgerichtig müssen jetzt die Fragen auftauchen: Wie soll das genau funktionieren? Und: Warum soll ich das tun? Wie kann man völlig im Moment sein? Wie kann ich es schaffen mich vollständig zu konzentrieren?

Wer ist Patanjali?! Yoga-Sutren?! Patanjali gilt als Autor der Yogasutren, es gibt viele Geschichten über ihn und Weniges ist sicher zu dieser Person zu sagen. Er soll zwischen dem 2. vorchristlichen und dem 4. nachchristlichen Jahrhundert gelebt haben. Das in den Sutren vorgelegte Wissen sollte jedoch nicht als von ihm erfunden verstanden werden, eher kann Patanjali als die Person gelten, die bereits lange existierendes Wissen zusammengefasst hat. Sutra bedeutet wörtlich übersetzt Faden – andere Übersetzungen sind sehr wahrscheinlich – und es handelt sich damit bei den Yoga-Sutren, um einen Leitfaden, um kurze Merksprüche, die den Übenden am Yogaweg unterstützen sollen. Sie sind damit auch nicht als dogmatische Regeln zu verstehen sondern als Hilfestellung, die wiederum nicht zum Selbstzweck werden kann sondern helfen soll sich besser konzentrieren zu lernen, mehr im Moment zu sein. Ein Leben mit Yoga bedeutet die Zeiten des notwendigen Regelbruchs zu erkennen.

Ich komme zurück zu dem Zitat, das diesen Textabschnitt eröffnet hat. Yoga ist in diesem Sinn keine Philosophie sondern keine Autobahn aber ein Waldweg zur Erkenntnis, der jeder Philosophie angehängt werden kann. Ich möchte mich fragen, ob Frauenwallner vielleicht einem Irrtum aufgesessen ist. Muss nicht eben diese Methode immer schon Teil des Philosophierens sein und wir hier, Opfer einer zu gut gemeinten „westlichen“ Aufklärung, müssen den irrationalen Glauben daran aufgeben, dass Philosophie als reine Form als denkende Wissenschaft betrieben werden kann? Ganz banal gesprochen, hat der weiße, mitteleuropäische und philosophierende Mann Liebeskummer oder wahrscheinlicher noch andere Arten von Problemen mit dem Ego, so wird sein Denken nur zum Scheine funktionieren. Mit dem Fahrgestell Yoga, können die Erkenntnisse an Bedeutung verlieren und die Fragen ihre Macht zurück gewinnen. Im Sprengen der Grenzen des Denkbaren ohne Aussicht auf Wahrheit, erst wenn sich die Philosophierenden von ihrem Tun ganzheitliche verschlingen lassen, kann etwas Neues und Fragiles ins momentane Dasein treten. Möglicherweise haben wir für diese Art von Erkenntnis noch nicht den richtigen zeitgemäßen Text.

„Warum nicht auf dem Kopf gehen, mit den Stirnhöhlen singen, mit der Haut sehen, mit dem Bauch atmen, die einfachste Sache, Entität, voller Körper, auf der Stelle reisen Anorexie, sehende Haut, Yoga, Krischna, Love, Experimentieren. Wo die Psychoanalyse sagt: Halt, findet euer Selbst wieder!, müsste man sagen: Gehen wir noch viel weiter, wir haben unseren oK noch nicht gefunden, unser Selbst noch nicht genügend abgebaut.“[15]

Freiheit – Gandhi und Krischnamurti

Gandhi. Sein Anliegen war die Befreiung Indiens von der Kolonialherrschaft durch gewaltfreies Widerstehen. Die regionale Produktion in Indien aufbauen, friedliche Märsche, fasten oder mit einer großen Gruppe von Menschen immer wieder Grenzen überschreiten, provozierte Gefangenschaft, Unrecht aufzeigen, dies waren die gewählten Praktiken. In Südafrika hielt er Streik mit ArbeiterInnen, die dann, weil im Gefängnis sitzend, nicht arbeiten konnten und ihre Lebensbedingungen mussten überdacht werde. Frauen waren in vielen Projekten MitstreiterInnen.

