Nach der Heimat fragen? Was kann Heimat sein, wo, wann, mit wem? Heimat so könnte man behaupten, ist einerseits eine besonders erdige Formulierung, um auf Orte zu verweisen, zu denen eine jede/r ein zwiespältiges Verhältnis pflegt, das bezeichnet ist durch Begriffe wie Liebe, Geborgenheit und Verständnis, durch verstanden Werden im ganz unmittelbaren Sinn des mächtig Seins der verwendeten Sprache, sowie Heimat mit anderen, nicht-wohlfühl Attributen bezeichnet ist. Heimat als Enge, als Ort des kulturellen Zwangs, dem man sich als »Einheimische« nicht entziehen darf. Diese weniger erbaulichen Zuschreibungen, die dem Begriff „Heimat“ beigestellt werden, sind jedoch jene, die ihn wertvoll machen. Heimat ist nämlich der Ort an dem man die Möglichkeit in Händen hält zu revoltieren. Heimat ist der Ort an dem es möglich ist, sich einzumischen, womit Heimat immer genau dort ist, wo man beginnt sich so tief auf sein Umfeld einzulassen, dass es Grund zur Auflehnung gibt. Um selbst Welten oder Heimaten zu erschaffen, braucht es damit den Willen zur Interaktion, zum Treffen mit der dinglichen Welt und deren Menschen.

Andererseits ist Heimat dort, wo man du jeder Zeit alle seine Rechte wahrnehmen können muss und damit in der gegenwärtigen Welt ein sinnentleertes Wort, niemandem ist mehr damit geholfen an einem bestimmten Ort »berechtigt« zu sein, denn sind es nicht wir, die wir die Tore unserer Heimatstadt hinter uns lassen (müssen), so bricht die Welt unweigerlich, respektlos den Grenzen jeder Gemeinschaft gegenüber, in unser Leben ein.

Drittens ist Heimat etwas an das wir uns erinnern. Sie ist die Struktur, die erlaubt Entscheidungen zu treffen. Als Heimat kann der je individuelle Fixpunkt begriffen werden, der Aktivität erlaubt. Dieser Punkt braucht kein ganzes Leben lang gleich sein, er sollte auch niemals unhinterfragt akzeptiert bleiben und sogar der Zweifel an einem solchen Fixpunkt kann ein Zuhause werden. Doch ETWAS ist notwendig, wir können uns traditionell an den Werten der herrschenden Ordnung orientieren, in der wir aufgewachsen sind, wir können uns dem Zeitgeist anschließen und Besitztümer zusammenraffen – das Streben nach Reichtum ist ein besonders einfaches Heim, kaum gibt es dort den Zweifel, der Mensch bleibt klar fokussiert, oder wir erfinden uns Zukunftsszenarien, die unsere Fluchtpunkte werden, betreiben utopische Kritik. Wie wir es auch angehen wollen, Heimat ist in diesem dritten Sinn eine Erfindung jeder/s Einzelnen, die durchzogen mit gesellschaftlichen Fetzen, in ihrer Versprachlichung aktuell werden kann.

Heimat zu besitzen, bedeutet damit über Freiheit zu verfügen, über die Freiheit Geschichten sich zu vergegenwärtigen, die immer wieder und passend zum Aktuellen erzählt werden müssen, die helfen Vergangenheit wirklich werden zu lassen, die das Bauen der Zukunft erlauben. Um den mit einem merkwürdigen Beigeschmack belegten Begriff Heimat wieder wirksam machen zu können, braucht es seine Herauslösung aus dem Konstrukt allzu festgelegter Ordnungen, die Benennung eben jenes Elements der Heimat, das als Ort des Ablösens von, des Weiterdenkens von… verstanden werden kann. Heimat ist damit der Ort, die Person, das Tun… an, bei dem/der wir nie zuhause waren, der, die, das es uns aber erlauben in Auseinandersetzung zu leben, den Dialog mit einer Art von Autorität und Stabilität in uns zu führen, der Freiheit erlaubt, die es immer nur im frei Sein von… geben kann.


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