Gandhis Yoga des Handelns stellt dem Denken zwei Aufgaben. Erstens müssen Philosophierende auch Handelnde sein, zweitens darf ihr Handeln nicht auf andere, ein soziales Gefüge, Situationen beschränkt bleiben sondern muss auch selbst transformierende Formen annehmen. Die Wahrheit muss, mit Gandhi gesprochen, angestrebt werden und zeichnet sich dadurch aus, sich am Ende eines Arbeitsprozesses, der Kohärenz im Existieren und Denken der Philosophierenden erreichen möchte, zu zeigen. Es ist eben dieser Prozess, der Weg zur Wahrheit, der uns auch frei macht weil er einem Leben klaren Fokus gibt, er macht frei – für eine Sache. Gandhis Vorstellung von Freiheit könnte man damit als eine beschreiben, die aussagt, dass die Form der gelebten Unfreiheit gewählt ist. Wahrheit ist damit kein Gut an sich, sie erhält ihre Bedeutung erst mit den Transformationen, die sie als Angestrebte in einer Welt vornimmt, mit der Freiheit, die sie einer Gesellschaft zu bringen vermag. Wahrheit findet ihre Bedeutung in der Welt, die durch sie möglich wird, in der Freiheit, die sie bringt.

Wie kann das Wahrheitssuchen passieren? Welche Rückwirkungen muss die Suche nach der Wahrheit auf die Suchenden zwangsläufig haben?

Eliade: „Denn für Indien war die Kenntnis der «Bedingheits»systeme nicht Selbstzweck; das Wichtige war nicht ihre Erkenntnis, sondern ihre Bemeisterung;“[16]

Es soll damit im Folgenden um die Suche nach einer Wahrheit beziehungsweise nach Freiheit, die durch eben diese Wahrheit möglich wird, gehen, die wir nicht nur denken können, sondern auch tun. Wie kann ein solches theoretisch-praktisches und philosophisches Experiment passieren?

„Es ist besser Unrecht zu leiden als Unrecht zu tun“[17] (wird Sokrates zugeschrieben )

Hannah Arendt nennt diesen Satz als eben den Grundsatz des philosophischen Denkens schlechthin als des Philosophierens Möglichkeitsbedingung. Dieser Satz ist so zentral weil er auf einer Erfahrung beruht, die der Philosophie eigen ist, so Arendt. Darum Bescheid zu wissen und trotzdem entgegen seiner zu handeln, führt nach Arendt für die PhilosophIn zu einem unerträglichen Widerspruch. Die PhilosophIn kommt mit Platon gesprochen erst im schweigenden Dialog mit sich selbst zu ihren Aussagen, die Philosophie ist damit eine dialogische Angelegenheit und kann sich die PhilosophIn nicht ganzheitlich an ihre Denkergebnisse halten, verliert sie die Basis ihres Denkens. Arendt schreibt:

„Der Denker bzw. der Mensch, sofern er denkt, kann es sich nicht leisten, Unrecht zu tun, weil er die Integrität des Partners im schweigenden Dialog mit sich selbst intakt halten muß, will er nicht die Fähigkeit, zu denken und damit auch zu philosophieren, ganz und gar verlieren.“[18]

Was verschaffte diesem Satz jedoch seine Verbindlichkeit? Es ist eine Art philosophischer Beweisführung, die Sokrates vollbracht hat, argumentiert Arendt, er hat sein Leben für diesen Satz eingesetzt und damit nicht Willen oder Starrsinn bewiesen sondern sein Denken Wirklichkeit werden lassen. – Sokrates hat sich, ziemlich knapp gesprochen, im Hinnehmen seines Todesurteils einer Gesetzesstruktur unterworfen, die er respektierte und nicht durch ein sozusagen illegales Verhalten, wie eine geheime Flucht, hintergehen wollte. – Und eben dieses Wirklichwerden erlaubte es Sokrates nicht nur die Wahrheit zu sprechen, sondern auch gelebt Bedeutung zu erlagen. Sokrates gibt in seinem Tun der Philosophie die Kohärenz zurück, vermittelt zwischen dem Denken und der Welt. Als PhilosophIn gilt es damit einen Yoga des Handelns, wie Gandhi ihn aus der Bhagavad Gita übernimmt, zu leben.

Womit ich zu Gandhis Experimenten mit der Wahrheit übergehen möchte. Zu diesem Zweck möchte ich mich seiner Interpretation der Bhagavad Gita zuwenden. Die Bhagavad Gita ist ein Gespräch mit sich selbst, mit der Wahrheit, die in einem wohnt, wie ich es gerne formulieren möchte. Die Bhagavad Gita, der „Gesang des Erhabenen“ ist ein Lehrgedicht, das zwischen dem zweiten und fünften vorchristlichen Jahrhundert entstanden ist und ist Teil des Mahabharata eines zentralen indischen Epos. Ich halte mich an dieser Stelle an die Interpretation von Gandhi, es gibt aber viele andere.

Die Hauptperson ist Arjuna, der Krishna gegenüber steht, welche Figur Gandhi als die Personifizierung von echtem Wissen und Perfektion beschreibt. Diese Idee, die Idee von Perfektion in personaler Gestalt, hält Gandhi jedoch für nicht haltbar, aus welchem Grund er die Bhagavad Gita als das Dokument eines Kampfes mit sich selbst lesen möchte. Die Geschichte, die erzählt wird, ist in ihrem größeren Zusammenhang sehr komplex, jedoch auf ihren Kern reduziert sehr einfach. Arjuna ist Krieger, oder kämpfender Edelmann und sieht sich einer Situation gegenüber, in der er seine Soldaten gegen andere führen soll, die mit ihm verwandt sind. Arjuna gerät ins Zweifeln und will nicht kämpfen weil er seine Verwandten nicht töten kann. Die Bhagavad Gita ist das Dokument des Prozesses, der Arjuna schlussendlich doch noch dazu bringt zu kämpfen.

Bevor ich in Gandhis Darlegungen einsteige, sei noch einmal an die Thesen und Fragen erinnert, die ich versucht habe bisher darzulegen und entlang derer ich mich auch Gandhi annähern möchte.

  1. Wahrheit ist kein Gut an sich sondern erhält ihre Bedeutung erst in der Welt, die sie möglich macht.
  2. Die Welt, die durch das Suchen nach der Wahrheit möglich werden soll ist eine, die von den Bedingtheitssystemen, wie Eliade benannt hat, frei macht. Es geht damit darum eine Wahrheit zu finden, die eine freiere Welt, freieres Leben erlaubt.
  3. Stellt sich die Frage, wie sich Wahrheitssuche zutragen kann. Und soviel sei vorweggenommen, für Gandhi muss Wahrheit immer mit Gewaltfreiheit einhergehen, was die Wahl der Bhagavad Gita als Text besonders interessant macht.

Zwei Dinge stehen damit im Mittelpunkt des Folgenden: Erstens, Wahrheit bedeutet auch Gewaltfreiheit und zweitens bedarf es des freieren Lebens, um diese Wahrheit erfassen zu können, es bedarf einer bestimmten Lebenspraxis. Es geht Gandhi um die Suche nach einer freieren Welt weil einerseits die Wahrheit nur von dem erkannt werden kann, der sich von den Bedingtheitssystemen abgelöst hat, dieser Versuch des Ablösens andererseits gleichzeitig eine Welt erschaffen muss, die eben jenen selbst möglich macht.

Ich komme zurück zu Arjuna, der sich beklagt seine Verwandten nicht töten zu können. Gandhi wirft ihm vor, sollte er nicht in die Schlacht ziehen, würde er seine Soldaten im Stich lassen, eben deren Familien dem Tod preisgeben. Aus diesem Grund sieht Gandhi keinen anderen Ausweg für Arjuna als zu kämpfen, weil er sich im Annehmen seines Status als Soldat einmal dazu entschieden hat generell zu töten, so muss er nun auch bereit sein diese Schlacht zu schlagen, da jeder Mensch in gleicher Weise behandelt werden muss und Arjuna seine Verantwortung übernehmen muss, die er mit der Wahl dieses Lebens angenommen hat. Gandhi hält damit fest, dass einer der potentiell bereit ist zu töten, es auch immer tun muss, wenn es sich als die Pflicht des Moments zeigt. Dies widerspricht seiner Forderung nach Gewaltfreiheit in keinster Weise, da er auch in diesem Punkt argumentieren würde, wenn einer sich zur Gewaltfreiheit bekennt, so muss er sie auch immer praktizieren. Gandhi gibt natürlich einer Welt den Vorzug, in der alle sich für den gewaltfreien Umgang entscheiden. Wenn man Gandhi jedoch auch in diesem Punkt Berechnung unterstellen könnte! Da er, in den Kämpfen, die er ausgetragen hat, auch sehr schnell erkannte, dass Gewaltfreiheit ein mächtiges Mittel in einem Kampf sein kann, der gegen einen militärisch überlegenen Gegner geführt wird. Es geht Gandhi damit darum, dass in einer Welt, die das Streben nach Wahrheit erlaubt, jeder orientiert an seiner Pflicht, also berechenbar handeln soll. In dem was er tut so weit wie möglich Perfektion zu erreichen versucht.

Diese Praxis nennt Gandhi nun Yoga, Gandhi schreibt:

„Yoga means nothing but skill in work“[19]

Womit ich zum nächsten Punkt komme und der Frage danach, was Streben in diesem Kontext bedeuten darf. Nach Wahrheit streben, muss nach Gandhi gleichzeitig bedeuten, eben auch dieses Streben aufzugeben, muss bedeuten sich für eine Tätigkeit zu entscheiden und diesen Weg dann mit Konsequenz zu verfolgen, muss bedeuten den passenden Weg für sich zu finden, einen Beitrag leisten zu können. Dieser Beitrag muss dann erbracht werden, ohne daran zu denken, ob am Ende Erlösung, die Einsicht, oder die Anerkennung der Mitmenschen liegt. Gandhi greift sich selbst als Beispiel auf. Er hat die Verantwortung für die Kinder übernommen, die bei ihm leben, aus welchem Grund er kein Wahrheitssuchender wäre, würde er sich in die Berge zurückziehen, um dort zu meditieren, um zu Einsichten zu gelangen. Er, so Gandhi, müsse in diesem Zusammenleben mit den Kindern, im Erfüllen seiner Verantwortung, im Weltlichen die Wahrheit verwirklichen. Ganz knapp formuliert kann mit Gandhi somit behauptet werden, dass wir in jedem Moment wahrhaftig leben können, die Wahrheit jedoch sozusagen am Ende dieses Prozesses steht, das Abfallprodukt einer reflektierten Lebenshaltung ist, eines Lebens nach dem Prinzip der Wahrhaftigkeit in jedem Moment. In welches Verhältnis bringt Gandhi das Denken zum Glauben? Mit ihm kann man wohl sagen, dass das eine nicht vom anderen zu trennen ist!

Es braucht nach Gandhi das Vertrauen in einen unbestimmten Weg, der auch nicht mit Sicherheit zur Erkenntnis führt. Aber jedoch täglich mit Teilwissen bereichert, das sozusagen ein Wegweiser sein kann.

Womit der Übergang zu Krishnamurti leicht fällt.

Jiddu Krishnamurti ist am 12. Mai 1895 in Madanpalle in Indien geboren und gestorben am 17. Februar 1986 in Ojai in Kalifornien. Als Kind fällt Krishnamurti auf und wird 1910 durch die Theosophische Gesellschaft zum kommenden Weltlehrer erklärt und man gründet den „Orden des Sterns im Osten“ für ihn, den er später selbst auflöst, da er zu der Überzeugung gelangt, dass der Mensch keine Anleitung braucht sowie Krishnamurti selbst keine VerehrerInnen. Mit seinem Vortrag „Die Wahrheit ist ein pfadloses Land“ beendet Krishnamurti am 2. August 1929 die Existenz des „Ordens des Sterns im Osten“. Er setzt damit ein Zeichen für das Denken, welches aussagt, dass jeder Einzelne nur im intelligenten Streben und ohne Institution, Lehrmeister oder Methode den Weg zum Wissen finden kann. Er eröffnet diesen Anlass mit einer eigentlich ganz lustigen aber auch sehr denkwürdigen Geschichte:

„Sie erinnern sich vielleicht an die Geschichte, wie der Teufel und einer seiner Freunde eines Tages die Straße entlanggingen. Sie sehen vor sich einen Mann, der sich bückt und etwas vom Boden aufhebt, es betrachtet und dann in seine Tasche steckt. Der Freund fragt den Teufel: »Was hat der Mann da aufgehoben?« »Er hat ein Stück von der Wahrheit aufgehoben«, sagt der Teufel. »Das ist aber ein sehr schlechtes Geschäft für dich«, sagt sein Freund. »Oh, durchaus nicht«, antwortet der Teufel, »ich werde ihm vorschlagen, sie zu organisieren.«“[20]

Wahrheit kann nicht in Portionen eingeteilt, dann gerecht verteilt und durch gewisse Praktiken oder Theorien erhalten werden, sie muss im Einsatz des ganzen eigenen Lebens gesucht werden. Wie Gandhi argumentiert er in diesem Punkt dafür, dass es nicht das Praktizieren von Yogaübungen oder ein zurückgezogenes Leben sein kann, das zum Wissen führt, sondern das umsichtige Tun in jedem Augenblick. Nicht soll behauptet werden, dass ein ruhiges, meditatives Leben dem Erkenntnisgewinn widersprechen würde, es ist aber auch kein Garant des Wissensgewinns.

„Yoga-Übungen sind ausgezeichnet, um den Körper gesund zu erhalten. Doch Sie können durch sie nie das Andere entdecken, niemals! Denn wenn Sie die Übungen zu wichtig nehmen, dann nehmen Sie das Verstehen Ihrer selbst nicht wichtig, und das heißt, wachsam, gewahr sein, darauf zu achten, was Sie tun, jeden Tag ihres Lebens.“[21]

Erkenntnis gibt es damit immer nur im Gegenwärtigen und an dem Ort an dem man lebt. Krishnamurti zweifelt auch am Indientourismus mit dem Ziel Erleuchtung. Erkenntnis passiert im achtsamen alltäglichen Tun.

Erleuchtung ist da, wo Sie sind.“[22]

… wo Sie sind, kann in unterschiedlichster Weise gelesen werden.

„Die Wahrheit kann nicht heruntergeholt werden; vielmehr muß der einzelne sich die Mühe machen zu ihr hinaufzusteigen.“[23]

„Ich will nicht, daß Sie mir zustimmen. Ich will nicht, daß Sie mir nachfolgen. Ich will, daß Sie verstehen, was ich sage.“[24]

Wer ist der Suchende, gibt es das Individuum?

„Wirkliches kollektives Handeln kann nur stattfinden, wenn Sie als Individuum, das ja auch die Masse ist, wach sind und ohne Zwang die volle Verantwortung für ihr Handeln übernehmen.“[25]

Instituionen und somit auch das Individuum, müssen permanent in Frage gestellt sein.

„Sie haben die Familie, die Nachbarn und den Staat, und wenn Sie deren Bedeutung in Frage stellen, werden Sie sehen, daß Intelligenz spontan kommt, nicht erworben werden muß, nicht kultiviert werden muß.“[26]

Und eben dort, so könnte man jetzt mit Krishnamurti argumentieren, sind wir frei, in unserer Möglichkeit in Frage zu stellen. Nicht weil wir eine Wahl haben, da die Wahl einschließt, dass es Dinge gibt, die man nicht wählen kann, sondern weil wir die bestehende Welt in Frage stellen können.

„Die Einzigartigkeit des Menschen besteht jedoch nicht in Äußerlichkeiten, sondern in der vollkommenen Freiheit vom Inhalt jenes Bewusstseins, das allen Menschen gemeinsam ist. Somit ist er kein Individuum. Freiheit ist keine Reaktion; Freiheit ist nicht Wahl. Der Mensch bildet sich ein, frei zu sein, weil er eine Wahl hat. Freiheit ist reine Beobachtung ohne Richtung, ohne Angst vor Strafe oder Belohnung. Freiheit ist ohne Motiv. Freiheit steht nicht am Ende der Evolution des Menschen, sie liegt vielmehr im ersten Schritt seines Daseins.“[27]

Womit es zu einer abschließenden Erklärung kommen kann:

„Wenn Sie an der ganzen Menschheit interessiert sind, nicht nur an Ihrem Nachbarn oder Ihrer Frau, sondern an der ganzen Menschheit, wenn Sie das Ganze sehen, dann können Sie das Detail in Ordnung bringen.“[28]

Es genügt damit nicht analytisch die Dinge aufzuschlüsseln, es braucht den beständigen Blick, oder besser gesagt beständiges Interesse am Ganzen. Freiheit bedeutet die Chance mit Handlungs- und Denkmöglichkeiten zu experimentieren, Entscheidungen immer neu zu erleben.

Freiheit ist heute eine kaum spürbare Sache. Freiheit ist heute sanft und weich, sie liegt nicht in der Hand, kann nicht gesehen werden. Freiheit, sie streift meine Haut, ist der sinnliche Moment des sich im Übergang Befindens und Freiheit ist das hysterische Gefühl des überganglosen Daseins im um nicht zu sagen Raum. Freiheit im Nicht-Raum, sie entsteht in diesem undefinierbaren Etwas nicht Sein, das man individuelles Leben nennt und schon im Sprechen sich der bodenlosen Unsinnigkeit des Gedachten bewusst wird. Individuell ist das Gefängnis, Leben verspricht uns Freiheit. So gilt es aus dem Gefängnis die verbotene Frucht zu kosten, erreichbar ist sie nicht, strecken müssen wir uns trotzdem. Freiheit ist heute die Liebe zum Scheitern, das Tun des immer Unpassenden.

Wenn man einen Tag zu spät – Freiheit – wenn man ein paar Stunden zu spät am Textbuch ankommt – Freiheit – wenn man frei ist dennoch zu schreiben. Was ist Freiheit, einen Tag zu spät, was ist Tun, um frei … Wie können wir frei sein und was hat das mit mir zu tun? Ich bin frei, wozu, ich bin unfrei, warum nicht … Am Ende ist die Freiheit ein schillerndes Ding, dies eine nicht habbare Geschenk – verpackt – umgedreht – der unerreichbare Mittelpunkt am Ende des Ganges. Bitte lass sie mich kosten diese Frucht. Früchte der Freiheit gewachsene Süße … Noch ist mein Gehirn verknotet, noch laben sich die Gedanken an breiiger Substanz, keine Gestalt tritt hervor, die Freiheit, sie ist noch nicht geboren, ihre Mutter ist – die Angst ?? – sie trägt sie aus – immerhin.

… an manchen Tagen vergisst man, dass es sie gibt.

… Mittlerweile kann man sagen, ich habe sie vergessen! Den letzten halben Monat lange habe ich vergessen, dass es sie gibt, die Freiheit. Waren meine Empfindungen weg? Fehlten die Worte? Wie kommt es, dass nichts notiert wurde? Die Freiheit konnte nicht manifest werden, ich habe ihr nicht die Chance zur Materialisierung gegeben. Mutwillig der Freiheit entzogen, mir bereitwillig die Freiheit genommen – nichts zu schreiben. Wenn sich die Knoten im Gehirn zu Brei zerlaufen … Ist das Freiheit? Wenn man beginnt viel zu viel zu spüren, ist das Freiheit? Zu viel zu spüren und es nicht mehr zuordnen zu können, das ist in jedem Fall Alltag.

Mir bleibt die Freiheit immer wieder neu anzufangen.

Literatur

Arendt, Hannah. „Wahrheit und Politik.“ In Wahrheit und Politik, 7-62. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 2006.

Castoriadis, Cornelius. Gesellschaft als imaginäre Institution. Entwurf einer politischen Philosophie, suhrkamp taschenbuch wissenschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1997.

Deleuze, Gilles, and Félix Guattari. Kapitalismus und Schizophrenie. Tausend Plateaus. Berlin: Merve Verlag, 1997.

Eliade, Mircea. Yoga. Unsterblichkeit und Freiheit. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Verlag, 2004.

Foucault, Michel. „Was ist Aufklärung?“ In Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst, 171-90. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2007.

Frauwallner, Erich. Geschichte der indischen Philosophie. Vol. 1. Aachen: Shaker Verlag, 2003.

Freeman, Richard. The Mirror of Yoga. Awakening the Intelligence of the Body and Mind. Boston und London: Shambhala, 2010.

Gandhi, Mahatma. The Bhagavad Gita According to Gandhi. Berkeley California: North Atlantic Books, 2009.

Krishnamurti, Jiddu. Vollkommene Freiheit. Das große Krishnamurti Buch. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2011.

Nagel, Thomas. Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2014.

Serres, Michel. Die fünf Sinne. Eine Philosophie der Gemenge und Gemische. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1998.

Tolstoj, Lew N. Krieg und Frieden. Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag, 2001.

[1] Vgl.: Michel Foucault, „Was ist Aufklärung?“ in Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst, suhrkamp taschenbuch wissenschaft (Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2007), 190.

[2] Mahatma Gandhi, The Bhagavad Gita According to Gandhi (Berkeley California: North Atlantic Books, 2009), 25.

[3] Cornelius Castoriadis, Gesellschaft als imaginäre Institution. Entwurf einer politischen Philosophie, suhrkamp taschenbuch wissenschaft (Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1997), 173.

[4] Ibid., 178.

[5] Thomas Nagel, Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist. (Berlin: Suhrkamp Verlag, 2014), 17.

[6] Ibid., 65.

[7] Michel Serres, Die fünf Sinne. Eine Philosophie der Gemenge und Gemische (Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1998), 56.

[8] Ibid., 123.

[9] Lew N. Tolstoj, Krieg und Frieden (Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag, 2001), 625.

[10] Richard Freeman, The Mirror of Yoga. Awakening the Intelligence of the Body and Mind (Boston und London: Shambhala, 2010), 55.

[11] Ibid., x.

[12] Erich Frauwallner, Geschichte der indischen Philosophie, vol. 1 (Aachen: Shaker Verlag, 2003), 260.

[13] Richard Freeman, The Mirror of Yoga. Awakening the Intelligence of the Body and Mind (Boston und London: Shambhala, 2010), x.

[14] Mircea Eliade, Yoga. Unsterblichkeit und Freiheit (Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Verlag, 2004), 13.

[15] Gilles Deleuze and Félix Guattari, Kapitalismus und Schizophrenie. Tausend Plateaus (Berlin: Merve Verlag, 1997), 207.

[16] Mircea Eliade, Yoga. Unsterblichkeit und Freiheit (Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Verlag, 2004), 5.

[17] Hannah Arendt, „Wahrheit und Politik“, in Wahrheit und Politik (Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 2006), 32.

[18] Ibid., 34.

[19] Mahatma Gandhi, The Bhagavad Gita According to Gandhi (Berkeley California: North Atlantic Books, 2009), 25.

[20] Jiddu Krishnamurti, Vollkommene Freiheit. Das große Krishnamurti Buch (Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2011), 21.

[21] Ibid., 432.

[22] Ibid., 433.

[23] Ibid., 22.

[24] Ibid., 26.

[25] Ibid., 35.

[26] Ibid., 54.

[27] Ibid., 391-92.

[28] Ibid., 414.


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